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Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Jenny, Vera-Lotte Böcker, im Wohlstandsmüll.
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Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Jenny, Vera-Lotte Böcker, im Wohlstandsmüll.

Nationaltheater Mannheim

Vor allem aber achtet scharf, dass man hier alles dürfen darf

„Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ als muntere und unterhaltsame Revue. Die Musik aber: todernst.

Dass sich in Bertolt Brechts Texten Scharfsinn und Politik meist mit Unterhaltsamkeit und Ambivalenz zusammentun, zeigt sich erst recht in Kurt Weills Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“. Das bürgerliche Publikum (wir) liebt die Unterhaltsamkeit, und kennt die Ambivalenz und nimmt selbst die Leviten in Kauf, die ihm gelesen werden. Am Nationaltheater Mannheim macht Regisseur Markus Dietz es einem zudem nicht schwer. Seine Inszenierung präsentiert die Geschichte über das Scheitern eines turbokapitalistischen Projekts an sich selbst als Revue für großes Ensemble.

Es beginnt mit einer witzigen Filmeinspielung, die zeigt, wie sich die Witwe Begbick, Fatty und Dreieinigkeitsmoses eine Schießerei mit der Polizei liefern. Es sieht im Hintergrund aus wie im schönsten Odenwald, und es sind die Mezzosopranistin Heike Wessels und ihre Kollegen Raphael Wittmer und Thomas Jesatko, die hier im Auto davonrasen. Sie kommen so, alter, netter Trick, auf der Bühne an, wo eine Conférencière (Anne Diemer) uns aufs Laufende bringt und auch nachher fesch und halbbekleidet mit Zylinder und Glitter durch den Abend führt. Auf Ines Nadlers Bühne dominiert ein Leucht-M. Es gibt Videobilder (Thilo David Heins), die das Herannahen des Hurrikans auf einer Eiserner-Vorhang-großen Wetterkarte zeigen und ebenso sein jähes Abbiegen. Es gibt einen aufblasbaren Anzug fürs große Fressen, extragroße Boxhandschuhe für Kampf und Spiel, es gibt adrett verruchte Komparsinnen an der Stange für den schnellen Sex. Erst denkt man vielleicht, dass die Inszenierung überhaupt keine Vorstellung davon vermittelt, was die dunkle Seite von Maßlosigkeit und Lebens-/Geldgier überhaupt ist. Dann wird man das Gefühl nicht los, dass diese Sicht auf die Dinge – die verwerflich und doch auch gemütlich, handhabbar ist – der Oper und Brecht mehr entspricht als ein gähnender Abgrund.

Das hat also eine unbedarfte Seite, aber Schwung hat es auch, und wenn es an Schärfe fehlt, so doch nicht an Ironie. Brecht’sche Belehrungen werden zwar in Großbuchstaben an die Wände projiziert – flimmernd, flott –, aber es ist deutlich, dass das nurmehr Teil der Revue-Dekoration ist. Geschmeidig an die Revue-Situation – ausgelassen, aber schön in einer Reihe – passt sich auch die pseudoanarchische Seite des Mahagonnyer Alltags an. An den unendlichen Spaß hat sich, erstens, zweitens, drittens, viertens, jeder hier zu halten. „Vor allem aber achtet scharf, dass man hier alles dürfen darf.“

Keine Revue, keine Dekoration und gewiss keine Revue-Dekoration bietet unterdessen die Musik, die von Mannheims 1. Kapellmeister Benjamin Reiners und dem Orchester in ihrer Modernität und Widerborstigkeit gegen die schlagerhaften Seiten der Songs ausgereizt wird. Natürlich denkt man permanent, man hätte einen Schlager vor sich, aber jenseits des Mondes von Alabama stimmt das selten. Schwierig hier mitzusingen, und das Mannheimer Publikum weiß ohnehin offenbar gut zwischen Opernbühne und Karnevalssitzung zu unterscheiden. Wie schön, einmal Menschen zu erleben, die nicht einmal mitklatschen, wenn Jimmy Mahoney persönlich sie dazu auffordert.

Jimmy Mahoney ist Will Hartmann, ein Mensch (von Kostümbildnerin Henrike Bromber in eine Art Regisseurs-Uniform gesteckt, Schwarz zu Schwarz) unter schrägen Vögeln und ein Tenor, der belegt, dass die Oper Mannheim die Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ musikalisch todernst nimmt. Mit großer Stimme tritt auch die treue, nur dem eigenen Überleben noch treuere Jenny an, Vera-Lotte Böcker, und Wessels oder Jesatko sind doch eben noch Fricka und Wotan gewesen.

In einen mitreißenden Zusammenhang geraten Bild und Ton am Ende. Während der Schlusschor anrollt, sieht man die ersten Akteure hinterm geschlossenen Vorhang entspannen, plaudern. Nur Jim Mahoney kann keiner mehr helfen. Auch nicht neu, aber auch nicht fad.

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