_60329_7
+
Das Reden über Sex kann sehr lustig sein.

Mousonturm

So herrlich, so peinlich

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
    schließen

Die hochvergnügliche Frankfurter Fassung des kanadischen Projekts „All the Sex I’ve Ever Had“ im Mousonturm.

Anfangs mussten Zuschauerinnern und Zuschauer „bei Rosemarie Nitribitt“ schwören und die Hand heben, dass sie nicht hinaustragen würden, was sie an diesem Abend im Mousonturm hören. So wird die Rezensentin nicht ins Detail gehen; trotzdem gilt es unbedingt zu berichten über höchst vergnügliche gut anderthalb Stunden über das Thema Sex. Und darüber, wie herrlich die Logen, die das Frankfurter Künstlerhaus hat in den Theatersaal bauen lassen, dazu passten. Denn wenn man nicht bei einer der Fragen ans Publikum – etwa „hatten Sie schon einmal Sex an ungewöhnlichem Ort?“ – vorlaut die Hand hob, konnte man diskret im Logenschatten bleiben und so tun, als hätte man selbstverständlich noch nie ...

Das Konzept für „All the Sex I’ve Ever Had“ stammt von dem Kanadier Darren O’Donnell und seiner Gruppe Mammalian Diving Reflex, so dass es nun in Frankfurt zum insgesamt arg skelettierten Kanada-Schwerpunkt der Buchmesse zählt. Es wird aber in jeder Stadt, in der das Stück läuft, neu gecastet: Drei Männer, zwei Frauen ab 65 aus Frankfurt und Umgebung sind aktuell dabei, sie erzählen aus ihrem (Sex-)Leben, während Anna Hjalmarsson von hinterm Laptop chronologisch Jahreszahlen reinruft und Popsongs einspielt von „I’m a Believer“ über „Er gehört zu mir“ bis „Hot Stuff“. Ein paarmal stehen die fünf Senioren vom großen eckigen Tisch auf, an dem sie auf Distanz sitzen, setzen Masken auf und rocken ein bisschen ab. Auch Konfetti kommt zum Einsatz, ja, es gibt Gründe, dieses verrückte (Sex-)Leben zu feiern.

Jeder der fünf fängt im jeweiligen Geburtsjahr an. Kindliche Neugier kommt dann im doppelten Wortsinn ins Spiel (das Mädchen zum Nachbarsjungen: zeigst du mir mal, was du da hast? Der Junge kommt der Bitte gern nach. Das Mädchen ist gar nicht beeindruckt). In der Pubertät wird es abenteuerlich, bzw. noch lustiger (im Zug, auf der rumpelnden Waschmaschine...).

Trennung, nächster Versuch

Später folgt manche Heirat, Scheidung, wieder Heirat, oder „nur“ Trennung, nächste Trennung, nächster Versuch usw.. Noch später versucht man es mit Dating. Die fünf Seniorinnen und Senioren verfügen über die nötige Selbstironie und Distanz, auch über eine gute Portion Coolness im Vortragen ihrer Liebeslebenswendungen – hat O’Donnell das Stück darum für ältere Menschen konzipiert? –, so dass dies ein sehr heiterer Abend ist. Der außerdem bei vermutlich jeder und jedem Erinnerungen weckt ans eigene Verliebtsein in die seltsamsten Leute und das eigene, manchmal schrecklich peinliche Herumturnen.

Vorab kann jede Zuschauerin, jeder Zuschauer auf einem Zettel eintragen, mit wem und wo „das erste Mal“ stattfand. Vor Stückbeginn gibt es eine Bewirtung in der Loge, äh, Lasterhöhle. Hinterher gibt es ein Glas Sekt, denn wir haben das Jahr 2046 erreicht, wenn die älteste der Akteurinnen 100 sein wird, und sind noch mopsfidel und voll Lust auf Leben.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare