Tele-Prompter

Lob des Testbilds

  • schließen

Alles, was wir wissen, lautet der berühmte Satz des Soziologen Niklas Luhmann, wissen wir aus den Massenmedien. Das Fernsehen hatte er dabei weniger im Sinn.

Alles, was wir wissen, lautet der berühmte Satz des Soziologen Niklas Luhmann, wissen wir aus den Massenmedien. Das Fernsehen hatte er dabei weniger im Sinn. Er nahm es so gut wie nicht wahr und ging ebenso wenig hin. In einem Interview gestand er einmal, gern ins Kino zu gehen. Auf die Nachfrage, an welchen Film er sich erinnere, nannte er "Roman Holidays" mit Audrey Hepburn. Es war schon einige Zeit her, nach einem Umzug, als im neuen Heim der Luhmanns der Strom noch nicht angestellt war.

Der italienische Semiotikprofessor Umberto Eco hat mehr mit Fernsehen im Sinn. Bei einem Fußballspiel, schrieb er einmal, könnten versuchsweise die Kameras auf die Straße schwenken und zeigen, wie die Menschen ihre Alltagsdinge verrichten. Eco dachte sich das als eine Art Brechtschen V-Effekt, bei dem man des Unsinns gewahr wird, dem man sich beim Fußballglotzen hingibt.

Dank des rigiden Bilderhandels, den die Uefa bei der Fußball-EM dominiert, wurden mehrere Hundert Millionen Zuschauer am Mittwoch einer kontemplativen Unterbrechung ausgesetzt, die Ecos Experiment übertraf. Mit wem immer man anschließend darüber sprach: Man glich Störungserfahrungen ab. Im kollektiven Gedächtnis sind Bild- und Stromausfälle sorgsam aufbewahrt, und man denkt verträumt an die Zeiten zurück, in denen man nachts vor dem Testbild aufwachte, während heute Softpornos eine Endlosschleife drehen.

Im Testbild sucht unser Bewusstsein nach Kontur und Schärfe, aber auch nach dem Rauschen der Bedeutung. Wenn das Spiel wieder läuft, ist es für einen Moment gleichgültig, wie es ausgeht.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion