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Während der Siegesdemonstrationen über den "Islamischen Staat" am 2. Juli in West-Mossul.
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Während der Siegesdemonstrationen über den "Islamischen Staat" am 2. Juli in West-Mossul.

Weltlage

"Terrorismus ist kein Privileg des Islam"

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Die Demokratie ist kein Produkt der Aufklärung, der Terrorismus ist nicht der Feind der Moderne. Er ist ihr Begleiter. Fast von Anfang an. So blickt der indische Autor Pankaj Mishra auf unsere Weltlage.

Herr Mishra, was ist falsch an unseren Ansichten über die Weltlage?
Wir neigen dazu, in falschen Gegensätzen zu denken: Islam gegen den Westen, Liberalismus gegen Fundamentalismus, Demokratie gegen Diktatur. Das ist keine Analyse. Das ist nichts anderes als Futter für unser Selbstbewusstsein. Damit wollen wir uns klarmachen, dass wir den anderen überlegen sind. Die sind, so sagen wir uns, eben demokratieunfähig, suchen nach einem Führer und sind nicht in der Lage, das zu tun, was am besten für sie ist.
 
Was tun?
Wer das Durcheinander der heutigen Welt verstehen möchte, der muss sich andere Situationen ansehen, in denen es ähnlich zuging. Der Terrorismus ist kein Privileg des Islam. Er hat die europäische Geschichte des ausgehenden 19. Jahrhunderts deutlich geprägt. „Volksfeind“, „heimatloser Intellektueller“, „Landesverräter“, Begriffe, die Ausgang des 19. Jahrhunderts in Wien geprägt wurden, werden mir heute in Indien an den Kopf geworfen. Wie der fanatische Nationalismus damals alle beschimpfte, die nicht bereit waren, bei ihm mitzumachen, genau so, in derselben Sprache, werden heute überall auf der Welt diejenigen beschimpft, die auch nur im Verdacht stehen beim Hindunationalismus, beim muslimischen Rigorismus, beim Front National oder bei Trump nicht mitmachen zu wollen. Wenn wir das begreifen, entdecken wir, dass auch unsere eigene Geschichte voll jener Defekte ist, die wir so gerne fremden Religionen, fremden Völkern zuschreiben.

Woher kommen diese Ähnlichkeiten?
Es sind sich wiederholende Konstellationen. Wenn wirtschaftliche Krisen, politische Unzufriedenheit, wenn Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit zusammenkommen, dann entsteht eine Situation, in der Sündenböcke gesucht und geschlachtet werden. Das hat wenig mit religiösen Auffassungen und auch nichts mit Volkszugehörigkeiten zu tun. Es sind soziale Bedingungen, die emotionale Situationen schaffen, in denen Menschen, die noch vor kurzem friedlich nebeneinander lebten, Kriege gegeneinander führen. Wir beobachten das zur Zeit überall auf der Welt.
 
Warum?
Der Prozess der Modernisierung war zunächst eine europäische Angelegenheit. Sie hatte von Anfang an weltweite Auswirkungen. Aber jetzt findet sie zeitgleich überall statt. Wir nennen das Globalisierung. Zusammenhänge, in denen die Menschen bisher lebten und arbeiteten, heirateten und starben, werden zerstört. Es findet eine Atomisierung der Menschen statt. Darauf ist keine Gesellschaft und darauf ist auch kein Einzelner vorbereitet.
 
Wir hören immer wieder, Aufklärung und Demokratie hingen eng zusammen. Sie sind da ganz anderer Ansicht.
Diese Ansicht ist sehr neu. Sie wurde 1945 entwickelt. Es ging damals darum, den Westen neu und möglichst positiv zu definieren. Er musste sich als freie Welt neu konstituieren, mit einer attraktiven Biografie. Aus diesem Bild wurden Sklaverei, Kolonialismus und Völkermord gestrichen. Die westliche Moderne hatte, so die Lehre, damit nichts zu tun. Sie war ein Produkt der Verbindung von Aufklärung und Demokratie. Eine Verbindung, so erklärte man, die nirgends sonst stattgefunden hatte. Man vergaß nur hinzuzufügen, dass es sie so auch im Westen nicht gegeben hatte.


 
Und die Aufklärer selbst?
Die meisten hatten wenig im Sinn mit der Demokratie. Sie liefen despotischen Tyrannen wie Friedrich II. von Preußen oder gar Katharina von Russland hinterher und hofften, sie von ihren Ideen zu überzeugen. Thomas Jefferson, einer der Autoren der Unabhängigkeitserklärung der USA, hatte hineingeschrieben: „Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen worden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt wurden, worunter sind Leben, Freiheit und das Bestreben nach Glückseligkeit“. Thomas Jefferson war Sklavenhalter, als er diese Erklärung schrieb und unterschrieb. Er hörte nie auf, Sklavenhalter zu sein. Auch an Demokratie waren die Kämpfer für die Unabhängigkeit der britischen Kolonien nicht interessiert. Es ging ihnen darum, für sich und ihresgleichen mehr Handlungsspielraum zu schaffen. Frauen, Sklaven und auch freie Schwarze waren selbstverständlich ausgeschlossen. Das Volk war in den Augen der Gründungsväter nicht die Basis der Republik, sondern eher eine Gefahr, vor der sie zu schützen war. Der Präsident wird also auch nicht vom Volk, sondern von Wahlmännern gewählt. Bis heute. Mit den bekannten Ergebnissen.

Aufklärung hat nichts mit Demokratie zu tun?
Das ist eine völlig aberwitzige Vorstellung. Wir halten an ihr fest, weil sie zu einem Stück unserer Identität oder doch wenigstens unseres mentalen Make-ups geworden ist. Wir verzichten darauf, genauer hinzusehen. Die Aufklärung ist nicht der Beginn der Demokratie. Sie ist der Beginn eines der radikalsten Prozesse der Menschheitsgeschichte: der Emanzipation des Einzelnen. Dieses Projekt wird von Minderheiten, von Einzelnen vorangetrieben. Sie standen fast immer der Mehrheit gegenüber, wurden von ihr scheel angesehen und trauten ihr auch nicht.
 
Leben, Freiheit und das Streben nach Glück?
Das war ein Versprechen an wenige. Im Laufe von mehr als zwei Jahrhunderten ist es zu einem Versprechen an die gesamte Weltbevölkerung geworden. Damit sind nicht nur Ökonomien und Institutionen, damit sind auch die Menschen überfordert. Es waren die Forderungen einer kleinen, gut ausgebildeten, männlichen Minderheit. Sie waren damals schon vermessen und man merkt dem Pathos an, mit dem sie vorgetragen werden, dass selbst ihre Propagandisten nicht so recht daran geglaubt haben. Aber heute sollen Leben, Freiheit und das Streben nach Glück Grundrecht von siebeneinhalb Milliarden Menschen sein – wie soll das gehen?
 
Jeder macht sich für sich auf die Suche ...
Jeder bricht mit seiner Vergangenheit, mit der Welt, in der er heranwuchs. Er bricht aus den Familien- und Stammes-, aus Kasten- und nationalen Zugehörigkeiten aus und sucht sich einen neuen Platz in der neuen globalisierten Welt. Es muss auch einen für ihn geben. Die im Westen führen ja ein Leben in Freiheit. Das ist der Aufbruch in die Moderne. Wir gehen ihn als Individuen. Wir brauchen bald Erfolg. Denn allein zu gehen, fällt uns schwer. Wenn wir merken, dass unsere Erwartungen nicht erfüllt werden, dass wir unsere alten Bindungen haben aufgeben müssen nicht für ein freies Streben nach Glück, sondern für Armut und Demütigung, dann fühlen wir uns verraten und verkauft.

Das ist die Lage. Ich sehe keinen Ausweg. Sehen Sie einen?
In Ländern wie zum Beispiel in Indien, in denen das überkommene Sozialgefüge noch nicht ganz zerstört ist, in dem die Menschen noch nicht zu Atomen geworden sind, da gibt es Sicherheitsnetze für den Einzelnen. Im Nahen Osten ist das ganz anders. Dort sind in den letzten zwanzig, dreißig Jahren schwache Staaten auseinandergefallen. Einer nach dem anderen. Mit ihnen alle möglichen Institutionen: Kirchen- und Moscheegemeinden, Stadtverwaltungen, Interessenvertretungen, Gewerkschaften, Kooperativen, Hilfsorganisationen, Solidargemeinschaften aller Art. In vielen Staaten im Nahen Osten wurden nach und nach die Institutionen zerstört, die eine Gesellschaft zusammenhalten. Es gibt keine Alternativen mehr, in der Menschen sich organisieren, entfalten oder auch nur unterhalten können. Vielerorts sind sogar öffentliche Plätze, auch die kleinsten Versammlungen verboten worden. Wie sollen junge Männer in so einer Welt zu Individuen werden? Sie werden es durch Akte spektakulärer Gewalt. Wir müssen die Psyche dieser Menschen verstehen, denen gesagt wurde, dass sie mit einer guten Ausbildung eine Chance haben zum Eintritt in die schöne Welt des Westens.
 
Und sie sehen, sie haben sie nicht.
Vielerorts sind die Terroristen ja gerade nicht die Ärmsten der Armen. Sie haben studiert. Womöglich sogar im Ausland. In Hamburg zum Beispiel. Sie vergleichen ihre zerfallene Heimat mit den funktionierenden Städten des Westens. Sie erkennen sich als hilflos an die Wand Gedrängte an. Dann treffen sie andere, denen es ebenso ergeht. Sie zusammenzubringen, das war schon Bakunins Politik im 19. Jahrhundert. Wir haben es noch immer nicht verstanden, dass Modernisierung erst einmal heißt, Wurzeln auszureißen. Jeder Einzelne muss mobil und mobil gemacht werden. Mancher wirft seine Wurzeln voller Freude selbst ab. Das wird ihn später umso wütender machen. Anderen reißt der Staat ihre Wurzeln aus. Das passierte und passiert im Iran. Die Wurzellosen sind eine leichte Beute für politische und religiöse Verführer. Das galt immer und es gilt überall. Der Entwurzelte will wieder Wurzeln haben. Er sehnt sich nach einer Vergangenheit, wie es sie niemals gab. Er fühlt sich als Opfer und glaubt, er habe das Recht, sich zurückzuholen, was man ihm nahm. Mit Gewalt, mit Bomben.

Interview: Arno Widmann

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