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Junge Leute warten, dass in diesem öffentlichen Raum etwas geschieht.

Öffentlicher Raum

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Während über die Enteignung von Wohneigentum heftig debattiert wird, vollzieht sich still und leise eine Übernahme des öffentlichen Raums.

John Lennon konnte sich vor bald 50 Jahren einiges vorstellen und auf manches verzichten. Er wünschte, es gäbe weder Himmel noch Hölle, auch keine Länder und Religionen. Stell dir vor, hieß es in dem Jahrhundertsong „Imagine“ aus dem Jahr 1971, es gäbe keinen Besitz. Ob du das wohl könntest? Die Gemeinschaft der Menschen, so insinuierte John Lennon in dem Lied, teilt sich die ganze Welt. Ach.

Und dann kam alles ganz anders. Acht Jahre später, 1979, kehrte mit der iranischen Revolution der unbedingte politische Machtanspruch einer Religion zurück und gibt seither der Weltordnung eine ganz neue Richtung vor, die wenig mit der Vision propagierte, indem er sang: „Imagine there’s no countries / It isn’t hard to do“.

John Lennon war, als er „Imagine“ schrieb, ein charismatischer Influencer, aber sein musikalisch-philosophisches Drängen auf Vereinfachung und friedliche Lebensverhältnisse mochte gegen die sich mit aller Gewalt verteidigenden Ideologien, denen er eine weitere – zweifellos menschenfreundliche hinzufügte – eher wenig auszurichten.

Die linke Utopie der Besitzlosigkeit

Das Bedürfnis aber, gründlich mit allem aufzuräumen oder noch einmal ganz neu anzufangen, ist ungebrochen. Ein Hauch von Umsturz liegt in der Luft, seit in Berlin, aber auch anderswo, unter Berufung auf Artikel 14 des Grundgesetzes ganz ausdrücklich im politischen Raum über die Möglichkeit zur Enteignung von großen Wohnungsgesellschaften gestritten wird. Über das Kleingedruckte des ehrwürdigen Artikels 14 hinaus, in dem umgehend von Entschädigungen die Rede ist, ging es vor allem darum, die linke Utopie der Besitzlosigkeit mit einer starken Geste entschlossenen Handelns zu verknüpfen.

Der Wunsch nach einer besseren und gerechteren Verteilung von Wohnraum ist überaus verständlich, das Instrument der Enteignung ist dabei jedoch mehr als fragwürdig. Das Versagen insbesondere der Berliner Wohnungspolitik und Stadtentwicklung ist denn auch nur bedingt dem Prinzip des Privatbesitzes anzulasten. Vielmehr ist es eine Folge des fatalen Massenverkaufs von kommunalen Wohnungen durch den damaligen Finanzsenator Thilo Sarrazin, durch die die nun mit Enteignungsfantasien konfrontierten Großeigentümer ja überhaupt erst in den Genuss riesiger Wohnungspakete gelangten. 

Stadtentwicklung braucht Kontinuität 

Gerade in stadtpflegerischer Hinsicht hat die öffentliche Hand als Vermieterin keinen sonderlich überzeugenden Eindruck hinterlassen, und es sollte nicht zuletzt von sozialwissenschaftlicher Seite kritisch untersucht werden, ob nicht gerade eine seit jeher geringe Eigentumsquote ein Teil des Problems der hohen Fluktuation in und zwischen den Bezirken ausmacht. Die Wirkung kontinuierlicher Wohnverhältnisse auf die Stadtentwicklung sollte jedenfalls nicht unterschätzt werden.

Mehr als anderswo ist Wohnen in Berlin lange als vorübergehender Zustand aufgefasst worden. Die unsichere politische Lage bei gleichzeitig hoher kultureller Attraktivität hat die Stadt in der Zeit der Teilung anfällig gemacht für eine erhöhte soziale Mobilität. Ost- wie West-Berlin waren geprägt vom Kommen und Gehen, und die Ausbildung von charakteristischen Wohnkulturen wurde über einen sehr langen Zeitraum eher ausgeblendet oder vernachlässigt.

Bedürfnis an Sesshaftigkeit 

Dass sich das jetzt ändert und tatsächlich auch viele soziale Schieflagen erzeugt, hat allerdings nicht nur mit Wohnraummangel und räumlicher Verdichtung zu tun, sondern auch mit den Phänomenen einer alternden Gesellschaft, deren Akteure allenfalls noch bedingt geneigt sind, weiterziehen zu wollen. Gerade für das in Berlin immer auch ein wenig verachtete Milieu der kleinen Wohnungs- und Hausbesitzer in den Randbezirken und Vorstädten stellt die plakative Forderung nach Enteignung eine schroffe Ablehnung ihres Lebensmodells dar. 

Unterschätzt wird dabei, dass der einzigartige Charakter Berlins als eine in die Fläche ausstrahlende Stadt nicht zuletzt von den Rändern her mit sehr unterschiedlichen Kulturen des gemeinsamen Zusammenlebens geprägt worden ist. Das Berliner Lebensgefühl ist stärker von Rudow, Karlshorst und Mariendorf beeinflusst, als man in Friedrichshain-Kreuzberg ahnt. Und so leidet Berlin heute auf paradoxe Weise auch an einem erst sehr spät erwachten Bedürfnis an Sesshaftigkeit. 

Hippe Tauschökonomie

Die urbane Mitte ist derweil in einem buchstäblichen Sinn in Bewegung geraten. Während einerseits der Besitz von Wohnraum fundamental infrage gestellt wird, versucht sich andererseits eine junge Mobilitätselite an der Durchsetzung einer hippen Tauschökonomie, die in bisher nicht dagewesener Form vom öffentlichen Raum Besitz ergriffen hat. Anstelle von Kaufen und Instandhalten ist das Prinzip des Nutzens und Abstellens getreten.

Die Vermüllung des Stadtbilds tritt dabei in Gestalt eines innovativen Lebensstils auf. „Warum ein Auto besitzen, wenn du 1500 e-Golfs fahren kannst?“ lautet die rhetorische Frage einer Plattform, die für den unkomplizierten Gebrauch von Mietwagen wirbt. 

Nachhaltigkeit als Marketing-Bonbon

Ohne die Vermittlung des guten Gefühls, etwas für ökologische Nachhaltigkeit getan zu haben, geht inzwischen keine App mehr an den Start. Unterschlagen wird dabei, dass die tatsächlichen Besitzstrukturen nur schwach verschleiert sind und ein Unternehmen wie Uber ganz nebenbei sozial abgesicherte Beschäftigungsverhältnisse aushebelt und geltende Beförderungsbedingungen torpediert. 

Und so leise das Surren der zahlreichen E-Scooter und -Roller im Innenstadtbereich auch sein mag, kann es doch nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier im Zeichen innovativer Fortbewegungsarten eine soziale Segregation forciert wird, die die begehrten Stadtteile von den liegengelassenen trennt.

Radikal verändertes Konsumverhalten

Während sich die Fahrgeräte, denen man kaum eine lange Lebensdauer zutrauen mag, zwischen Unter den Linden und Mehringdamm am Wegesrand stapeln, hat man deren Existenz in Blankenburg oder Ahrensfelde bislang kaum vernommen. Die Zahl der Anbieter und Fahrzeuge breitet sich unterdessen epidemieartig aus und nimmt selbstverständlich die öffentliche Infrastruktur für ihre Geschäftsidee in Anspruch.

Was angesichts der eher plump-putzig wirkenden Vehikel als neues Lifestyle-Phänomen wahrgenommen und allenfalls unter Aspekten der Verkehrssicherheit diskutiert wird, steht nicht zuletzt im Dienst eines sich radikal verändernden Konsumverhaltens, das sich immer mehr von herkömmlichen Gebrauchs- und Besitzvorstellungen löst.

Eine mit digitalen Mitteln gestützte Vereinzelung

In den gegenwärtigen Kämpfen um den öffentlichen Raum in den Zentren und der Verödung an den Rändern geht es vor allem auch um die Etablierung einer neuen Kultur von Eigentumsverhältnissen, in denen die Illusion einer verantwortlichen Gemeinschaft propagiert, aber letztlich eine mit digitalen Mitteln gestützte Vereinzelung in Abhängigkeit installiert wird.

Das ist, zugegeben, eine düstere Lesart zu den harmlos daherkommenden E-Rollern. Mag sein, dass sie schon bald wieder aus dem Stadtbild verschwinden oder auch eine angemessene und dienliche Rolle darin einnehmen werden. Während jedoch erbittert über die Enteignung von Wohnraum diskutiert wird, als befinde man sich nach wie vor in klar umrissenen Klassenverhältnissen, scheint es geradezu von fataler Naivität, die sich in rasender Geschwindigkeit vollziehenden und freiwillig hingenommenen Enteignungsprozesse, in denen die bürgerliche Existenz auf ihre pure Eigenschaft als Datenträger reduziert wird, völlig außen vor zu lassen.

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