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Nur der Ball im Korb hat Ruh?.

Fritz-Rémond-Theater

Achmed will natürlich sehr gerne einziehen

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Peter Kühn inszeniert in Frankfurts Fritz-Rémond-Theater „Willkommen“ von Lutz Hübner und Sarah Nemitz

Das Theaterautorenduo Lutz Hübner und Sarah Nemitz bückt sich gern nach Stoffen, die auf der Straße liegen – das ist ein garantiertes Erfolgsrezept, wenn man dann auch noch die Figuren bis zur Wiedererkennbarkeit zu schärfen und die Pointen zu setzen weiß. Im auch als Kinofilm reüssierenden „Frau Müller muss weg“ geht es um Leistungsdruck und übermotivierte Eltern. In „Willkommen“ – Uraufführung war im Februar 2017 im Düsseldorfer Schauspielhaus, jetzt zeigt es das Frankfurter Fritz-Rémond-Theater – spießen die beiden Dramatiker die sogenannte Willkommenskultur auf: Fünf junge bis mitteljunge Leute in einer WG wollen einerseits Flüchtlingen helfen, wollen andererseits dann doch irgendwie ihre Ruhe haben. Und: was darf man gerade noch sagen, ohne rassistisch zu sein?

Im Rémond-Theater deutet Tom Grasshof, Bühne, einen ziemlich schicken Ess- plus Küchenraum an, eine Dachterrasse scheint es auch zu geben auf den 200 Quadratmetern Altbau, die Sophie von ihrem Papa bekommen hat, damit sie in Ruhe Fuß fassen und irgendwann Geld verdienen kann (sie versucht es ausgerechnet mit Kunst, mit Fotografie). Sophie vertritt den Typus des Gutmenschen, am liebsten soll eine ganze Flüchtlingsfamilie einziehen in Bennys Zimmer, wenn der ein Jahr in New York lebt, und Sophie wird ihre fortschreitende Integration dokumentieren.

Das mit den Flüchtlingen war zwar eigentlich Bennys Vorschlag, aber den Designersessel mit dem hellen Bezug will er dann doch lieber in den Keller tun. Außerdem, na ja, die meisten anderen Dinge. Jonas – „ich will jetzt echt nicht spießig rüberkommen“ – macht sich eher Sorgen um seinen Schlaf (Kindergeschrei!), er ist ja bei der Bank noch in der Probezeit. Doro macht sich Sorgen um ihre Freiheit, im Morgenmantel herumzulaufen.

Doro hält also eine flammende Rede gegen arabische Männer. Sophie nennt Doro rassistisch und wird später selbst so genannt. Und Anna, die bisher still war, rückt plötzlich damit heraus, dass sie schwanger ist. Und von wem? Er heißt Achmed … Und Achmed will natürlich sehr gern mit einziehen. Das findet dann Sophie irgendwie nicht so gut. Schon deswegen, weil Achmed Wörter wie „Kanake“ verwendet. 

 Entlarvungen, Verletzungen, Versöhnungen, Happy-End 

„Willkommen“ ist ein Stück, bei dem man vieles kommen sehen kann – Entlarvungen, Verletzungen, Versöhnungen, das Happy-End – so dass die Dialoge sitzen müssen. Und das tun sie in der flotten Frankfurter Inszenierung von Peter Kühn, in die auch ein wenig Lokalkolorit eingefügt wurde, von Hanau bis Offenbach. Und „Frankfurt ist n bisschen ab vom Schuss“, da darf gelacht werden.

Sinan Aslan gibt den schlagfertigen Integrierten („Tee?“ – „Bier!“), dessen Gastarbeiter-Vater im Bergwerk geschuftet hat. Carolin Freund die noch in der Ausbildung steckende Anna, die nicht weiß, ob sie das Kind bekommen soll. Elisabeth Ebner ist Doro, Feministin wegen schlechter Erfahrungen. Die machte Sophie, Tina Seydel, eigentlich auch mit Benny, Pascal S. Grote; trotzdem hat sie sein Coming-Out liebevoll unterstützt. Und Jonas, Mathias Renneisen? Er ist in dieser komplizierten WG derjenige, der immer alles erledigen soll, was die anderen gerade nicht erledigen wollen. Er nimmt’s sportlich.

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