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Temeswar: Aufbruch mit Hindernissen

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Von: Thomas Roser

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Wegen ihrer mehr als 14 000 Baudenkmäler wird Rumäniens drittgrößte Stadt gerne mit Wien oder Budapest verglichen. iImago Images (3)
Wegen ihrer mehr als 14 000 Baudenkmäler wird Rumäniens drittgrößte Stadt gerne mit Wien oder Budapest verglichen. © Imago

Kreativ und erfolgreich: Das rumänische Temeswar (Timisoara) will als Kulturhauptstadt sein Image aufpolieren und sich in Europa neu positionieren. Doch aus Bukarest kommt Gegenwind.

Draußen vor der frisch renovierten Fassade des Nationaltheaters im rumänischen Temeswar (Timisoara) montieren emsige Arbeiter die Lichterketten der Weihnachtsbeleuchtung ab. Drinnen gestaltet sich der Aufstieg in dem altehrwürdigen Gemäuer am Piata Victoriei als stufenreiche Schnellexpedition in die Sprachwelten der Vielvölker-Metropole.

Auf Rumänisch parliert im Erdgeschoss die Dame an der Theaterkasse. Ungarisch schnattern die Schulkinder, die im ersten Stock ungeduldig auf den Beginn einer Vorstellung warten. Auf Englisch und Deutsch weisen freundliche Helfer:innen in dem verschachtelten Treppenhauslabyrinth den Weg. Endlich eröffnet im Obergeschoss eine unauffällige Glastür den Zugang zum Deutschen Staatstheater in der Banat-Metropole.

Temeswar sei eine „interessante und multikulturelle Stadt“, preist der aus dem siebenbürgerischen Kronstadt (Brasov) stammende Rudolf Herbert seine Wahlheimat. „Die Leute haben hier schon immer in Richtung Wien und nach Westen geblickt – und leben weiter eher mit dem Rücken zur Hauptstadt Bukarest“, sagt der Künstlerische Leiter des Theaters.

Der Volksaufstand zum Sturz des Diktators Nicolae Ceausescu hat 1989 in Temeswar begonnen

Weil die Menschen in der Grenzstadt zu sozialistischen Zeiten das ungarische und jugoslawische Fernsehen schauten, seien sie „besser informiert“ gewesen, so Herbert. Auch darum habe der Volksaufstand zum Sturz des Diktators Nicolae Ceausescu 1989 in Temeswar begonnen. Die 320 000 Einwohner:innen zählende Stadt habe die Aufmerksamkeit, die ihr als Europas Kulturhauptstadt zufalle, „verdient“: „Die Temeswarer sind bis heute offener als in anderen Städten.“

Unablässig gurren die Tauben auf den neu gedeckten Dächern der renovierten Barockbauten am Piata Unirii. Ob prächtige Jugendstilpaläste, barocke Kirchenhäuser, Fabrikhallen oder Villen aus der Gründerzeit: Wegen ihrer mehr als 14 000, oft vom Verfall bedrohten Baudenkmäler wird Rumäniens drittgrößte Stadt, die ihre erste große Blütezeit in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert erlebte, gerne mit Wien oder Budapest verglichen. „Shine your light! – Lass Dein Licht leuchten!“, lautet der Slogan des Kulturjahrs, mit dem „Klein-Wien“ nicht nur sein internationales Image neu aufpolieren, sondern auch sein Potenzial und architektonisches Kulturerbe besser erschließen will.

„Shine your light!“ – „Lass dein Licht leuchten!“ – ist der Slogan des Kulturjahres.
„Shine your light!“ – „Lass dein Licht leuchten!“ – ist der Slogan des Kulturjahres. © IMAGO/ingimage

Stolz schreitet Teodora Borghoff vom Kuratorenteam des Kulturjahrs durch die frisch getünchte Halle der überholten Straßenbahndeponie, die nun für Ausstellungen und Konzerte genutzt werden soll. „Es geht nicht darum, dass größte Orchester nach Temeswar zu bringen“, stellt sie klar: „Wir wollen nicht die übliche Kultur. Wir wollen eine neue Dimension hinzufügen. Wir wollen beispielsweise auch Kammermusiker in alten Fabriken spielen lassen, um auf unsere zahlreichen Industriedenkmäler aufmerksam zu machen.“

Wegen der Pandemie war die Vorbereitung auf das Kulturjahr in Temeswar ein ungewöhnlich langes Rennen

Auch wegen der Folgen der Pandemie gestaltete sich die Vorbereitung auf das Kulturjahr in Temeswar als ein ungewöhnlich langes Rennen. Veteranin Borghoff war bereits 2011 dabei, als der damalige Bürgermeister Gheorghe Ciuhandu 150 Kulturschaffende, Städteplaner sowie Vertreter:innen der Wirtschaft und von Bürgerinitiativen zu einem Runden Tisch bat. „Es war eine gute Energie“, blickt sie auf die damals beschlossene Bewerbung um die kulturellen Hauptstadtwürden zurück: „Doch dann kamen 2012 die Kommunalwahlen – und alles veränderte sich.“

Die folgenden acht Jahre hatte mit Bürgermeister Nicolae Robu (PNL) ein Mann in der Stadt das Sagen, der laut Borghoff „keinerlei Ahnung von Europa und dem Kulturjahr hatte“. Zwar setzte sich Temeswar beim Bewerbungsrennen knapp gegen den ewigen Konkurrenten Cluj (Klausenburg) durch. Doch die Begeisterung für das Kulturjahr ging nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch in der zerstrittenen Kulturszene bald verloren. „Wir hatten den Titel geholt. Aber die Motivation war weg, die Stimmung mies und das Kulturjahr kein Thema mehr“, umschreibt Borghoff die triste Lage zu Ende der 2010er Jahre.

Locator Temeswar.
Locator Temeswar. © FR

Der „Trump-artige“ Amtsstil von Robu habe in der Stadt jahrelang für „Konflikte und Verwerfungen“ gesorgt, erzählt im Rathaus der stellvertretende Bürgermeister Ruben Latcau von der Antikorruptionspartei USR. Obwohl Temeswar bis heute als das wichtigste Wirtschaftszentrum des Landes nach der Hauptstadt Bukarest gilt, begann das aufstrebende Cluj der zunehmend mit sich selbst ringenden Stadt nicht nur beim Buhlen um die besten Investitionen, Studierenden und Professor:innen, sondern auch in der internationalen Wahrnehmung den Rang abzulaufen. „Wir haben in den letzten zehn Jahren die PR-Schlacht mit anderen Städten in Rumänien verloren“, räumt Latcau offen ein.

Zum Wendepunkt für Temeswar sollte ausgerechnet das Corona-Jahr 2020 werden. Erst erhielt die Stadt wegen der Pandemie noch einmal einen zweijährigen Aufschub zur ursprünglich für 2021 geplanten Übernahme der Kulturhauptstadtwürden. Dann gewann mit dem Schwarzwälder Dominic Fritz im Herbst 2020 überraschend ein ambitionierter Stadt-Erneuerer aus Deutschland die Bürgermeisterkür – und hauchte den stockenden Vorbereitungen neues Leben ein. „Wir brennen hier kein einjähriges Feuerwerk ab, sondern wollen Dinge tun, die nachhaltig sind und langfristig positive Auswirkungen auf die Stadt haben“, so das Credo von Fritz.

In der Kulturszene der Stadt werden dennoch auch kritische Töne laut. Nur auf dem Papier sehe das Konzept des Kulturjahrs gut aus, doch herausgekommen sei ein „Eintopf mit allem“, wetterte der Dokumentarfilmer Florin Iepan vor wenigen Wochen in einem Interview. Nur die „Immobilienbarone“ und der „Wanderzirkus von Beratern der Kulturhauptstädte“ würden von dem Jahr profitieren, orakelte er düster: Den Armen am Stadtrand bleibe „nur etwas Gemüse vom Boden des Kessels.“

Kulturhauptstadt

Die Europäische Union kürt seit 1985 nach einem Rotationsprinzip jedes Jahr eine bzw. mehrere Kulturhauptstädte auf ihrem Gebiet. Ziel ist es, Vielfalt und Gemeinsamkeiten des kulturellen Erbes ins Rampenlicht zu rücken. Den Bürgerinnen und Bürger der EU soll dieses Konzept ermöglichen, einander über die nationalstaatlichen Grenzen hinweg besser zu verstehen.

In den jeweiligen Kulturhauptstädten gibt es zahlreiche kulturelle Veranstaltungen, die Besucher:innen anziehen und die Aufmerksamkeit erhöhen sollen. Für 2023 wurden neben Temeswar Elefsina (Griechenland) und Veszprém (Ungarn) ausgewählt. Kulturhauptstädte der vergangenen Jahre waren das irische Galway (2020), das kroatische Rijeka (2021) sowie Novi Sad (Serbien), Kaunas (Litauen) und das luxemburgische Esch an der Alzette (alle drei 2022). sha

Der gerne sein „Rebellen-Image“ pflegendes Iepan sei mit seinen Projekten auch am Kulturjahr beteiligt und mache „gutes Geld damit“, sagt hingegen Borghoff. Die Umfragen, nach denen auch viele Temeswarer dem am 17. Februar beginnenden Kulturjahr noch eher mit Skepsis entgegenblicken, seien vor allem mit dem in Rumänien stark verbreiteten Misstrauen gegenüber dem Staat und der generellen Unzufriedenheit zu erklären: „Egal, was Du machst, in Temeswar klagen die Leute immer, dass die Stadt nicht genügend sauber sei.“

Doch zumindest bei den Organisator:innen hat die Rathausverwaltung neuen Elan geweckt. „Die Wahlen und Corona haben das Kulturjahr gerettet“, sagt Borghoff. Die Pandemie sei wegen der verlorenen Leben auch in Rumänien eine Tragödie gewesen, stellt Latcau klar: „Aber für uns waren die zwei Jahre Pause die große Gelegenheit, den Rückstand in der Vorbereitung aufzuholen.“

Tanzpaare in Kleidertracht wirbeln zu elektronischen Klängen, versetzt mit traditionellen Gesängen. Auf den Großbildschirmen hinter ihnen wechseln Aufnahmen der Stadt und der weiten Felderfluchten des Banats mit den Gesichtern der betagten Sänger und Sängerinnen. „Remix ID – remixing identity“, nennt sich die Kulturinitiative, die in der Vielvölkerstadt schon seit 2018 den jüngeren Generationen die ethnischen Wurzeln des Stadtmosaiks aus Banater Schwaben, Bulgaren, Juden, Kroaten, Roma, Rumänen, Serben, Slowaken oder Ungarn kreativ näherzubringen versucht.

Weit schweift der Blick vom futuristischen Dachgeschoss des Kulturkollektivs Faber über die Stadt

„Wir gehen vor allem in die Dörfer in der Region, um dort die alten Leute zu treffen und zu sehen, was die Wurzeln der verschiedenen Gemeinschaften sind und wie sie dort friedlich zusammenleben und sich vermischen“, berichtet die frühere Journalistin Mirela Vladuti. Mit Hilfe von Video-Künstlern, DJs, Tänzern, Choreografen und Komponisten werde das dort gesammelte Material zu „Remix-ID-Shows“ verarbeitet. „Um zu zeigen, dass wir alle in Toleranz und Vielfalt zusammenleben können.“

Weit schweift der Blick vom futuristischen Dachgeschoss des auf dem Gelände einer früheren Textilfabriks geschaffenen Kulturkollektivs Faber über die Stadt. Ob erneuerte Industriemonumente, Wassertürme, Nachbarschaftskinos oder restaurierte Jugendstilfassaden: Das Kulturjahr hat nicht nur die Kommune, sondern auch viele Privateigentümer:innen animiert, verfallende Baumonumente zu überholen.

Klar wäre es wünschenswert, wenn noch mehr Gebäude restauriert würden, räumt der lange in Westeuropa lebende Theatermacher Herbert ein: „Aber wir sind hier in Rumänien, nicht in Avignon, Berlin oder Brüssel. Die Mittel sind begrenzt. Doch Temeswar hat das Glück, dass die Stadt sehr gut dasteht, dass es hier vorwärts geht – im Unterschied zu anderen Regionen.“

Aus Bukarest kam unerwarteter Gegenwind

Mit einer Arbeitslosenrate von 0,6 Prozent gebe es für die Stadt „keineswegs eine wirtschaftliche Notwendigkeit“ zur Ausrichtung des Kulturjahrs, versichert Latcau. Doch auch wenn der Kommunalpolitiker beteuert, dass Temeswar sich nicht mit anderen rumänischen Städten vergleiche, sondern eher nach Belgrad, Graz oder Brno blicke, ist der Zweikampf mit Cluj um die zweite Position hinter Bukarest in der Banat-Metropole immer präsent. Es gehe bei der Ausrichtung des Kulturjahres „weniger um den Tourismus“, sagt Borghoff: „Es geht um den Kampf um die besten Investoren und Studenten – und die Konkurrenz gegenüber Cluj.“

Als „historische Chance“ und „einzigartige Gelegenheit, uns als Stadt und Gemeinschaft neu zu definieren“, bezeichnet Latcau das Kulturjahr. Doch seit die USR von Oberbürgermeister Fritz 2021 im fernen Bukarest im Streit aus der Regierungskoalition purzelte, verspürt Rumäniens neue Kulturhauptstadt unerwarteten Gegenwind.

Die moderne Straßenbahn ist lila.
Die moderne Straßenbahn ist lila. © IMAGO/ingimage

Erst schanzte Bukarest fast ein Drittel der ursprünglich für die Stadt vorgesehenen Zuschüsse des Kulturministeriums im Sommer plötzlich der von den Regierungsparteien kontrollierten Kreisverwaltung zu. Dann trudelte das Geld aus Bukarest erst im letzten Moment im Dezember bei der Kommune ein. Sibiu habe als erste Kulturhauptstadt des Landes 2007 am Vorabend von Rumäniens EU-Beitritt noch die volle Unterstützung der damaligen Regierung genossen, sagt Latcau: „Das ist bei uns absolut nicht der Fall.“

Noch immer verhüllen Plastikplanen und Baugerüste viele der historischen Fassaden. Nicht alle Vorhaben seien rechtzeitig fertig geworden und „manche Projekte werden auch scheitern“, sagt Latcau. Doch trotz des „zynischen Spiels“ von Bukarest, der Pandemie und einer „kleinen Wirtschaftskrise“ sei es Temeswar gelungen, „mit den Komplimenten der EU-Kommission und mit Kopf nach oben“ in das Kulturjahr zu ziehen: „Jetzt, wo es klar ist, dass wir uns nicht zum Gespött machen werden, haben auch die Regierungspolitiker in Bukarest keine andere Wahl mehr, als an Bord zu springen und uns zu unterstützen. Denn das Kulturjahr von Temeswar wird ein Erfolg – trotz aller Hindernisse.“

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