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Gedenken an einer Moschee in Wellington, Neuseeland, an die Terroropfer von Christchurch.

Anschläge

Die erste Botschaft geht an die eigene Gruppe

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Die Erklärung des Terrorismus erfordert eine multidisziplinäre Sichtweise.

Der rassistisch oder pseudoreligiös motivierte Terrorismus, die Anschläge als „Propaganda der Tat“, haben vielfache sozialwissenschaftliche Erklärungsversuche auf den Plan gerufen. Diagnostiziert wurden tiefgehende Traditionsbrüche und Verwerfungen in modernen Gesellschaften, durch die Hass und Zerstörungswut der Täter emporgespült werden. Diese rechtfertigen ihre Taten zumeist verschwörungstheoretisch. Schwer zu begreifen ist das Verhalten von Anhängern und Bewunderern, die die Taten mit Beifall und Häme begleiten. Es zeigt die Krankheit der Gesunden, der gesellschaftlich Integrierten, an.

Sind „Krankheit“ und „Gesundheit“ hier bloße Metaphern, oder sind sie buchstäblich zu verstehen? Betrifft die Unterscheidung zwischen politisch motiviertem Attentat und privat motiviertem Amoklauf eher die Oberfläche als den Kern der Sache? Diese Fragen, deren Beantwortung erhebliche Konsequenzen für „Therapie“ wie Prävention haben, beschäftigte die Sozialpsychologie immer wieder, schon seit am Ende des 19. Jahrhunderts Gabriel Tarde und Gustave Le Bon die irrationalen, affektiven Kräfte untersuchten, die in gesellschaftlichen Massenbildungen und Institutionen am Werk sind.

Um psychische Krankheit scheint es sich durchaus zu handeln, wenn man die kognitiv oft abstrusen Weltbilder der Täter betrachtet. Andererseits hindern diese viele Individuen krankheits-untypisch nicht daran, in gewisser Weise gut an die Realität angepasst zu sein. So wird die zunächst einfach scheinende Unterscheidung von Krankheit und Gesundheit zunehmend fraglich. Ob jemand psychisch krank oder gesund ist, ist offenbar mehr eine graduelle als eine grundsätzliche Zuschreibung.

Bei sozialwissenschaftlichen Erklärungen terroristischer Attacken sind drei Gruppen von Ursachen zu berücksichtigen, nämlich psychologische, ideologisch-kulturelle und politisch-ökonomisch-soziale Faktoren. In welchem Verhältnis sie stehen, wurde schon in Bezug auf den Nationalsozialismus erörtert. Diese Debatte ist bis heute aufschlussreich.

Anfang 1943 erschien in den USA ein Buch mit dem Titel „Is Germany Incurable?“ Die Frage, „ob Deutschland unheilbar“ sei, wurde von dem Psychiater und Neurologen Richard M. Brickner gestellt. Es war die Zeit, als die deutsche 6. Armee in Stalingrad kapitulierte und Goebbels im Berliner Sportpalast den „totalen Krieg“ ausrief. Zugleich zeichnete sich die militärische Niederlage Deutschlands ab, und bei den Alliierten fing man an, sich darüber Gedanken zu machen, was man nach Kriegsende mit dem besiegten Land machen solle.

Der Autor ging von dem Umstand aus, dass Deutschland zum zweiten Mal innerhalb von drei Jahrzehnten die Welt mit Krieg überzogen hatte. Wie konnte dieses Land so „verrückt“ sein, sich verfolgt zu fühlen und andere gnadenlos zu verfolgen, das Ziel einer Weltherrschaft kriegerisch umsetzen zu wollen und sich für unbesiegbar zu halten? Seine Antwort: Deutschland war in gewisser Weise verrückt. Das Verhalten seiner Führer und derjenigen, die ihnen freiwillig folgten, wies klinische Züge von paranoiden Störungen auf, die sich einem entsprechenden deutschen Nationalcharakter zuordnen ließen. Sie bestanden in einer wahnhaften Verzerrung der Wahrnehmung ihrer Umwelt, in der Projektion eigener Anteile auf die Umwelt, in krassem Schwarz-Weiß-Denken, in der Instrumentalisierung anderer, im Gefühl, verfolgt zu werden, und in der reaktiven Tendenz, andere zu verfolgen.

Als den entscheidenden Ort der autoritären Formung der Individuen betrachtete Brickner die Kultur, d.h. die Normen und Werte, die von einer Gruppe von Menschen geteilt werden und deren Verhalten steuern. Weitergegeben werden sie über die Anpassung an Familie, Schule und gesellschaftliche Institutionen. Dass die deutsche Kultur autoritär sei, versuchte er durch verschiedene einschlägige Zitate von prominenten Schriftstellern, Wissenschaftlern, Philosophen und Politikern aus der kulturellen Tradition zu belegen. Als „Therapie“ empfahl er denn auch einen nachhaltigen Umbau der autoritär-paranoiden in eine demokratische Kultur. Diese Vorschläge mündeten später, neben anderen, in das US-amerikanische Programm der Re-education.

Gegen Brickners Erklärungsversuch der NS-Barbarei wurde vorgebracht, dass nur Individuen, nicht aber ganze Kulturen paranoid sein könnten. Seine Beispiele von entsprechend problematischen Äußerungen deutscher Kulturträger seien allzu einseitig ausgewählt, um einen deutschen Nationalcharakter zu belegen. Er gehe von einer fraglosen Übereinstimmung von Persönlichkeitsstruktur und Sozialstruktur aus, ohne die entsprechenden Anpassungsmechanismen zu analysieren. Auch vernachlässige er die Rolle von Zwang, Einschüchterung, Willkür und Staatsterror bei der Nazi-Herrschaft.

Ein weiterer Mangel von Brickners medizinischer Sicht auf den Nationalsozialismus lag in der Vernachlässigung der ökonomischen und gesellschaftlichen Bedingungen, die dafür verantwortlich waren, dass paranoide Menschen an die Macht kamen und nicht paranoide ausgegrenzt wurden. Die internationalen politischen Strukturen ließen Angriffskriege keineswegs grundsätzlich als Fehlanpassung erscheinen.

Welche Lehre lässt sich aus der damaligen Diskussion um Brickners Ansatz für heute ziehen? Es ist vor allem die, dass jede Erklärung zu kurz greift, die sich auf eine der drei Faktorengruppen beschränkt und die beiden anderen vernachlässigt. Kürzlich titelte die „Neue Zürcher Zeitung“ zum Thema, ob den Social Media eine Mitverantwortung an den digital verstärkten Anschlägen anzulasten sei: „Der Mörder ist immer der Mensch.“ Doch das ist nur eine Teil-Wahrheit. Man kennt das Argument als Rechtfertigung der amerikanischen Waffenlobby gegenüber möglichen Einschränkungen ihrer Geschäftsfreiheit.

Der erste, der psychologisch-sozialisationstheoretische Ansatz, weist darauf hin, dass die Täter oft schwierige Einzelgänger sind, die „broken home“-Familien entstammen und ohne soziale Integration, jeweils als „einsamer Wolf“ leben. Wer als Kind nicht ausreichend Anerkennung, Zugehörigkeit, Sicherheit und Liebe erlebt hat, leidet an einem emotionalen Mangel, den er im späteren Alter mit paranoidem Autoritarismus überdeckt. Die Attentäter von Oslo, Paris oder Christchurch scheinen in dieses Schema zu passen. Aber nicht jeder mit einer solcherart schwierigen Kindheit wird zum Gewalttäter. Und oft genug sind Gewalt und Terrorismus auch Gruppenphänomene. Die Täter beziehen ihre Ideen aus einem entsprechenden Umfeld.

Der zweite, der kulturwissenschaftliche Ansatz nimmt denn auch dieses Umfeld in den Blick. Während man sich in Brickners Epoche noch auf einzelne Zeugnisse der nationalen Hochkultur bezog, hat die heutige Forschung die Konstruktion eines Nationalcharakters hinter sich gelassen und Kulturen als Kommunikationsmedien von transnationalen Gruppen zu entziffern gelernt. Der Terrorismus war immer schon eher ein kommunikativer als ein kriegerischer Akt. Zwar mochte es auch darum gehen, besonders herausgehobene Vertreter einer als feindlich angesehenen Staatsmacht zu beseitigen, um diese zu schwächen, oder die Bevölkerung durch besonders viele Zufallsopfer einzuschüchtern. Aber der Hauptzweck der terroristischen Tat war und ist die Botschaft an die eigene Gruppe: Seht her, was wir getan haben, wie wir uns für euch aufgeopfert haben, überwindet eure Trägheit, folgt uns nach!

In Vor-Internet-Zeiten brauchten die Täter für ihre Botschaften die Presse und andere professionelle Medien. Diese hatten ihrerseits das Interesse und den Nutzen, über das Schreckliche berichten zu können. Aber sie hatten auch die Funktion von Türwächtern, die darüber entschieden, was und wie berichtet wurde. Heute können unzählige Menschen ihre Meinungen und Bilder anderen ungefiltert mitteilen. Videos von Augenzeugen verbreiten sich schneller als Berichte von Journalisten. Vor allem aber erreichen die Botschaften fast ungehindert ihre vordringlichen Adressaten, die Angehörigen der eigenen bizarren Gedankenwelt, die sich in den digitalen Echoräumen zusammenfinden. Die maximale Verbreitungsgeschwindigkeit und die minimale Filterung werden von Livestreams erreicht, die von den Tätern selbst verbreitet werden, wie zuletzt beim Anschlag von Christchurch. Auch gewöhnliche Kriminelle lassen gelegentlich die Welt in Echtzeit an ihren Taten teilhaben. Vergewaltigungen, Amokläufe, auch Suizide werden gestreamt. Das verweist darauf, dass auch bei diesen Taten der wichtigste Faktor die Botschaft ist. In diesen Fällen sind die eigentlichen Adressaten im Lebensumfeld der Täter zu suchen. Die Botschaft lautet dann: Lang genug habt ihr mich gedemütigt, jetzt seht ihr, zu was ich in der Lage bin!

Das Internet und seine Nutzer folgen keiner bloß technischen Logik, sondern sind in ihrem Verhalten aufs Engste verflochten mit den vorherrschenden ökonomischen und gesellschaftlichen Strukturen. Diese bilden den Gegenstand des dritten Typus von Erklärungen. Wie Menschen denken und sich verhalten, wird zu einem großen Teil von ihren objektiven Lebensumständen bestimmt, insbesondere wenn diese prekär sind. Arbeitslosigkeit, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Kriminalität und urbaner Verfall machen die davon Betroffenen anfällig für den Glauben an Führer, die ihnen einfache Lösungen versprechen. Freilich wird nicht jeder Globalisierungsverlierer zu einem gewalttätigen Salafisten oder Moslemhasser. Hier sind es nicht zuletzt Persönlichkeitsfaktoren, die die Weichen stellen.

Der schon von Brickner ins Spiel gebrachte Gedanke, die über-individuellen Bedingungen von gewalttätigem Autoritarismus unter dem Gesichtspunkt ihrer paranoiden Züge zu untersuchen, ist nicht so abwegig, wie er erscheinen mag, wenn man die heute mögliche Internet-Kommunikation betrachtet. Die Gruppenzugehörigkeit erlaubt es den Einzelnen gewissermaßen, sich mit paranoiden Weltansichten auszustatten, ohne die „Kosten“ einer individuellen Psychose und die mit ihr verbundene soziale Ausgrenzung tragen zu müssen. Mit der Teilnahme an Gewaltphantasien und gegebenenfalls auch Taten erwirbt man sich die Anerkennung der eigenen Gruppe, die sich durch den Hass auf Fremde stabilisiert.

Der Autor, Jg. 1947, war Leiter des Max-Horkheimer-Archivs der Stadt Frankfurt. Er lehrte Sozialphilosophie an den Universitäten in Frankfurt und Mönchengladbach und ist Herausgeber der Gesammelten Schriften Max Horkheimers im S. Fischer Verlag.

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