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1933: Max Reinhardt (vorne) probt „Faust I“.

Ausstellung zum Jubiläum

Salzburger Festspiele: Für jedermann

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Die Salzburger Ausstellung zum 100. Jubiläum der Festspiele blickt in jeder Hinsicht auf „Großes Welttheater“.

Schon der Begriff Festspiele doppelt den glamourösen Anteil des künstlerischen Geschehens. In Salzburg fand das seit jeher mehr offene Anerkennung als in Bayreuth, wo sich bis heute Pilger mit Liszt-Frisur und Taschenpartitur unter das internationale Publikum mischen. Auch wusste man in Bayreuth immer, was man wollte und was man auf keinen Fall wollte: irgendetwas anderes.

In Salzburg wollte man den „Jedermann“ – nachdem Hugo von Hofmannsthals ursprünglich geplanter Festspiel-Dreh- und -Angelpunkt, „Das Salzburger große Welttheater“, nicht pünktlich und dann nicht durchschlagend glückte –, dazu die Werke des Mitinitiators Richard Strauss und des Sohnes der Stadt, Mozart. Aber das war lediglich die Grundlage für eine Hülle und Fülle, die immer wieder neu verhandelt wurde und wird. Beliebig nennen es die wenigsten, lebendig die meisten.

Interessant, dass es in Bayreuth liturgischer zuging, in Salzburg dafür mehr auf Teufel komm raus. Es ist imposant, kann aber auch einen Zug ins Rabiate bekommen, dass die Salzburger Festspiele nur ein einziges Mal in ihrer Geschichte, recht früh und wegen Querelen, nicht stattfanden, nämlich 1924. In dem Parcours der Salzburger Landesausstellung „Großes Welttheater“, der hundert Objekte zu hundert Jahren Festspiele präsentiert und dokumentiert, bleibt hier die Vitrine wirkungsvoll leer. Den Zweiten Weltkrieg hindurch wurde hingegen auf Biegen und Brechen weitergespielt, was jetzt mehr als einmal zu Vergleichen mit der aktuellen Corona-Spielzeit führte. Wenn eine Absage keine Option ist, wird man sich eben etwas anderes ausdenken.

Unter völlig unterschiedlichen Vorzeichen kamen beide Festspiel-Institutionen – gelegen in schönen Städten, die die jährliche Weltbedeutung mit guten Gründen zu schätzen wussten – unter die Nazis. In Bayreuth hatte das eine böse Logik. In Salzburg galt es nach dem „Anschluss“ Österreichs zu überspielen, dass der Mitinitiator und Schauspielchef der Festspiele, der 1937 in die USA geflüchtete Max Reinhardt, Jude war, und dass der Autor des „Jedermann“, der 1929 gestorbene Katholik Hugo von Hofmannsthal, jüdische Vorfahren hatte. Dieses Überspielen, so erscheint es von außen und im Rückblick, gelang flott und nahtlos.

Dass sich für den ad hoc unmöglich gewordenen „Jedermann“ kein adäquater Ersatz finden ließ, machte es womöglich umso leichter, ihn 1946 – 1945: so schnell bekamen sie es dann doch nicht hin – wieder zu zeigen: in der Inszenierung des 1943 im New Yorker Exil gestorbenen Reinhardt, die noch bis Ende der sechziger Jahre nur geringfügig modifiziert wurde. Damit kommt sie der Haltbarkeit der Bayreuther Ur-„Parsifal“-Inszenierung (51 Jahre) immerhin nahe.

Auch in Salzburg zeichnete sich bereits weit vor 1938 ab, wie sich das gesellschaftliche Klima entwickelte. Als nach der dritten Festspielsaison das Präsidentenamt der Festspielgemeinde frei und Strauss dafür angefragt wurde, verwies der Komponist auf Reinhardt als „natürlichen“ Anwärter. Hofmannsthal dazu: „Reinhardt zum Präsidenten nehmen diese Spießbürger nie: Sie hassen ihn, hassen ihn drei- und vierfach, als Juden, als Schlossherrn, als Künstler, und einsamen und scheuen Menschen, den sie nicht begreifen.“ So viel zur Stimmung im Jahre 1922.

Das markerschütternde Hofmannsthal-Zitat steht mahnend an der Wand in jenem Ausstellungsbereich, der sich unter dem Namen „Brüche“ dem auch in Salzburg lange verdrängten Kapitel widmet. Hier kann man in einer Kulisse den himmlischen Ausblick von Reinhardts Schloss Leopoldskron aus genießen. Und erfährt, aus den heiteren Träumereien zurückkehrend, wie ungemein bereitwillig die christlichen Salzburger in der Reichspogromnacht die wenigen jüdischen Geschäfte der Stadt zerschlugen.

Bereits am 30. April 1938 wurde bei einer Bücherverbrennung – von denen es, wie man liest, in Österreich nicht viele gab – auch ein Werk Siegfried Jacobsohns über Reinhardt ins Feuer geworfen. Bei dem schändlichen Spektakel verbrannte außerdem katholisches sowie kaisertreues Schriftgut. Die Salzburger hatten offenbar mehrere Hassobjekte, an denen sie sich jetzt dermaßen losgelassen vergriffen, dass es der NS-Führung unangenehm war. Die gleichgeschaltete Presse berichtete nicht. Im erwähnten Parcours findet sich für 1938 ein Telegramm des großen Dirigenten Toscanini aus New York, der – von den ihm einst verbundenen Festspielen angefragt – noch einmal absagt: „wundere mich ueber ihr telegramm und wundere mich dassman nicht bereits aus meinem ersten kabel die endgueltigkeit meiner entscheidung verstanden hat. arturo toscanini“. Toscaninis politische Hellsichtigkeit brauchte nicht den „Anschluss“, um zu begreifen, wohin der Weg ging, seine Rechtschaffenheit stellt seinen Kollegen – es fand sich ja prominenter Ersatz – ein umso schlechteres Zeugnis aus.

Die Ausstellung „Großes Welttheater“ bietet eine Unzahl an Anknüpfungspunkten und Anregungen. Schon ihre Größe kann beim Gang durch das Salzburg Museum in der Neuen Residenz schwindelig machen, dazu die überdurchschnittliche Sinnlichkeit, in die viel Mühe und viele Ideen investiert wurden und die einer Schau zu einem Theaterereignis würdig ist.

Dazu gehören kulissenartige Einbauten – eine kleine Felsenreitschule, eine „Jedermann“-1920-Fototapete, vor der man zum Einführungsfilm wie einst auf Klappstühlen Platz nehmen kann –, dazu gehören ulkige und üppige Klangangebote: Aus einer (natürlich mit Plastikhandschuhen) herausgezogenen Schublade rufen der Tod oder die Pausenendeglocke. In einem futuristischen Saal kommen die Wiener Philharmoniker aus hochmodernen Dosen. Aktuelle Kunstinstallationen befassen sich mit Opern oder Fundusstücken.

Die Ausstellung, erst mag man es noch für Spielereien handeln, zeigt selbst ohne Unterlass, was Inszenierungskunst (oberflächlich und eindringlich zugleich) ist und könnte damit nicht näher am Objekt ihres Interesses sein. Wie im Theater – und nicht wie im Film, wie der streamende Mensch in den vergangenen Monaten ausführlich feststellen konnte – darf der Blick frei schweifen, sich ablenken lassen.

Dann wieder geht es ins Detail: Zum Hundert-Objekte-Parcours kommen Nischen für jedes Festspieljahrzehnt. Kleiner und großer Krach ist hier dokumentiert, der sportive Karajan ist zu sehen, der zürnende Thomas Bernhard zu lesen (im Zusammenhang mit dem Licht-aus-Skandal zur Uraufführung von „Der Ignorant und der Wahnsinnige“, 1972). Der Filmeinführung mit Dutzenden Ausschnitten aus Theatervorstellungen und aus den kaum weniger wichtigen Vorstellungen jeweils vor- und hinterher folgen weitere Kurzfilme mit Szenen und kleinen Interviews. Die Allgegenwart des „Jedermann“ hat insgesamt nichts Nostalgisches. Die Schau sucht und findet den Anschluss an die Gegenwart und während man durch die kühlen Räume streift, geht es draußen direkt weiter.

Für eine gigantische Fotowand mit hunderten Inszenierungsbildern hätten Kurzsichtige gerne eine Leiter. Dass das ausführliche und doch handliche Begleitbuch aufschlussreiche Aufsätze bietet, jenseits der hundert Objekte aber nicht ganz so viele Bilder unterbringen konnte, ist schade, aber einleuchtend. Auch will das Theater immer zum Original hinlocken. Und da im kommenden Jahr das eigentliche Jubiläumsprogramm der Festspiele nachgeholt werden soll, ist auch die Ausstellung außerordentlich lange zu sehen.

Salzburg Museum: bis 31. Oktober 2021. www.salzburgmuseum.at

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