Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Durch Dick und Dünn läuft Käthchen (Lucy Wirth) ihrem Ritter nach.
+
Durch Dick und Dünn läuft Käthchen (Lucy Wirth) ihrem Ritter nach.

Intendant Dieter Dorn

Alle Wetter – alles strahlt

Dieter Dorn beendet seine 35-jährige Münchner Ära mit Kleists Märchentheater-Zauber. Ein schöner, heiterer und theatersatter Abgang, den die Ovationen aus dem Publikum um einiges verlängern.

Von Michael Skasa

Er ist unser Größter; ein König im Reich der Poesie, ein Großfürst der Gefühle und Triebe – und dabei ein Puppenspieler, dem bewusst war, dass wir an unsichtbaren Drähten hängen und gesteuert werden von magnetischen Reizen, Aromen, atmosphärischer Spannung. Im Novembernebel schoss er sich vor 200 Jahren von der Bühne, mit einem Triumphgesang im Augenblick des Todes.

Er war, in manchem, seiner Zeit voraus, und wenn wir denken, seine Komödien und Tragödien handelten von ständiger „Verwirrung der Gefühle“, so ist beizufügen, dass bei Kleist das Gefühl stets abhängt von einer Außensteuerung der Triebe und Instinkte: Sein Käthchen von Heilbronn ist somnambul und von den halluzinogenen Düften des Holunderbaums verwirrt. Heißt es im Text, sie folge ihrem „Grafen Wetter von Strahl“ durch Wasser und Feuer „wie ein Hund“, so will das nicht sagen: hündisch ergeben, sondern dass sie vom puren Instinkt geleitet sei (also eigentlich leidenschaftslos).

Wenn aber Holunder und magnetische Kräfte, Pheromone, Träume und Gewitterspannung unsre Emotionen lenken, können auch Cherubim aus Flammen retten, Hexen weissagen, Kaiser Bänkelkinder zeugen und Frauen, deren Reize aus Frankensteins Kabinett zusammengeleimt sind, jedem Mann den Kopf verdrehen. Alles ist ferngesteuert, die Ratio irrational, das Irrationale plausibel: Bums, du verliebst dich, rums, es war Blendwerk! Hier ein blutiges Fechten um Burgen, die dort wieder verschenkt werden; eben noch ein Mordsstreit um ein Weib, das jetzt schon zum Henker gewünscht wird: Alles Treiben ist Getriebenwerden, jede Vernunft erweist sich als Märchen.

Und so hat auch Dieter Dorn in dieser letzten Regiearbeit seiner 35-jährigen Ära in München ganz auf das Theatermärchen gesetzt und Blitz und Donner entfacht, Kulissen schieben und Hütten zusammenkrachen lassen, hat Wasser und Feuer, Hebemaschinen und Versenkungstricks eingesetzt, durchaus umständlich oft und mit Getös und Geächz: Das Theater kreißte und führte offen seine Künste aus Leim und Leinwand vor. Am Anfang, als noch Bühnennebel über den Brettern wallte und wir, wieder einmal, mit Jürgen Roses weit aufgerissenem, nacktem Raum konfrontiert waren, trat von hinten ein Mann mit Silbermähne und in schwarzem Tuch durch einen Spalt (der die Umrisse eines gefittichten Engels hatte): Der Theatermacher Dorn deutete und winkte stumm herbei, und es kamen die Spieler aus den Kulissen und sie legten ihre Kostüme und Rüstungen an – das Licht schied das Dunkel. Dies war der Beginn der Schöpfung. Gegen Ende erschien Dorn nochmals, jetzt als Kaiser, der sich entsinnt, in trunkener Ekstase Käthchen einst gezeugt zu haben, weshalb sie, derart geadelt, ihren Ritter nun heiraten kann. Worauf Nebenbuhlerin Kunigunde brüllt: „Diesen Schimpf sollt ihr mir büßen!“ Weil sich damit, nach vier Spielstunden, neue Theaterkämpfe ankündigen, springt der Bühnenkaiser und Theatermacher Dorn rasch an die Rampe und schreit: „Aus!!“ – und es ist aus.

Ein schöner, heiterer und theatersatter Abgang, den jetzt Ovationen aus dem Publikum um einiges verlängern. Eine Epoche ist damit zuende, und bei aller Vorfreude auf den neuen Intendanten, den „Theaterberserker“ Martin Kusej, schwingt auch Trauer (und Furcht) darüber mit, nun vom sauber-hellen und text-treuen Poesietheater Abschied nehmen zu müssen, von den großen Mimen und Wortkünstlern. Hier, in Kleists „Käthchen von Heilbronn“, konnte er – fast – alle nochmals Revue passieren lassen.

Und führte zugleich zwei junge Schauspieler ins Zentrum: die ganz und gar hinreißende, von natürlicher Glaubensfestigkeit und ungeschminkter Anmut sprühende Lucy Wirth, die hier auch schon so trotzig verbockt wie rotzig entfesselt die Kindsmörderin „Rose Bernd“ war, sie zeigte jetzt eine unerschütterliche Wildfangnatur: Durch Dick und Dünn, durch Feuer und Wasser, läuft sie ihrem Ritter im Unterhemdchen nach, nur die Augen blicken oft verwirrt ins Nichts. Im Wachtraum beim Holunderbusch räkelt sie sich kreatürlich-sinnlich unter ihrem über sie gebeugten, sie umschlingenden, beinah sie besteigenden Ritter. Ganz wunderbar, zu Herzen wie zu Sinnen gehend! Diesen Ritter, den Grafen Wetterstrahl, spielt Felix Rech, ein an sich längst gewiefter Theaterheld, der diesmal allzu wetterstrahlend und kulissenentflammt auftrat; beinah ein jugendlicher Knattermime bei Freilichtspielen. Da scheint Gefahr zu lauern – ein Regisseur wie Dorn hätte hier noch bedenklich werden können.

Der Märchenzauberer

Denn Dorn legte doch vor allem Wert auf die Bilderschönheit, auf Wohlklänge und hohe Handwerkskunst, die oft zum Kunsthandwerk erblühte – oder welkte. Die Abgründe, das tiefe In-sich- Gehen waren sein Ding weniger. Er war (und ist) der Märchenzauberer; Shakespeare, Goethe, Lessing, auch Kleist, von den Modernen vor allem Dorst, Thomas Bernhard und Botho Strauß: die Geschichtenerzähler, Wortjongleure und Plauderer lieferten ihm das Spielmaterial, das er mit dem prachtvollen Ausstatter Jürgen Rose zum Ganzen auffächerte.

Das brachte ihm, der 35 Jahre lang in Münchens zwei großen Häusern (Kammerspiele und Staatstheater, hin und wieder an der Oper) inszenierte, irgendwann den Ruf ein, Boutiquentheater zu machen (so das böse Verdikt des Haudrauf Claus Peymann), und das Münchner Publikum murrte mehr und mehr, bei Dieter Dorn werde ständig Marmorgips und Goldbordüre um hehre Texte gekleistert, man sehne sich nach frischer Luft, ja, wenn es sein müsse, nach Sturm und Matsch, man wolle mehr in die Verliese der Menschen blicken als auf die Bosketts und geharkten Wege von Parkanlagen.

Als Dorn vor Jahrzehnten in München begann, nach seinen am Ende verhärteten Jahren unter Lietzau in Berlin (1976), kam mit ihm ein weiterer Lietzau-Mann hierher: Ernst Wendt, Chefdramaturg und Regisseur. Beide zusammen sorgten für ein Theaterwunder in München: Da war der helle, der weiße Dorn mit seinem Theater der Schönheit und des Sinnenglanzes, und da war der dunkle, der schwarze Wendt mit seinem Schauspiel der Abgründe, des Bösen und Triebhaften. Wendt, der zwei Jahre Jüngere, starb schon 1986; von da an fehlte Dorn (und dem Publikum) sein Widerpart.

Ende 1979 inszenierte Wendt Kleists „Käthchen“; Sunnyi Melles spielte damals eine alte Tante, Rudolf Wessely den Waffenschmied und Vater (den jetzt Oliver Naegele, brüllgewaltig und doch silbenklar, uns um die Ohren haut), Lambert Hamel war damals ein Pfalzgraf, Helmut Stange der Rheingraf (Lisi Mangold spielte das Käthchen, Felix von Manteuffel den Grafen Wetter).... Es wäre denkbar, dass Dorn seine letzte Inszenierung auch in Erinnerung an seinen Freund und Gegenspieler Wendt wählte. Auch damals war sie ungekürzt und verleugnete mit Rüstungs- und Säbelgepolter nicht die Verwandtschaft mit den Kiefersfeldner Ritterspielen.

Manche der ganz Großen hatten diesmal bloß zehn Zeilen zu sprechen und wurden doch bejubelt. Rudolf Wessely, Cornelia Froboess, Helmut Stange, Jennifer Minetti: Nebenrollen allesamt – mit Rührung haben wir sie nochmals (letztmals?) gesehen. Sunnyi Melles als Ersatzteillager weiblicher Reize suhlt sich als Monroe wie als Megäre, in weißfließender Paillettenrobe oder flammrot und blondlockig jetzt, zauselig, zahnlos und windschief dann. Welch eine hemmungslose Komödiantin die Melles doch ist! Ihre von Dauerängsten gebeutelte Kammerzofe spielt Franziska Rieck, spindeldünn geschnürt, eine Kerkermeisterin, nervös zuckend, rotfleckig. Und als Haushälterin Brigitte haben wir Heide von Strombeck, die uns ihre Traumerzählung als giftige Suada von geradezu unerhörter Sprechdeutlichkeit vor die Füße spuckt. Es ist die gleiche Rolle, die sie vor 31 Jahren bei Wendt spielte.

So schließt sich der Kreis, das Publikum feiert ein großartiges Ensemble und umjubelt den Spielmacher. Ist Kleist unser Größter, so Dorn ein ganz Großer.

Residenztheater München: 18., 21.-25. Februar. www.bayerischesstaatsschauspiel.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare