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Der deutsche Dramatiker Rolf Hochhuth (l.) und der Regisseur Torsten Münchow posieren anlässlich der Inszenierung "Sommer 14 - Ein Totentanz" im Theater am Schiffbauerdamm in Berlin.

"Sommer 14"

Theater im Blut

Rolf Hochhuths „Sommer 14“ hat heute Premiere am Berliner Schiffbauerdamm. Ein Besuch nach der Probe

Von Susanne Lenz

Es sind Theaterferien. In den vergangenen Jahren wurde man in Berlin in dieser Zeit zuverlässig von dem Streit zwischen dem Dramatiker Rolf Hochhuth, dem Gründer der Ilse-Holzapfel-Stiftung, die das BE-Theater am Schiffbauerdamm besitzt, und dem Intendanten dieses Theaters, Claus Peymann, unterhalten. Meist ging es um die im Mietvertrag festgeschriebene Zusicherung, dass Hochhuth in der Sommerpause seine Stücke dort aufführen darf. Dazu kam es nicht immer. Es gab sogar Kündigungs- drohungen.

Rolf Hochhuth möchte die Vergangenheit diesmal ruhen lassen. Er wird unwillig, wenn es immer wieder um Peymann geht. „Es war eigentlich gar kein Streit“, sagt er. „Und jedenfalls ist er beigelegt.“ Überhaupt sei viel dazu erfunden worden. Der 83 Jahre alte Hochhuth ist entweder ein Verdrängungskünstler oder ein höchst versöhnlicher Mensch.

Über dem Portal des Theaters wird die nächste Spielzeit angekündigt, aber links und rechts hängen Plakate, auf denen ein verwitterter Stahlhelm mit zwei Einschusslöchern abgebildet ist. Darüber ein Wort: Hochhuth. Darunter der Titel des Stücks, das hier am heutigen 1. August Premiere hat: „Sommer 14“, Hochhuths Stück über die Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs. „Es ist ein Rätsel, warum so ein Krieg entstehen konnte“, sagt er. „Die Monarchen waren doch alle miteinander vervettert.“ Das Rätsel konnte auch er nicht lösen.

2009 hatte Hochhuth mit dem Stück noch in die Urania ausweichen müssen. Er hatte die Anmeldungsfrist nicht eingehalten, Peymann bliebt hart. Die Auseinandersetzung ging vor Gericht. Diesmal, sagt Hochhuth, habe er Peymann sogar gefragt, ob er nicht selbst inszenieren wolle. Wie 1990 in Wien, wo das von Peymann in Auftrag gegebene Werk uraufgeführt wurde. Doch leider, Peymann inszeniere kein Stück zweimal. Geantwortet habe er aber: Er drücke die Daumen für die Premiere.

Vor ein paar Tagen hatte es so ausgesehen, als sei diese auch in diesem Jahr gefährdet, allerdings aus technischen Gründen. Die Sprinkleranlage hatte die Bühne des BE unter Wasser gesetzt. Die Elektrik brach zusammen. Nun steht draußen im Hof ein riesiges schwarzes Notstromaggregat.
Die Pförtnerin des Theaters, gefragt, wo man Karten für „Sommer 14“ kaufen könne, sagt: „Wir haben damit nichts zu tun.“ Dann zieht sie doch einen kleinen Zettel mit einer Handynummer hervor. Es ist das Kartentelefon.

Vor der Kantine raucht der Grill. Es gibt Würstchen und Nackensteaks. Die Schauspieler haben den ersten Durchlauf hinter sich. Mathieu Carrière, im Stück der Kaiser Wilhelm, sitzt im Bademantel auf einer der Bierbänke.

Der Regisseur ist Torsten Münchow, weißes T-Shirt, Jeans. Er ist vor allem Schauspieler und die deutsche Synchronstimme von Brendan Fraser und Antonio Banderas. Münchow platzt vor Energie und hat Unglaubliches zu erzählen. Vor vier Wochen erst habe Hochhuth ihn angerufen. Sie hätten sich von dem ursprünglichen Regisseur getrennt. „Ob ich ihn mache, den Ritt“, habe Hochhuth gefragt. Seit zwei Wochen proben sie nun. Münchow berichtet, wie schwer es war, in vier Wochen die Crew zusammenzutrommeln. „Viele konnten nicht.“ Udo Walz konnte. Er wird wie im wahren Leben als Friseur der Mächtigen auf der Bühne stehen. Hochhuth nennt es eine originelle Idee. Ottfried Fischer, der den österreichischen Kaiser Franz Joseph gibt, probt an diesem Tag zum ersten Mal. Und auch zum letzten Mal, er hat dann nämlich Dreharbeiten und wird erst zur Premiere wieder in Berlin sein.

„Yippieaiyei!“ Yippieaiyei?

Vor den Proben hatten sie kürzen müssen. Das Stück hat 420 Seiten, 70 sind übriggeblieben. „Weg, weg, weg“, sagt Torsten Münchow. Und alles sei so aktuell. „An Europas Grenzen droht Krieg, in Israel schlachten sie sich ab, und im Fernsehen gibt es nur noch Verdummung.“ Ein Blitz zuckt, Donner, dann fängt es zu regnen. Jemand legt eine Plastikplane über das offene Fenster eines Autos. „Sehen Sie“, ruft Münchow. „So ist die Technik hier, ein Auto offen, schon ’ne Plane drüber. Die haben Theater im Blut. Yippieaiyei!“ Yippieaiyei? „Das ist so eine Marotte, muss ich mir wieder abgewöhnen.“

Der Mann am Grill ist der Vorarbeiter der Bühnentechnik am BE. „Lass es laufen“, sagt er zu Münchow. „Lass die doch einfach mal spielen, quatsch’ nicht so viel dazwischen.“ Münchow nickt. Durch den Regen geht er zum Seiteneingang. Auf der Bühne alles weiß. Unter den Brettern summen die Trockner. Diana Körner, die den Tod spielt, fragt, wann es am nächsten Tag losgeht. „Um zehn?“- „Zehn mach ich nie“, sagt Münchow. Dann ruft er einem Techniker zu: „Hast du den Todessound schon drauf?“ Er hat. Es erklingen Gewehrgarben. „Alle fallen um“, sagt Münchow. „Rrrattatatatat. Sind tot.“

"Sommer 14“ im BE am Schiffbauerdamm, Berlin. Premiere ist heute, 1. August, auch am 3.,7., 8., 9. August.

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