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Es leuchtet ihnen die Chance entgegen in Form einer mysteriösen Uhr: Katharina Linder (v. l.), Sarah Grunert, Melanie Straub, Tanja Merlin Graf.
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Es leuchtet ihnen die Chance entgegen in Form einer mysteriösen Uhr: Katharina Linder (v. l.), Sarah Grunert, Melanie Straub, Tanja Merlin Graf.

Schauspiel Frankfurt

Aber Horst hat die Deutungshoheit

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Gerhild Steinbuchs Frauen-Stück „In letzter Zeit Wut“, uraufgeführt in den Frankfurter Kammerspielen.

Aristophanes gab jetzt den Anstoß für ein von Frauen gemachtes, frauenfreundliches Stück des Jahres 2021, was er sich um 392 v. Chr. sicher nicht hätte träumen lassen, als er die sexistische Komödie „Weibervolksversammlung“ schrieb. Bei Aristophanes reißen die Frauen die Macht an sich, indem sie sich als ihre Männer verkleiden und in Athens Volksversammlung allerlei männerfeindliche Gesetze beschließen, aber so übrigens auch das Privateigentum abzuschaffen versuchen (der griechische Dramatiker muss diesen egalitären Gedanken zutiefst lächerlich gefunden haben). Vor allem aber scheitert die Herrschaft der Frauen bei ihm daran, dass sie erstens untereinander keineswegs immer einig sind, dass sie zweitens zum Beispiel dafür votieren, jeder Mann müsse mit einer hässlichen Frau Sex haben, ehe er mit einer schönen schlafen darf.

Den Aristophanes-Text hatte die Regisseurin Christina Tscharyiski als Ausgangspunkt vorgeschlagen für eine Auftragsarbeit Gerhild Steinbuchs. Die österreichische Autorin schreibt Prosa und Essays, Hörspiele, Theaterstücke. Sie nahm die Anregung und auch einige direkte Aristophanes-Zitate auf und es entstand „In letzter Zeit Wut“, das jetzt in den Kammerspielen des Frankfurter Schauspiels in schlanken 90 Minuten Uraufführung hatte.

Wütend, das ist am offensichtlichsten Regan, Tanja Merlin Graf, so wütend, dass sie sich erstmal im Wortsinn auskotzen muss (keine Angst, dezent hinter einer Büropflanze). Ihre Kolleginnen Kirsty, Ellen und Nancy, Sarah Grunert, Katharina Linder und Melanie Straub, warten indessen verlegen ab.

Die vier Frauen sind prekär Beschäftigte bei – ja, bei wem oder mit was eigentlich? So ganz ist ihnen das auch nicht klar, aber sie löschen jedenfalls quasi im Akkord Bilder, von denen ihr Auftraggeber findet, sie seien „hässlich“. Penisse vor allem, viele viele Penisse. Kinderpornographie, Tierquälerei. Leichen. Vulven kommen eher selten vor.

„Wieviel hässliche Bilder verträgst du?“ war eine Frage im Vorstellungsgespräch. Von volldynamischen Hierarchien war dann die Rede, Kaffee am Automaten gibt’s gratis, alles ist blitzeblank im „Reality LAB“ (so im Stücktext, Sarah Sassen hat die Bühne mit einer eher schäbigen Filzboden-Agora bebaut).

Aber „die Leitungsfunktion inne“ hat, na klar, ein Mann. Horst – ein mit geschorenem Kopf kaum wiederzuerkennender Isaak Dentler – ist als veritabler Vollhorst locker in der Hüfte und in den Knien, trägt Schlabberhose und seltsame rosa T-Shirts (Kostüme: Svenja Gassen). Lieblingsfrage bei Eintritt: „Na, wie geht’s uns denn heute?“ Sogleich versichert er, er sei Feminist, schon immer. In diesen Zeiten, glaubt er wohl, muss man das sagen.

Aber wie sind sie denn, die Zeiten? Irgendwie nicht wirklich besser für weibliche Menschen. Also drückt etwas in ihrem Körper, drückt ihnen die Luft ab, will heraus – und nicht alle vier wollen es auskotzen. Das bringt ja höchstens was für den BMI.

Auftritt: Sean, Sean Keller. Die (scheinbare) Lösung, der Weg zur Frauen-Macht hat bei Gerhild Steinbuch ironischerweise Männergestalt: Uwe Zerwer ist der Geist aus der Flasche bzw. einer mysteriös leuchtenden Uhr, ist eine Art Chatbot, der den vier Frauen das Hacken von Geschichte empfiehlt, die „Bildstörung als subversive Kraft“, die Veränderung von Bildern mittels Gedanken. Sie brauchen nur ein Update machen, nur Rebooten, nur entscheiden, wer in der Geschichte bleiben darf und wer nicht.

Man wird ihnen nicht vorwerfen können, dass sie es nicht versucht haben. Durchaus kühn. Sie denken sich – und hinter einer Tür taucht tiefgrüner Urwald auf – ein Neu-Amazonien aus, mit zwei Meter großen Kriegerinnen. Eine Mädchenphantasie? „Man muss doch woanders neu anfangen.“ Sie denken sich aus, wie sie über „kaputte Horst-Körper“ steigen, auf der Jagd nach dem allerletzten Horst. Aber ist die Männervernichtung nun die bahnbrechende Idee, nach der sie sich gesehnt haben?

Reboot, rufen sie und tippen auf die Leuchtuhr. Und noch einmal: Reboot! Wünschen sich das Glück für alle. Aber da taucht schon wieder Horst auf, da scheint schon wieder alles beim Alten zu sein, „weil irgendein Horst die Deutungshoheit hat“. Der sich am Ende auch noch enttäuscht zeigt, dass dabei nicht „irgendwie mehr Utopie“ rauskam.

So einfach sind die Dinge eben nicht mit einer grundlegenden Veränderung der Gesellschaft. Und Gerhild Steinbuch macht sie in „In letzter Zeit Wut“ nicht weniger komplex. Spielt mit Gleichberechtigungs- und anderen Miseren auf diversen Realitätsebenen, wirbelt sie herum, schärft sie an in knapper Sprache. Lässt Kirsty, Regan, Ellen, Nancy oft im Chor sprechen, aber deswegen noch lang nicht immer einer Meinung sein. Schwesterlich geht anders. Schlägt sich durchaus auf die Seite der Frauen, indem sie sie Grund haben lässt zur Klage (Horst, Hässlichkeit & Hungerlohn). Aber eine Haltung und ein Reboot ihres Lebens müssen sie sich erstmal leisten können.

Schauspiel Frankfurt , Kammerspiele: 28. November, 5., 19. Dezember. www.schauspielfrankfurt.de

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