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1380 Euro netto für 48-Stunden-Woche

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Symbolische Berieselung mit Flitter:   Lisa Jopt und ihr Kollege Johannes Lange im Mai  im Probenraum des Oldenburger Schauspiels.
Symbolische Berieselung mit Flitter: Lisa Jopt und ihr Kollege Johannes Lange im Mai im Probenraum des Oldenburger Schauspiels. © dpa

Prekärer Alltag: Die Theaterschauspielerin Lisa Jopt spricht im Interview über Arbeitszeiten und künstlerisches Mitspracherecht, über Gagen und Freizeitansprüche.

Von Ulrich Seidler

Lisa Jopt, wer Ihre Rede bei der ersten bundesweiten Ensemble-Versammlung gesehen hat, wundert sich, woher Sie die ganze gute Laune nehmen, bei einem Thema, das eigentlich Missstimmungen verursacht.
Ich bin Schauspielerin, und ich finde Theater geil. Und ich weiß, dass man Sachen verändern kann, wenn man nur den Schnabel aufmacht.

Nur zu. Vielleicht skizzieren Sie einmal einen typischen Arbeitstag eines Ensemble-Schauspielers im deutschen Stadttheaterbetrieb?
Also man probt zweimal am Tag, von 10 bis 14 Uhr und von 18 bis 22 Uhr, am Samstag probt man nur vormittags. Zwischen zwei Proben hat man vier Stunden frei. Da geht man in die Kantine was essen, schnell noch was einkaufen für Zuhause, ins Fitnessstudio, Kinder abholen, ein Nickerchen machen, Text lernen, Materialmappe lesen. In Endproben, also wenn die Produktion von der Probebühne auf die richtige Bühne geht, dann sieht es noch extremer aus. Bei aufwendigen Produktionen hat man zum Beispiel vor 10 Uhr eine Kostümanprobe, geht dann zur Vormittagsprobe. Abends macht man einen Durchlauf, dann abschminken, duschen und Kritik, das kann auch mal bis Mitternacht dauern.

Die Wochenarbeitszeit ...
... von 48 Stunden wird nicht nur in Endproben locker überschritten, weil das Textlernen, die Vor- und Nachbereitungen der Proben, die Recherche, das Körper- und Stimmewarmmachen oder überhaupt der Erhalt der Kondition oder aber auch Ensemble-Versammlungen noch nicht als Arbeitszeit gewertet werden. Besonders heftig ist es zur Märchenzeit, das wird an manchen Häusern zwei bis drei Mal gespielt. Für eine Doppelvorstellung bekomme ich ein Drittel der Tagesgage, das sind bei meinem Gehalt keine 25 Euro brutto. Theater ist oft richtig Sport, viele verlieren bei Produktionen Gewicht. Dafür braucht man Regeneration. Gucken Sie mal: Ich gehe zweimal am Tag arbeiten und spiele am Wochenende meine Vorstellungen, ich will wenigstens zweimal in der Woche ausschlafen können. Viele Schauspieler leben in Fernbeziehungen, die müssen ja auch irgendwann mal miteinander schlafen.

Wie ist denn Ihre finanzielle Situation?
Ich bin 33 Jahre alt und habe als eine von 1100 Bewerbern ein sehr teures Elitestudium an der HMT Leipzig bekommen. Ich hatte das Glück, sofort ein Engagement zu finden – erst am Schauspiel Essen, jetzt am Staatstheater in Oldenburg. Ich arbeite im sechsten Jahr am Theater, bin anerkannt in meinen Bereich und verdiene 2210 Euro brutto. Da bleiben 1380 Euro netto. Meine Wohnung kostet warm 500 Euro im Monat. Oldenburg ist teuer. Ich muss mir trotz eines halben 13. Monatsgehalts für die Ferien Geld von meinen Eltern borgen, bzw. schenken lassen. Die machen das auch gerne, aber peinlich ist mir das trotzdem.

Wenn man die Gagen erhöht, fehlt das Geld im künstlerischen Etat.
Deshalb haben wir uns auch die Aktion „40.000 Bühnenmitarbeiter*innen treffen ihre Abgeordneten“ ausgedacht. Denn die Politiker, die über Geld entscheiden, müssen ja wissen, dass derzeit die meisten Theater das Arbeitszeitgesetz verletzen, sich also strafbar machen. Da will ja niemand sich strafbar machen, auch die Intendanten und Intendantinnen nicht. Also brauchen wir mehr Geld, um betriebliche Standards zu erfüllen. Das Geld soll nicht von der Kunst abgehen, sondern Kunst möglich machen. Und wer macht die Kunst? Die Künstler. Wir brauchen Arbeitszeiterfassung, Gagentabellen, Freizeitausgleich, Überstundenbezahlungen, Gleichbezahlung von Männern und Frauen. Übrigens auch mehr künstlerisches Mitspracherecht.

Wie wollen Sie die Politiker überzeugen, dass sie mehr Steuergeld ausgeben müssen?
Wir wollen den Politikern gerne zeigen, wer alles am Theater arbeitet, was das für ein großartiges Geschenk für die Stadt ist. Wir müssen ihnen die Herrlichkeit von Schminke, Kostümen, Literatur, Kunst und den ganzen großartigen Werkstätten mit dem Fachpersonal nah bringen. „Guck mal, die Frau hier heißt Inspizientin, ohne die sind wir aufgeschmissen. Kunstblut schmeckt nach Rote Beete und mit dieser Nadel werden übrigens Perücken geknüpft. Und jetzt, wo du das so siehst, musst du zugeben, dass es kein Zustand ist, dass ich als Gräfin Olivia weniger verdiene als meine Kollegin aus der Beleuchtung.“ Einfach um denen klarzumachen: Wenn wir so viel spielen sollen wie jetzt, brauchen wir mehr Schauspieler, Dramaturgen, Assistenten und eine angemessene Bezahlung. Es kann nicht sein, dass jeder andere im Theater, der im TVL-Vertrag tätig ist, also Technik oder Verwaltung, einfach mal mehr verdient als die Schauspieler. Wir befinden uns mit der Mindestgage auf einer Stufe zwischen E1 und E2. Da sind in der sogenannten Entgelttabelle aber Boten und Küchenhilfen eingestuft, was sagt man dazu! Wir reden auch über Dramaturgen, die einen Hochschulabschluss haben, oder über Regieassistenten, deren Arbeitszeiten ganz üblicherweise weit über alle Grenzen der Legalität hinausgehen. Das wissen alle, seit Jahren. Aber es ist keiner auf die Idee gekommen, die Arbeitszeit zu erfassen und die Überstunden wenigstens zu vergüten oder durch Freizeit auszugleichen.

Das liegt doch in der Verantwortung des Intendanten…
Aber da jeder Intendant meist nur fünf Jahresverträge hat und ihm noch andere Karrierestationen vorschweben, sind bis jetzt nur wenige auf die Idee gekommen, sich gründlich mit den Kulturbehörden auseinanderzusetzen. Da brauchen die einfach unsere Hilfe, unseren Theaterduft und unsere Überzeugungskraft, dass Kultur zu Bildung gehört. Lehrer werden ja auch nach normalen Regeln vergütet. Ich erinnere mal an die Einführung des Mindestlohnes, da wurde gewarnt, dass die Bau- und Taxiunternehmen schließen müssten. War aber nicht so. Ludwig von Otting, ehemaliger Kaufmännischer Direktor des Thalia Theaters und mit im Vorstand vom ensemble-netzwerk, bringt immer das Beispiel von der Kinderarbeit im Bergbau. Es habe große wirtschaftliche Bedenken gegeben, als die abgeschafft werden sollte. Wer kriecht denn dann in die kleinen Flöze rein, da macht der Bergbau dicht.

Gibt es einen Widerspruch zwischen künstlerischem Anspruch auf Selbstverwirklichung und Tarifrecht?
Gegenfrage: Muss man so eng disponieren, dass man als Künstler einem solchen Dilemma ausgesetzt wird? Mein Kollege Sebastian Rudolph hat in München zweimal hintereinander diese achtstündige Stemann-Faust-Inszenierung gestemmt und ist am nächsten Tag nach Hamburg geflogen, um abends wieder zu proben. Die Theaterleitung hat ihm freigestellt, sich lieber auszuruhen. Aber es ist die erste Bühnenprobe für ein neues Stück, und da will der natürlich dabei sein. Die eng gestrickte Dispo ist der Grund für Überlastung, nicht die Lust und die Verantwortung von Sebastian als Schauspieler. Das macht ja auch alles Bock. Wenn Leute brennen und andere bezahlen dafür, sich das anzugucken, dann muss man dem Brennenden auch das richtige Klima dafür bieten. Wo steht geschrieben, dass jemand, dem seine Arbeit Spaß macht, mit Lohneinbußen zu traktieren ist, bis er keinen Bock mehr hat? Oder keinen Freizeitausgleich dafür bekommt. Es geht nicht darum, dass ich mich künstlerisch schonen will, im Gegenteil. Ich sehne mich danach mich zu verausgaben und es ist meine Entscheidung, wie weit ich gehe. Ob ich mich nackt ausziehe oder so irre tanze, dass ich mich übergeben muss, was schon mal vorgekommen ist. Das ist meine performative Freiheit, da darf kein Arbeitsrechtler ran. Aber es muss dafür gesorgt werden, dass ich nach solchen Probenphasen eben auch Regenerationsphasen habe.

Alle Forderungen laufen darauf hinaus, dass es teurer wird.
Ja. Oder weniger Produktionen gemacht werden. Der bisherige Weg, dass Geld eingespart und gleichzeitig die Produktionsanzahl erhöht wurden, um die Eigeneinnahmen zu steigern – dieser Weg ist mehr als ausgereizt.

Gibt es auch Stellschrauben, die nicht automatisch mehr Kosten verursachen?
Samstagsproben extrem reduzieren. Wirkt Wunder. Produktionen nachbesprechen. Und Konsequenzen daraus ziehen. Spielzeit durchbesetzen, so weiß man, was auf einen zukommt. Verständnis für die Möglichkeiten und Begrenzungen von Abteilungen und Menschen entwickeln. So kann man einen Mentalitätswandel schaffen. Das kann so einfach sein. Aber diese Zeit muss eben disponiert werden. Ich rede ja mit verschiedenen Intendanten und stellt fest, dass die gar keine Sonnenkönige sein möchten, eigentlich auch gern bessere Bedingungen schaffen würden, dass die sich untereinander mit ihren Intendantenkumpels aber nicht richtig besprechen und nach guten Ideen fragen. Intendanten brauchen noch nicht mal einen Schein zum Leiten. Sogar Fußballspieler dürfen nicht einfach Trainer werden, sondern brauchen einen Trainerschein. Die unwürdigsten Kränkungen und Ängste entstehen bei Schauspielern dadurch, dass sie entmündigt werden, indem sie nicht eingebunden werden in künstlerische Entscheidungen: Welche Regisseurinnen holen wir, wer spielt was, wie groß, wie viel, verdienen alle gerecht? Oder auch: Wer soll nächster Intendant werden?

Da kann man mitbestimmen, wer einen dann entlässt ...
Dass die Intendanten alles austauschen, was ihnen nicht passt, ist eine bornierte Unsitte. Gleichzeitig kritisieren sie mit ihrer Kunst die Asozialität des Neoliberalismus. Kann ich gar nicht so richtig ernst nehmen. Wieso nicht erstmals einmal jemanden holen, der sich auf das Ensemble beworben hat und mit den vorhandenen Bedingungen arbeitet: tolle Immobilie, tolle Leute. Nach einem Jahr oder anderthalb, kann man immer noch gucken, ob man miteinander auskommt oder ob Schauspieler aus künstlerischen Gründen nicht verlängert werden oder selber gehen möchten. Regisseure kommen ja auch an Häuser und arbeiten mit Leuten, die sie vorher nicht kennen und siehe da: Weil es eine gute Regie ist, kam auch ohne seine vertrauten Künstler, was Gutes bei raus. Ich verstehe, dass man vielleicht ein paar Schauspieler und Dramaturgen seines Vertrauens braucht. Ich glaube aber auch, dass es gut für die Kunst ist, wenn man neue Verbindungen eingeht. Und wenn sie nur mit ihren Leuten arbeiten können, warum gründen sie dann nicht freie Gruppen?

Wie kam es zur Gründung des ensemble-netzwerkes?
Es begann auf einer Ensemble-Versammlung in Oldenburg mit der Frage: Was brauchen wir, um künstlerisch arbeiten zu können. Wir haben dann eine Liste mit Bedürfnissen aufgesetzt und sind bei der Leitung auf Interesse gestoßen: Man, das war vielleicht einfach, dachten wir. Und wenn das bei uns so gut geht, muss das doch an anderen Theatern auch möglich sein. Dann haben wir einen Rundbrief an alle Ensembles geschrieben. Um zu erfahren, wie es bei denen so läuft. Und dann haben wir das ensemble-netzwerk gegründet und eine erste bundesweite Versammlung organisiert. Im Juli haben wir einen Verein gegründet, sind breiter aufgestellt mit richtig klugen Leuten. Wir sind mit dem Bühnenverein, mit den Gewerkschaften, mit den Intendanten, den Hochschulen und mit der Kulturpolitik in Gesprächen. Wir sehen uns in einer Vermittlungsposition. Zu uns kommen Leute, um zu petzen. Sie rufen mich an und erzählen, wie sich der Intendant aufführt, was für Tricks der Kaufmännische Direktor auf Tasche hat.

Fühlen sich die Intendanten nicht angegriffen?
Die meisten haben verstanden, dass wir es sehr ernst meinen gemeinsam, ich sage gemeinsam, Dinge lösungsorientiert anzugehen. Die wissen ja auch, dass das Alleinherrschaftsprinzip sie zeitlich überfordert und die Tendenz zu Leitungsteams geht. Man muss die Sonnenkönige an die Hand nehmen und klar machen: „Du guck mal, ich will deinen Thron gar nicht absägen, du sollst in deinem Bereich schön weiter tanzen und Verantwortung übernehmen. Du sollst nur wissen, was du verändern musst, damit auch ich in meinem Bereich tanzen und Verantwortung tragen kann.“ Man könnte es so zusammenfassen: Ich möchte angemessen bezahlt werden und die Theaterfolklore vom Ständesystem zerhämmern, um Kunst zu machen.

Zum Wohl des Theaters.
Bingo.

Interview: Ulrich Seidler

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