+
Szenenbild aus Falk Richters "Fear", aufgeführt an der Berliner Schaubühne.

Falk Richter

„AfD ist ähnlich homophob wie die Islamisten“

  • schließen

Theatermacher Falk Richter über die Gefährlichkeit der AfD, über die Rolle von Frauen in der neurechten Bewegung und sein kommendes Frankfurter Stück „Safe Places“.

Herr Richter, Ihre Theaterstücke transportieren klare, politische Botschaften. Wieso sind Sie nicht in die Politik gegangen?
Ich bin Künstler, Schriftsteller und Theatermacher. Es geht mir nicht darum, Realpolitik zu machen, aber natürlich nehme ich in meinen Stücken gesellschaftsrelevante Themen auf, verhandle politische Diskurse und analysiere die Sprache, wie sie von politischen Gruppierungen gesprochen wird. Allerdings habe ich einen ganz anderen Blick und eine andere Haltung, als ein Politiker: Ich bewege mich zwischen Realität und Fiktion hin und her und kann von realen Prozessen in Traumwelten hinein gleiten. Meine Arbeit ist ja auch nicht lösungs- oder konsensorientiert, es können ganz subjektive Positionen sein.

Welche Rolle kann das Theater in der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung spielen?
Theater kann relevante Themen noch einmal anders verarbeiten, als der Journalismus oder die Politik das können. Es kann die Dinge konzentrieren und zuspitzen, kann das Subtile spürbar machen, alptraumartig überhöhen. Und vor allem kann es die Zuschauer zum Diskutieren bringen. Im Theater ist man einer Situation ausgesetzt, die man nicht wegschalten kann, über die man sich aber hinterher verständigen muss. Momentan ist für mich das wichtigste, dass man im Theater mit realen Schicksalen konfrontiert wird und Menschen wieder als Individuen mit ihren eigenen, komplexen, widersprüchlichen Geschichten wahrnimmt. Menschen werden immer mehr auf abwertende Weise kategorisiert. Man redet immer über DIE Flüchtlinge, DIE Muslime, über DIE Homosexuellen – und solche Menschengruppen werden dann als DIE Bedrohung wahrgenommen oder propagandistisch als solche behandelt. Das Theater geht direkt und persönlicher an Themen heran.

In „Fear“ positionieren Sie sich gegen die neue Rechte. Es sind die Frauen, die den Hass der Nazis wieder aufleben lassen. Wieso?
Die Männer kommen auch vor, beispielsweise Björn Höcke oder Akif Pirinçci, aber es gibt tatsächlich eine Szene, in der es ausschließlich um rechtspopulistische Frauen geht. Zum Zeitpunkt des Schreibens, 2015, traten die besonders in den Vordergrund: Beatrix von Storch, Eva Herman, Frauke Petry, Hedwig von Beverfoerde. Ich fand interessant und erschreckend zugleich, dass sie in ihrer Selbstdefinition Anti-Feministinnen sind, die sich gegen fast alles richten, was die feministische Bewegung errungen hat. Und die ganz offen abwertend gegen Schwule und Lesben agitieren, gegen Muslime und Geflüchtete. Frauen wie Petry oder Herman geben der hässlichen, neurechten Bewegung ein harmloses Antlitz, indem sie nett und adrett mit Hassparolen aufwarten – letztlich ist das eine Marketingstrategie der neuen Rechten.

Wieso spielen die Frauen da mit?
Das ist eine spannende Frage: Was ist eigentlich schief gegangen, dass diese Frauen so voller Hass sind und sich gegen die eigenen Interessen verhalten? Nehmen Sie Frauke Petry. Sie positioniert sich gegen die Ehe für alle, tritt für Vater, Mutter, drei Kinder als Familienmodell ein und hat selbst ihre Familie für ihren Liebhaber verlassen. Sie propagiert also, was sie selbst nicht lebt. Nur um an Stimmen zu kommen in Zeiten, in denen die Menschen verunsichert sind. Damit macht sie gerade Karriere.

Die AfD schreibt sich auf die Fahne, für Frauen und Homosexuelle einzutreten...
Die Leute von der AfD sind ähnlich homophob wie die Islamisten es sind, nur laden sie ihre Homophobie, ihre Frauenfeindlichkeit bei den „Muslimen“ ab. „Die Muslime“ sind quasi wie Container, in die die Rechten alles reinpacken, was in ihnen selbst gärt. Es ist wichtig für die Zivilgesellschaft zu begreifen, dass die AfD eine gefährliche Partei ist, und auch die Frauen dieser neurechten Bewegung eben nicht harmlos sind. Genau das habe ich letztlich auf der Bühne dargestellt, und dagegen ist die AfD ja auch Sturm gelaufen, hat mir und dem Theater gedroht, hat die Vorstellungen gestört und ist vor Gericht gezogen – wenn auch vergeblich. Denen geht es momentan vor allem darum, eine bürgerliche Maske hinter ihrem neofaschistischen Gesicht zu behaupten. Tatsächlich aber planen die einen Systemwechsel. Die undemokratischen Regime in Ungarn und Russland dienen als politische Vorbilder.

Geht es um die Erfolge der AfD, wird häufig von einer Re-Politisierung gesprochen. Sie sprechen von einer De-Politisierung. Wie passt das zusammen?
Unser kapitalistisches Wirtschaftssystem hat dazu geführt, dass die Leute sich immer mehr als Einzelkämpfer begreifen, die auf sich selbst zurückgeworfen sind. Es hat eine gesellschaftliche Entsolidarisierung stattgefunden, viele Menschen leben in prekären Verhältnissen. Und jetzt erleben wir europaweit, dass rechte Parteien und Bewegungen dem verunsicherten Individuum simple Lösungen anbieten, mit denen es glaubt, die Wirklichkeit verstehen und verändern zu können. Die Rechten arbeiten mit Angst, schaffen Bedrohungsszenarien von einer „Überflutung“ durch Flüchtlinge, von einer angeblichen „Homosexualisierung“ der Gesellschaft, und liefern gleichzeitig ein Ventil für diese Angst: Mittlerweile ist es salonfähig, sich rassistisch und menschenverachtend zu äußern, es ist eine neue Lust am Hass, am Brechen von Tabus entstanden. Genau das befeuert die AfD – und das ist eine radikale De-Politisierung und Zerstörung der demokratischen Kultur.

Positiv gewertet ist es aber auch eine Chance für die eingeschlafene Mehrheitsgesellschaft, sich zu re-politisieren. Wir können das Ausdrücken unseres politischen Unbehagens nicht der radikalen Rechten überlassen. Mir stellt sich schon länger die Frage, was ich mit meinen künstlerischen Mitteln dazu beitragen kann, den Prozess der gesellschaftlichen Vergiftung aufzuhalten.

Wären wir dann nicht gedanklich bei einer Realpolitik?
Es gibt bestimmte Zeiten, da ist man als Künstler anders herausgefordert, sich zu politischen Veränderungen in der Gesellschaft zu verhalten. Im Moment haben wir gerade so eine Situation.

Ihr Coming-out-Stück „Small Town Boy“ bespricht die Suche nach der eigenen Identität. Ist es heutzutage schwerer, sich mit sich selbst zurechtzufinden?
Ja, es ist schwerer, weil es keine einfachen Muster mehr gibt, nach denen sich jeder verhalten kann, soll und muss. Vielmehr gibt es den Auftrag, sich zu verwirklichen und Fragen nach seinen Lebensentwürfen selbst zu beantworten. Das ist natürlich auch eine enorme Freiheit; es gibt, trotz vieler Widerstände, die Möglichkeit, so zu leben, wie man will, ohne seine sexuelle Identität zu verleugnen. In „Small Town Boy“ versuche ich zu zeigen, wie sich die Wahrnehmung unserer verschiedenen Lebensformen verändert und wie bestimmte Gruppen versuchen, ihre gesellschaftliche Vormachtstellung zu behalten. Sie kämpfen um ihre Deutungshoheit darüber, was eine richtige Beziehung ist – und was ein richtiger Deutscher ist. Das sind die zwei großen Themen des Stücks.

Lesen Sie bitte weiter auf der nächsten Seite.

Sind wir da nicht wieder bei der AfD?
Leider kommen wir wieder zu den neuen Rechten, denn das sind nun mal diejenigen, die für ein 50er-Jahre-Verständnis von Deutschsein und von Beziehung kämpfen. Ein Deutscher mit Migrationshintergrund ist ein Deutscher und ist Teil der Gesellschaft. Das kann man entweder anerkennen oder sich dagegen wehren, und damit immer wieder die Teilung der Gesellschaft in die Öffentlichkeit tragen, wie beispielsweise Gauland das tut. Mit der Beziehungsfrage ist es genauso: Für die Neurechten ist nur die Vater-Mutter-Kinder-Variante eine richtige Familie. Alle wissen natürlich, dass das reale Leben anders aussieht. Was eine Familie ist, kann heute jeder für sich selbst definieren: Es gibt viele Möglichkeiten und keine davon ist besser oder schlechter.

Welche Lebensmodelle zeigt „Small Town Boy“?
Ich wollte in einer Übergangsgesellschaft alle möglichen Arten von Lebensformen und Beziehung zeigen, die nicht dem klassischen „Wir“ entsprechen – ohne sie dabei ins Positive zu verklären. Es ist ein Stück über die Biografien moderner Städtebewohner, die Probleme haben, und die wie alle anderen auch richtige und falsche Entscheidungen fällen. Es geht um Menschen, die kämpfen, um schwule, hetero-, bisexuelle Männer – mit und ohne Migrationshintergrund –, die nicht immer genau wissen, wie sie eigentlich leben wollen. Mir ging es um ihre Komplexität. In diesem Zusammenhang war mir auch wichtig, wie Männer und Frauen in den Medien dargestellt werden und was das konkret mit ihnen macht. Wie werden deutsche Türken im Fernsehen repräsentiert? Gibt es medial komplexe homosexuelle Figuren in Deutschland, oder sind das alles Klischee-Karikaturen? Wie männlich muss ein Mann sein, wann ist er zu weiblich? All das wird seltsamerweise immer wieder in Gesellschaften ausgehandelt und hat sodann Einfluss auf jeden einzelnen.

Sind Ihnen die Medien zu patriarchal heterosexuell?
Erinnern Sie sich, als sich der Fußballer Thomas Hitzlsperger geoutet hat? Da gab es erstaunliche Reaktionen besonders von rechter Seite. Sofort wurde die Diskussion hysterisch, und alte Männer wie Jasper von Altenbockum haben in der FAZ geschrieben, sie müssten sich bald rechtfertigen, dass sie heterosexuell sind. Völlig paranoid, aber genau das wird nach wie vor befeuert. Die Journalistin Birgit Kelle sagt ja auch, demnächst gerate man unter Rechtfertigungsdruck, wenn man nicht „mindestens bisexuell“ ist. Das ist nichts anderes als infame, homophobe Hetze, weil es die Opfer-Täter-Zuschreibung umzudrehen versucht. Noch immer gibt es auch in Deutschland Gewalt gegen homosexuelle und transsexuelle Jugendliche und Erwachsene. Frau Kelle, die zum AfD-nahen Flügel der CDU zählt, ist erfolgreich mit widerwärtigen homophoben Äußerungen. In Orlando haben wir gesehen, wozu Hass auf Homosexuelle im schlimmsten Fall führen kann.

Ein entscheidendes Moment in Ihren Stücken ist das Verwischen von Rolle und Akteur: Rolle als das gespielte Klischee, im Innern das authentische Ich. Gibt es Authentizität?
Wahrscheinlich ist der Mensch tatsächlich nur dann authentisch, wenn er erschöpft ist oder zur Ruhe kommt. Das Spannende am Theater machen ist es aber zu zeigen, wie sehr wir uns im Alltag der Rollen bedienen. Es gibt ja eine Richtung, die nach immer mehr Authentizität verlangt, auf der Bühne, aber auch im Leben. Politiker sollen authentisch sein, Schauspieler sollen authentisch sein. Was jedoch eigentlich damit gemeint ist, ist eine Authentizitätsperformance. Und damit setzte ich mich in meinen Stücken auseinander: Wie verhalten sich Menschen gegenüber den ganzen Bausteinen an authentischen Verhaltensweisen, wie setzen sie daraus ihre eigene Identität zusammen? Wo haben sie diese Bausteine her? Das ist gerade im Hinblick darauf interessant, dass sich jeder heute eine interessante Biografie zusammenbauen muss.

Was ist authentischer: Theater oder Gesellschaft?
Gesellschaftlich spielt jeder immer eine Rolle, auch wenn sie automatisiert ist. Wir am Theater können uns aber damit konkret auseinandersetzen, wie Leute sich Identitäten überstülpen. Und wir können zeigen, dass Realitäten konstruiert sind, wie sie erzeugt werden und dass es auch andere Realitäten gibt. Grundsätzlich kann man natürlich davon ausgehen, dass jemand auf einer Bühne immer spielt. Nur hat der Schauspieler andere Mittel, Fiktion und Authentizität zu verwischen, bewusst damit zu spielen. Die Schauspielkunst ist eben auch eine Kunst, die zeigt, wie Emotionen hergestellt werden, wie man Authentizität herstellt und mit welchen Tricks Politiker es schaffen, Leute aufzuhetzen und in Rage zu versetzen.

Wollen Sie die Mechanismen der politischen Agitation aufzeigen?
Das Schauspiel kann offenlegen, wie Figuren wie beispielsweise Donald Trump Massen beeinflussen. Was er macht, ist ja auch nicht authentisch. Trump weiß genau, wie er sich zu verhalten hat, und welche Schubladen er ziehen muss, um seine Zuhörer zu erregen und aufzuhetzen. Momentan versucht ja jeder, seine Community, seine Follower, bestimmte Bevölkerungsschichten immer in einem aufgehetzten Erregungszustand zu halten. Auch eine Partei wie die AfD könnte die Leute gar nicht erreichen, wenn sie diese nicht permanent emotionalisieren und in einen negativen Erregungszustand versetzen würde. Solche Mechanismen und Methoden können Schauspieler aufschlüsseln und vermitteln. Bereits Brecht hat gesagt, dass Theater nicht dazu da ist, einen angenehmen Zustand beim Publikum herzustellen, sondern aufzuzeigen, wie Emotionalisierung und Manipulation funktioniert.

In Frankfurt inszenieren Sie das Stück „Safe Places“, das im Herbst uraufgeführt wird. Wo sind die sicheren Plätze?
In meinen letzten Projekten habe ich mich immer mit der Gesellschaft im Hier und Jetzt beschäftigt: Was sind die gesellschaftlichen Veränderungen, und wie wird dadurch das Denken und Fühlen, das Leben des Individuums beeinflusst? In Frankfurt arbeite ich mit einem besonderen Ensemble aus Tänzern und Schauspielern zusammen: Die Menschen kommen aus aller Welt, aus Europa, aber auch aus Taiwan und Australien, ein Tänzer ist Aborigine, viele von ihnen sind sehr jung. Was mich interessiert, ist ihr physischer und psychischer Zustand. Wie erleben sie gerade die Entwicklungen? Was ist ihre Haltung oder Vision für Europa? Sind sie politisch oder ist es eher eine a-politische Generation? Wie beeinflusst der radikalisierte rechte Rand das Leben jedes einzelnen? Und in welchen verschiedenen Ausprägungen verändern sich unsere Gesellschaften? Da hat jeder eine andere Perspektive: Die Frau aus Ungarn hat eine andere Sicht auf Europa als die Tänzerin aus Taiwan oder der Aborigine. Die Fragen zu diskutieren, was Sicherheit ist, wo man sich sicher fühlt – und all das in einem zunehmend unsicherer werdenden Europa –, finde ich extrem spannend. Denn das Entscheidende ist doch für alle gerade: Ist unsere Demokratie gefährdet?

Interview: Katja Thorwarth

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion