+
Wenn es bei Textilien möglich ist, dass das Zusammensetzen von Teilen als eigene schöpferische Leistung anerkannt wird, warum soll es dann eines Tages nicht auch bei Texten so weit sein?

Update

Texte und Textilien

  • schließen

Auch wer Handarbeiten macht, ist Teil eines industrialisierten Prozesses. Wie sieht das beim Schreiben aus?

In den vergangenen Wochen habe ich Mund-Nasen-Masken von Hand genäht. Die meisten Menschen benutzen dafür eine Nähmaschine, aber wegen unglücklich verlaufenen Handarbeitsunterrichts an der Maschine habe ich daran keine Freude. Das Handnähen hingegen erwies sich als angenehme Tätigkeit. Es wirkt wie eine altmodische Low-Tech-Beschäftigung, aber dieser Eindruck trügt. Ich lasse nur einen einzigen maschinellen Schritt weg. Davon abgesehen bin ich Teil eines industrialisierten, arbeitsteiligen Prozesses, in dem von der Baumwollernte bis zum Design ziemlich viele Menschen ziemlich viel Technik einsetzen. Ich baue lediglich Fertigteile nach einer Anleitung zusammen. Und doch gilt das Ergebnis als Handarbeit und individuelles Produkt.

Wenn es bei Textilien möglich ist, dass das Zusammensetzen von Teilen als eigene schöpferische Leistung anerkannt wird, warum soll es dann eines Tages nicht auch bei Texten so weit sein? Was das Schreiben angeht, befinden wir uns momentan ungefähr in der Phase, in der man ein Schaf, ein Spinnrad und einen Webstuhl zu Hause hat. Wenn ich einen Text schreibe, kann ich zwar für den Vorgang des Aufschreibens auf Werkzeuge zurückgreifen – einen Laptop, Textverarbeitungssoftware, das Internet –, inhaltlich muss ich aber beim Scheren des Schafs anfangen. Das dauert ganz schön lange. Eine andere Welt, in der ich beim Schreiben Fertigteile verwenden kann und meine Arbeit trotzdem noch als selbst gemacht gilt, erscheint mir denkbar.

Eine Freundin beklagte sich vor einigen Tagen über einen Satz aus einem Buch. Er lautete: „Nach dem Abendessen vögelten sie noch einmal mit einer rücksichtslosen und beinahe menschenverachtenden Gier miteinander.“ Unkonventionelles Verhalten der handelnden Personen werde in diesem Roman zwar behauptet, das eigentliche Geschehen aber dann in Sätzen abgehandelt, die kaum über die Aussage „Es folgte Sex“ hinausgehen.

Ich habe für das Ausfüllen vorhandener Satzstrukturen mit neuem Inhalt ein selbst gebasteltes Werkzeug und die nötigen Wortsammlungen, in diesem Fall Adjektive und Gefühle. Damit konnte ich innerhalb weniger Sekunden neue automatische Zufallsvorschläge machen:

„Nach dem Abendessen vögelten sie noch einmal mit einer bäurischen und fast obergärigen Wonne miteinander.“

„Nach dem Abendessen vögelten sie noch einmal mit einer profihaften und fast skurrilen Müdigkeit miteinander.“

„Nach dem Abendessen vögelten sie noch einmal mit einer schweren und fast friedlichen Demut miteinander.“

Eigentlich finde ich jeden dieser Sätze überzeugender als das Original, vor allem den letzten. Wenn das Richtige noch nicht dabei wäre, könnte ich ohne Zeitaufwand beliebige Mengen neuer Vorschläge erzeugen. In manchen Bereichen der Textproduktion kommt dieses Verfahren schon seit etwa zehn Jahren zum Einsatz: Über Bewegungen am Aktienmarkt und über Sportereignisse wird – vor allem im englischsprachigen Raum – teilautomatisiert berichtet, davon war in dieser Kolumne im Januar 2019 die Rede.

Literatur und meines Wissens auch das Kolumnenschreiben sind aber weiterhin Handarbeit. Das, was ich mir für die Texte der Zukunft als Äquivalent zu den Textilien der Gegenwart vorstelle, gibt es alles noch gar nicht: Schnittmuster für Texte, von kompetenten Designerinnen vorgefertigtes Material mit Eulenmotiven in großer Auswahl, ein Gerät für den schnellen Zusammenbau. Man möchte ja nicht immer alles meditativ von Hand machen. Bei Texten wie bei Textilien geht es manchmal nicht um die Freude an der Herstellung, sondern einfach nur ums Ergebnis.

Wenn die neue Schreibmaschine eines Tages da ist, wird es sie zuerst für englischsprachige Texte geben und zehn Jahre später auch für deutsche. Man wird ihre Ergebnisse mechanisch und seelenlos nennen, aber so ist das anfangs bei allen Geräten. Ein paar Jahrzehnte später wird man sich, so wie ich heute beim Nähen von Hand, jeden Tag rechtfertigen müssen, warum man nicht die Maschine nimmt: Es gehe damit doch viel schneller.

Mit einem guten selbst gemachten Vergleich, auf welche Art der Mond heute scheint, kann man noch tausend Jahre später zitiert werden, das wird in meiner fiktiven Zukunft immer noch so sein. Aber manchmal ist gerade keiner zur Hand. Sehen wir den Tatsachen ins Auge, in Literaturverlagen erscheinen Bücher voll mit Mondmetaphern aus Käse. Und dann ist eine große Auswahl an Mondscheinvergleichen von der Stange doch ein Fortschritt. Ich sehe dieser Zukunft jedenfalls nach dem Abendessen mit einer strapazierbaren und fast kandierten Freude entgegen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion