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„The Rake’s Progress“ in Mainz: Alles Karierte trifft ins Schwarze

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Von: Bernhard Uske

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Alexandra Samouilidou, Stephan Bootz, Daniel Jenz (von links).
Alexandra Samouilidou, Stephan Bootz, Daniel Jenz (von links). Foto: Andreas Etterr © Andreas Etterr

Doppelbödige Strawinsky-Oper „The Rake’s Progress“ erstklassig in Mainz.

Eine Oper nahezu komplett in Schwarz und Weiß bietet das Staatstheater Mainz, wo Igor Strawinskys „The Rake’s Progress“ Premiere hatte. Regisseur Immo Karaman hat die 1951 in Venedig uraufgeführte Version des Teufelspakts inszeniert in Anlehnung an die geniale Schwarz-Weiß-Rasterung, die einst David Hockney für das Glyndebourne Festival schuf. Damals ging es um die Oper als verlebendigtem und in Klang gesetztem Zyklus der Kupferstiche William Hogarths, die für das Libretto W. H. Auden und Chester Kallmans Vorlagen waren.

Das Mainzer Schwarz-Weiß will aber nicht das vergrößerte Kupferstichraster der Libretto-Bildvorlagen zeigen, sondern den Schatten Tom Rakewells visualisieren. Jenes jungen Mannes, der seine Karriere auf Zufall, Glück und aufmerksamkeitsheischende Ideen bauen möchte. Nick Shadow, der Spielemacher und Gelegenheiten bietende Seelenfänger, ist hier ganz wörtlich das schattenhafte, vollkommen schwarze Alter Ego der Titelfigur, während Tom wie eigentlich alle sonstigen Akteure in Pepitamuster gekleidet ist. Die Tom-Verlobte Anne Trulove und ihr Vater dagegen sind komplett geweißt. Im Verlauf der Handlung wird Anne als einzige Figur ein wenig Farbe gewinnen in Kleid und Mantel (Kostüme & Choreografie Fabian Posca), derweil auch der Chor und sonstige Akteure dem Pepita-Diktat unterstehen. Das Bühnenbild (von Rifail Ajdarpasic) ist eine maximal reduzierte, flächige Giebelhauskulisse, zu der das spärliche Mobiliar (Tisch und Stuhl in unterschiedlichen Größen) samt einer Kaffeetasse und -kanne in Weiß, später in Schwarz, ebenfalls extrem minimalisiert. In seiner scheinhaft-illusionslosen Spannung passt das perfekt zum Stilprinzip der Musik des prä-postmodernen Strawinsky.

Die sparsame skulpturale Personenführung und Gruppenbildung mit teils ballettuösen Attitüden schafft zusätzliche Bezüglichkeiten, sodass ein phänomenaler Verweisungszusammenhang im Verein mit dem spröden und knochigen Neo-Klassizismus der Musik mit ihren Stilmaskeraden und spöttischen Obertönen entsteht. Die Sozialfigur des neuzeitlichen Glücksritters und Hedonisten in seinem Welterlösungsfuror und seinen kleinkarierten Selbstverwirklichungsspielereien bewegt sich wunderbar auf dem Schachbrett ewiger Glückssuche. Sie endet schließlich bei der Apotheose in der Irrenannstalt, wo Adonis alias Rakewell seine Venus alias Anne im schläfrigen Dämmer psychopathischer Einbildung erwartet. Hier trifft alles Karierte ins Schwarze. Nach den vielen Mozart- und Händelanspielungen jetzt umschlungen von Christoph Willibald Glucks Reigen seliger Geister, was die geronnene Stimmung des Ganzen beendet in artistischer Versöhnungskühle.

Die wirkt in der Interpretation des Staatsorchesters und des Opernchors höchst belebt, griffig in den Anspielungen und exponiert bei den Partien jener geschärften Intervallzüge, die dem Spiel mit Idiomen immer wieder Biss und Spannung verleihen.

Dirigent des Abends war Daniel Montané, der beide Aspekte der Musik zu vereinen wusste. Ihm stand ein Vokal-Team zur Verfügung, das kaum Wünsche offen ließ. Brillant waren die beiden Schlüsselfiguren des Tom Rakewell und Nick Shadow, Daniel Jenz und Peter Felix Bauer: starke, schlanke und schön timbrierte Stimmen.

Ebenso Auktionator Sellem von Michael Pegher sowie etwas bedeckt, aber treffend, Vater Trulove von Stephan Bootz. Bei den Frauenrollen war die Einspringerin Belinda Williams (als Türkenbaba) die schönste Simme mit ihrem leichten und dunklen Timbre bei gerundeten Höhen, derweil Alexandra Samouilidou als Anne anfänglich leichte Einbußen an Treffsicherheit hatte. Gute Stimme und obendrein ein deftiges Netzkostüm botero-mäßiger Wucht bot Katja Ladentin als Puffmutter Goose. Vif war der Chor in der Auktionsszene, sehr schön die Chorfrauenstimmen. Fein die Lichtführung Frederik Wolleks und das sparsame Projektionsdesign von Philipp Contag-Lada.

Ein erstklassiger Abend, der die doppelbödige Strawinsky-Oper genau getroffen hat.

Staatstheater Mainz: 13., 17. Juli, dann wieder vom 25. September an. www.staatsttheater-mainz.com

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