„Das Tal der Ahnen“; hier Brett Carter mit Katharina Uhland. Foto: Andreas Etter

Staatstheater

„Das Tal der Ahnen“ in Mainz: Wenn man doch ein Indianer wäre

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Das Staatstheater Mainz erinnert in Wort und Musik an „Das Tal der Ahnen“.

Das Theater ist nicht nur wieder da, es fühlt sich allmählich auch wieder so an: jetzt in Mainz, wo das Staatstheater schon wieder eine Premiere zeigt, diesmal im Alten Postlager. Das Alte Postlager ist – wie die meisten Orte in dieser Stadt – für Auswärtige auf Anhieb nicht zu finden. Aber die Suche lohnt. Man sitzt auf der locker mit Stühlen belegten Tribüne, aber es wirkt nicht dürftig. Die Halle ist eh riesig.

Noch mehr lohnt sich der Besuch aber, wenn man selbst früher gerne „Cowboy und Indianer“ gespielt hat und seinerzeit die Heftchen-Reihe „Bessy“ zu schätzen wusste. Das war in einer Zeit, in der das Wort Comic selbst von einigen Erwachsenen unzulänglich ausgesprochen wurde, viel zu nah an „Komik“. Und komisch war „Bessy“ nun nicht, wie auch „Silberpfeil“ nicht komisch war. In der Peergroup war „Silberpfeil“ aber etwas beliebter, weil ein Kiowa stets interessanter ist als ein semmelblondes Bleichgesicht.

Bessy und Andy

Titelheld Bessy war dafür ein Hund, der de facto keine so große Rolle spielte. Sein Herrchen Andy war es, das Abenteuer zu bestehen hatte, Bessy immer an seiner Seite. Die Frage, wie ein edler Langhaarcollie in den Wilden Westen kam, stellte sich nicht. Die Marketingstrategie liegt auf der Hand, aber Bessy war besser als Lassie, wegen der Umgebung.

Regisseur Niklaus Helbling, der sich übrigens gar nicht für den Hund interessiert, muss mit „Bessy“ ebenfalls Gutes verbinden. Eine ältere Nummer hat ihn auf die Idee gebracht, „Das Tal der Ahnen“ zu produzieren, eine Folge, in der sich von schurkischen US-Militärs bedrängte Cherokee an einen mysteriösen Ort hinter einem „Nebelberg“ zurückziehen, ein verbliebenes Paradies, das dem Feind nicht zugänglich ist. Helbling führt im Programmheft-Gespräch schön aus, wie sich ihm schon damals die Frage stellte, ob es sich um das Jenseits handeln könnte, eine melancholische und triftige Lesart, weil die Cherokee, Männer, Frauen, Kinder, in diesem Fall den freiwilligen Tod ihrer zweifellos bevorstehenden Ermordung vorgezogen hätten.

In der Inszenierung ist es dann aber weniger melancholisch. Mit viel Musik wird die Geschichte rekapituliert und hinterfragt – wie kommt es uns heute überhaupt vor, „Indianer“ gespielt zu haben? –, und es bleibt Zeit für Abschweifungen. Kafkas Miniatur „Wunsch, Indianer zu werden“ („Wenn man doch ein Indianer wäre ...“) fehlt nicht. Beiläufig locken kleine Plastikfiguren und ein Tipi. Unfassbar, was für eine Rolle das Wort Tipi gespielt hat, um dann für Jahrzehnte in der Versenkung zu verschwinden. Jetzt schaut man genau hin, um auf der Leinwandvergrößerung zu erkennen, ob es sich um Playmobilpferde handelt. Vermutlich schon.

„Das Tal der Ahnen“ ist schon auch ein zärtlicher, intelligenter Unfug, ein Tribut an Erinnerungen und an das Allerlei, das einem durchs Hirn saust. Aber musiziert und gesungen wird makellos: Paul-Johannes Kirschner und Dominik Fürstberger sind an den Instrumenten mit fremden und eigenen Nummern, der Bariton Brett Carter – gewissermaßen als Frank Zappa –, der Tenor Johannes Meyer und die Sopranistin Maren Schwier singen zwischen den Späßen ausgezeichnet. Die Professionalität, die es für Quatsch stets braucht, ist gegeben. Denis Larisch und Katharina Uhland sind das Paar, das „Das Tal der Ahnen“ nachspielt. Alle halten sich an die Abstandsregeln, Plexiglasschilde und Masken sind zur Hand und können in einem Western naturgemäß vielfältig eingesetzt werden.

Dass sich zwischendurch die Routine und auch die Längen frecher, modischer Bühnenprojekte einstellen, ist nach all den Wochen, Monaten eine größere Freude, als sich sagen lässt.

Staatstheater Mainz im Alten Postlager: 20., 23., 26., 27., 30. Juni, 1. Juli. www.staatstheater-mainz.com

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