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Sag zum Abschied bloß nicht zu leise Servus

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Franziska Junge als Schmerzensfrau in Andreas Kriegenburgs "Drei Tage auf dem Land".
Franziska Junge als Schmerzensfrau in Andreas Kriegenburgs "Drei Tage auf dem Land". © Birgit Hupfeld

Das Lässige und das Läppische: Andreas Kriegenburg inszeniert im Frankfurter Schauspielhaus Patrick Marbers Turgenjew-Übertragung "Drei Tage auf dem Land".

Auch wer beim Premieren-Countdown an der Fassade des Schauspiels Frankfurt nicht ganz durchblickt, hat verstanden, dass „Drei Tage auf dem Land“ die letzte Schauspielhaus-Premiere der Oliver-Reese-Intendanz war und damit auch überhaupt die letzte für das nächste halbe Jahr.

Langsam wird es ernst, aber heute Abend nicht. Es darf gekichert werden, die Nachbarn turteln, der Vordermann nickt ein, im Saal ist es aufgrund des Ein-Tages-Frühlingsausbruchs fast so heiß wie im Stück, das zwischen Lässigkeit und Läppischkeit locker herumschlendert in einer ungewöhnlich lax wirkenden Inszenierung Andreas Kriegenburgs.

Dem Zufall wurde das aber offensichtlich nicht überlassen. „Drei Tage auf dem Land“ ist ein Stück über Abschiede verschiedener Art – von Träumen und Illusionen, von Freunden und Liebhabern, am Ende trollen sich auch die meisten Figuren. Dem auf dem Programmheft genannten Autor Patrick Marber verdankt das Schauspiel außerdem „Hautnah“, einen seiner großen Publikumserfolge von der ersten Saison Reeses (2009/10) an. Reese, der seinen eigenen Abschied nicht direkt zelebriert, aber auch nicht beiseite lässt, mag es offenbar, wenn Kreise sich schließen.

Wieso stand da eben „dem auf dem Programmheft genannten Autor“? Weil „Drei Tage auf dem Land“ gar nicht so weit vom Original entfernt ist, Iwan Turgenjews „Ein Monat auf dem Lande“. Was der (für die deutschsprachige Erstaufführung angereiste) Brite bietet, ist eine Turgenjew absolut sichtbar lassende Überschreibung, eine Übertragung, ein Flottmachen durch eine zum Teil etwas forschere Wortwahl, durch Kürzungen und einzelne Schärfungen. Geringfügig ändert Marber zudem den Handlungsverlauf – Turgenjews Lisaweta zum Beispiel scheint den unorthodoxen Antrag des Arztes Spigelskij anzunehmen, während Marber ihn ablehnt, aber dies mit dem Turgenjew-kompatiblen Satz „Mit meiner Unzufriedenheit kann ich leben, mit Ihrer will ich es nicht“. Marbers selbstbewusste Lisaweta, von Kriegenburg noch mit einer Portion althippiehafter Schamlosigkeit versehen, wird auch durch die hinreißende Verena Bukal ins Zentrum des Geschehens verschoben (Bukals urkomische Seite zur Blüte gebracht zu haben, gehört zu den Leistungen des Reese-Schauspiels, wie man mit Fug und Recht sagen kann, wenn man sie noch aus ihrer Mainzer Zeit kennt).

Marber macht zwar aus dem Deutsch- bereits den Englischlehrer (der sympathisch defensive Michael Benthin), aber schon die Strawberry-Fields-Einlage ist bereits rein frankfurterisch. Rigoroser als Marber greifen die Frankfurter in den Text ein, so dass man es alsbald mit einer doppelten Überschreibung zu tun hat. Die verschiedenen Übersetzungsleistungen, die sich noch dazwischen schieben müssen (der deutsche Text ist von John Birke), machen es zum Teil noch schwieriger, die Unterschiede zu erkennen. Die Handlung spielt in jedem Fall weiterhin im 19. Jahrhundert und die im Titel behauptete, letztlich folgenlose Beschleunigung bedeutet noch immer dreieinhalb Stunden eines sommerlich und personenbedingt schlaffen Hin-und-Her.

In Kriegenburgs Bühnenbild ist das Gut Arkadijs heruntergekommener, als es seinen finanziellen Mitteln entspricht. Die Möbel wirken improvisiert, die Fassadenbemalung blättert vehement. Die Wand mit schwerem Schiebetor und Glasfenstern, die den Abend teils nicht überstehen, gehört zu einer Art Zwischengang, ein Drinnen-Draußen, wie es im Sommer ja wohl keinen großen Unterschied macht. Man darf sich dadurch nicht täuschen lassen. Anders als in einem Tschechow-Stück hängen die Menschen bei Turgenjew und Marber nicht fest, weil sie sich ein Leben in der großen Stadt nicht leisten könnten. Überhaupt ist das alles nicht besonders existenziell hier. Darum bleibt Zeit für Musik, a cappella und mit Klavier, von Bach über Chopin zu Tears for Fears’ „Mad World“, von Franziska Junge fantastisch morbide vorgetragen. Darum lässt Junge als verheiratete Gutsherrin Natalja zwischen zwei Männern – und es gibt keinen Grund, ihren Ehemann dabei mitzuzählen – eher der grotesken Note ihrer Situation freien Lauf, spielt losgelassen und exaltiert und kompliziert und mit Geplärr und Gejaul und auch einer Menge Geschrei, das folgenlos verpufft.

Darum schwirrt das große Ensemble als kurioser Teilchen-Schwarm um sie herum: Oliver Kraushaar, der als Arzt und Lisaweta-Bewerber wie so oft ganz sein eigenes Ding dreht; Felix Rech als stattlicher, aber innerlich und äußerlich schwer herumrudernder Rakitin, der sie liebt; Isaak Dentler als kaum, dann aber doch aufzubringender Ehemann; oder Peter Schröder als indiskutabler Nachbar, der in keinem russischen Stück zu fehlen scheint.

Die jungen Leute haben es insgesamt schwerer, vielleicht weil es bei ihnen doch noch um etwas geht, vielleicht weil sich keiner wirklich für sie interessiert. Der allseits geliebte Lehrer Beljajew, Owen Peter Read, oder die Pflegetochter Vera, Alexandra Lukas, dienen den Älteren doch vor allem als Ablenkung von einer faden Gegenwart und Zukunft.

Der Gangart auf der Bühne, einem Schlendern, Schlängeln, Tollen, entsprechen die Tonlagen. Mikrofonfeinde kommen auf ihre Kosten, aber bereits in Reihe 4 ist manches nicht zu verstehen. Kriegenburg jedenfalls kann und will das offenbar alles nicht sehr ernst nehmen, er kann oder will uns allerdings auch nichts anderes herzaubern. Turgenjews Stück ist kein Meisterwerk, Marbers auch nicht, Kriegenburgs wie die vorzeitige Ablieferung eines Juni-Späßchens. Ein Zeitvertreib, auch mit der Hilfe und manchmal auf Kosten großer Gefühle, schließlich ein Zuendebringen auf sämtlichen Ebenen, dessen letzte zwanzig Minuten arg ausfransen. Dass hierfür noch ein Stühleberg entknäult und verteilt wird, lässt an die Möglichkeit denken, auf große Stuhlmengen auf der Bühne einfach einmal für zwei Jahre via Moratorium zu verzichten und zu schauen, ob Bühnenbildner und Regisseure daraufhin nicht auch andere Ideen entwickeln.

Die entschlossene Ziellosigkeit der Inszenierung entspricht den entschlossen unentschlossenen Figuren und ist das Konsequenteste, was Kriegenburg für dieses vorerst letzte Frankfurter Mal bietet. Im Laufe des Abends wird das natürlich bei aller Liebe ein Problem.

Schauspiel Frankfurt, Schauspielhaus: 9., 16., 17., 26. März.www.schauspielfrankfurt.de

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