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Rainer Kühn und Lena Hilsdorf in "Schöne Bescherungen".

Staatstheater Wiesbaden

Alan Ayckbourn „Schöne Bescherungen“: Am besten in die Kiesgrube

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Alan Ayckbourns schwarzhumorige „Schöne Bescherungen“, famos aufbereitet im Staatstheater Wiesbaden.

Lebkuchen ist im Kleinen Haus des Wiesbadener Staatstheaters die Farbe der Saison. In einem Muster aus Hell- bis Mittelbraun hat Aurel Lenfert das Haus von Neville und Belinda vom Boden bis zum Dach tapeziert. Und auch die Kostüme Marie-Luise Lichtenthals sind überwiegend lebkuchen- und zutaten-farben, vom teigbeigen Pullunder über den Rock in Honig bis zur langen Unterhose in Zimt. Dazu kommen schön scheußliche Vokuhilas bei den Herren, Dauerwellen und Toupiertes bei den Damen. Ziemlich 80er Jahre, ziemlich prollig – und mit den entsprechenden gesellschaftlichen Ansichten dazu. Kein Wunder, dass alles böse endet, wenn ausgerechnet zu Weihnachten ein Schriftsteller zu Besuch kommt. Nummer 17 auf der Bestseller-Liste, das ist schon was. Nicht, dass es die anderen interessiert.

Der Brite Alan Ayckbourn, Jahrgang 1939, ist ein Meister der schwarzen Komödie, seine Scherze sind nicht von der milden Sorte. Die Familienmitglieder, die sich in „Schöne Bescherungen“ anschicken, Weihnachten zu feiern, halten denn auch nur ganz kurz Frieden. Gerade hat Belinda noch ermahnt: „Keinen Streit, bitte“ – da gibt es schon genau diesen. Beziehungsweise erste kleine Scharmützel; sie werden sich, keine Sorge, gehörig auswachsen. Auch Regisseurin Susanne Lietzow lässt die Dinge bald beherzt und aufs Beste eskalieren.

Der seltsame Onkel Harvey, Rainer Kühn, sitzt vor dem Fernseher, guckt den Film, der jede Weihnachten läuft, versucht sich zu erinnern, wer von den Schauspielern bereits tot ist (fast alle, und einer ist in der Klapse). Phyllis, Karoline Reinke, kocht das Weihnachtsmenü, bekommt Nasenbluten, schneidet sich. Atef Vogel als ihr stets besorgter Mann Bernard (Onkel Harvey: „der dämliche kleine Lahmarsch“) stellt vorwurfsvoll fest, die Ränder von Belindas Kochtöpfen „sind sehr scharf“. Pattie, Christina Tzatzaraki, hochschwanger, zofft sich mit „okey-dokey“-Eddie, hochfaul, wenn es um die Betreuung der, bisher, drei Kinder geht. Viel lieber macht er sich – „okey-dokey?“ – mit Neville, Christian Klischat, davon in die Kneipe. Bleibt noch Belindas Schwester Rachel, Lena Hilsdorf, die von Schriftsteller Clive, Tobias Lutze, zuerst nicht „alles“ will, keinesfalls. Aber als sie dann doch „alles“ will, also auch „das“, ist es zu spät, denn da hat sich Clive längst in Belinda verliebt. Und vice versa. Sie zögern nicht, direkt unterm Christbaum tätig zu werden – na ja, fast tätig zu werden. Denn natürlich hören die anderen den Radau des kollabierenden, tönenden (Neville war so stolz auf seine Musikschaltung!) Baumes.

Ja, dieses Stück und diese Inszenierung lassen nichts aus an Slapstick, blühendem Blödsinn, sprachlichen und optischen Grobheiten. Die Typen sind zur Kenntlichkeit geschärft, etwa der scheinbar so wohlmeinende Bernard, der so eitel ist, alle mit seinem Puppenspiel (drei kleine Schweinchen, ein Hund und ein Wolf) zu quälen. Ausgerechnet Phyllis mit dem Riesenbauch soll ihm die Puppen zureichen, und weil sie die identisch aussehenden Schweinchen verwechselt, nennt er sie: „Du blöde Frau“.

Dazwischen stimmen die Darsteller Weihnachtsliedchen an, „White Christmas“ oder „We Wish You a Merry Christmas“. Irgendwann sind alle betrunken. Dann wieder stocknüchtern und einig, weil sie nach der finalen Eskalation mit vereinten Kräften jemanden wegschaffen müssen, „am besten in die Kiesgrube“.

Staatstheater Wiesbaden:  13., 15., 18., 23., 26., 31. Dezember. www.staatstheater-wiesbaden.de

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