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„10 Odd Emotions“ im Schauspielhaus Frankfurt: Sag ihr, es ist ein Spiel

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Von: Sylvia Staude

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„10 Odd Emotions“ von Saar Magal: Die Normas und Normmans, hier schon dabei, sich gegenseitig zu derangieren. Foto: Birgit Hupfeld
„10 Odd Emotions“ von Saar Magal: Die Normas und Normmans, hier schon dabei, sich gegenseitig zu derangieren. Foto: Birgit Hupfeld © Birgit Hupfeld

Saar Magals routiniertes Tanz-Theater-Stück „10 Odd Emotions“ im Schauspielhaus.

Eine Abendgesellschaft aus Schaufensterpuppen? Statisten und Statistinnen für den Film „Ich bin dein Mensch“? Allerdings sind diese Humanoiden, anders als Maren Eggerts lebensechter Gefährte, gesichtslos und weißer als weiß. Und wenn sie dann von ihren 08/15-Stühlen aufstehen, wenn weitere von ihnen sich gleichsam einschleichen in den neutralen, ab und zu videobespielten Raum (Bühne: Magdalena Gut, Video: Natan Berkowicz, Marcin Kosakowski), bewegen sie sich geziert, gestelzt, roboterhaft. Eine dieser Gesichtslosen (sie wird sich später als die Schauspielerin Sarah Grunert ent-puppen) tritt an ein Mikro, erzählt von Norma, der Mitte der 40er Jahre ausgemessenen und errechneten Durchschnittsamerikanerin als „geschlechtsreifes Weibchen“ – Männchen Normman interessierte die USA damals weit weniger.

Mit (zunächst) tadel-, wenn auch etwas leblosen Normmenschen, mit Normas und Normmans – in der eleganten, schimmernden Abendgarderobe Slavna Martinovics dominiert Grün, man meint, Landschaften darin zu entdecken – beginnt also das Stück „10 Odd Emotions“ der israelischen Regisseurin und Choreografin Saar Magal, das eine Koproduktion ist mit der Dresden Frankfurt Dance Company und vom Schauspiel Frankfurt angekündigt wurde als Rückkehr des Tanzes an die Städtischen Bühnen 20 Jahre nach Auflösung des Frankfurter Balletts. Die „in Zusammenarbeit mit dem Ensemble“ entwickelte Bewegungssprache ist allerdings nicht mehr als handwerklich solide, wirkt routiniert. Gleiches gilt für die Dramaturgie, die stillen Soli und dann wieder Steigerungen mittels Akteursmenge und musikalischer Intensität (Live-Musik von Omer Klein, Silvan Strauß).

Schauspiel-Intendant Anselm Weber hat sich von Saar Magal, die sich als spartenübergreifende Regisseurin einen Namen gemacht hat, ein Stück über Antisemitismus gewünscht. Sie selbst fand, dass das Thema Rassismus notwendig dazugehört.

So gehen sich die Puppenhaften irgendwann an den Kragen, balgen und schlagen sich in Zeitlupe, streifen dann aber nach und nach Maske und Perücke ab, stellen sich einzeln vor als „Italian, witch, anxious“ oder „brown hairy Canadian faggot“, als „non-binary boy“ oder „donna bianca normale“. Jeder und jede ein Unikat – oder? Von der Seite intoniert Omer Klein „label, label, label“. Das Etikettieren gilt vielleicht am meisten für den österreichischen Schauspieler Paul Wolff-Plottegg, der nicht nur ein „old man, young heart“ sein darf, sondern auch den Namen Hitler erwähnen und kurz mal jodeln muss. Freilich lässt sich das Klischee nicht kritisieren, ohne es zu erwähnen und vorzuführen.

Das Mini-Stück „Seven Jewish Children: A Play For Gaza“ der britischen Dramatikerin Caryl Churchill schließt sich an, Sarah Grunert und Andreas Vögler sprechen den Text, während sie, mit anderen, den Boden mit Papier bedecken. Jüdische Eltern verständigen sich darin darüber, was sie ihrem Kind sagen oder nicht sagen: „Sag ihr, es ist ein Spiel“, „sag ihr, sie muss ganz leise sein“, „sag ihr, ihre Onkel sind tot“, „sag ihr mehr, wenn sie älter ist“. Was sich zunächst klar auf den Holocaust bezieht, zielt dann auf den israelisch-palästinensischen Konflikt: „Sag ihr, das sind Beduinen, die ziehen umher.“ Zuletzt, wenn die Hektik wächst und Silvan Strauß das Schlagzeug bearbeitet, ist nicht mehr alles gut verständlich.

Caryl Churchill, da war doch was? Die Britin sollte im vergangenen Jahr den „Europäischen Dramatiker:innen Preis“ erhalten, er wurde ihr wegen Nähe zur Israel-Boykott-Bewegung BDS (sie hatte wie Nobelpreisträgerin Annie Ernaux Aufrufe unterschrieben) und wegen des als antisemitisch umstrittenen Stückes „Seven Jewish Children“ wieder aberkannt.

Saar Magal bettet es nun beherzt ein in ihr Tanztheater; doch ist Adaya Berkovich, die sich dem Publikum bereits als Israelin vorgestellt hat, das Opfer, das schamhaft unter Papierblättern verborgen wird. Während der starke weiße Mann, Vögler, schließlich mit (Taschen-)Büchern beworfen und ein Balanceakt beschworen wird: Eine Handvoll Darstellerinnen und Darsteller zeigen Bücher vor, legen sie sich auf den Kopf: jederzeit, scheint das zu symbolisieren, droht ein Absturz des Geschriebenen.

Es bleibt einer der zwei originellen Momente des eineinviertelstündigen Abends (der zweite steht ganz am Ende), der sowohl choreografisch als auch bildlich meist im Erwartbaren, im gewissermaßen auf Bühnen bereits Bewährten landet.

Das Tanzsolo Adaya Berkovichs, wenn sie dann das Papier wieder abschüttelt und über den Boden rollt und gleitet: es ist verflixt vertraut. Ebenso ihr wütender Sprechgesang ins Mikro gleich darauf. Zwei Tänzerinnen, die sich auf Gewehre wie Krücken stützen: man meint, es schon einmal gesehen zu haben. Kleidung wird auf den Boden geschlagen, schwarze Kleidungsstücke werden über den Kopf gelegt, Hosen fallengelassen auf die Knöchel, kurz mal ziehen einige Ensemblemitglieder rote Gummihandschuhe an – da geht es um den Völkermord an den Herero und Trothas Erlass von 1904, der im Grunde befahl, alle zu massakrieren.

Mit „10 Odd Emotions“ kehrt der Tanz zurück ins Schauspielhaus? Es wurde ein erster Schritt getan, der aber gerade Tanzbegeisterte eher enttäuschen wird als Theaterinteressierte.

Schauspiel Frankfurt: 23., 25. - 27., 30. Januar, 3., 4., 10.-13., 19., 22., 23., 25. Februar. www.schauspielfrankfurt.de

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