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Auch die Techniknutzung muss ausbalanciert werden.

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Technik ohne Seil

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Bei der Nutzung neuer Technologien gibt es keinen „Normalfall“ - und links und rechts klafft auch kein Abgrund.

Anfang November war ich bei einer Konferenz mit dem Titel „Digital Overload“, die ursprünglich ganz analog stattfinden sollte. Dann erwies es sich als zu teuer, das vorhandene WLAN abzuschalten, und das bringt ja auch gar nicht so viel, wenn es am Veranstaltungsort Handyempfang gibt. Deshalb war doch alles wie immer. Weil es eine schöne Konferenz mit netten Veranstalterinnen war, tat ich so, als gebe es kein Netz, twitterte nichts und machte mir nur handschriftliche Notizen.

In diesen Notizen steht der Satz: „This is not an anti-technology conference. It’s a balance conference.“ Ausgesprochen wurde er von einer der Rednerinnen, mit deren Aussagen ich ansonsten rundum einverstanden war. Nur in diesem Punkt konnte ich ihr nicht folgen.

Bei einem Menschen, der auf einem Seil eine Schlucht überquert, ist Balance ein ganz einfaches Konzept. Man kann auf der einen Seite des Seils herunterfallen. Man kann auf der anderen Seite des Seils herunterfallen. Und man kann sich in der Mitte zwischen diesen beiden Alternativen aufhalten. Das ist die Balance und als solche leicht zu erkennen. In den meisten Lebensbereichen ist die Definition weniger einfach, weil die Extreme der Skala nicht so klar bestimmt sind. Meistens gibt es nicht einmal eine Skala mit zwei Extremen, sondern eher ein undefinierbares Gemisch aus Möglichkeiten.

Im Zusammenhang mit Lebensmitteln ist ebenfalls oft von Balance die Rede: Man soll sich einfach „ausgewogen“ ernähren. Aber ausgewogen zwischen welchen Möglichkeiten? Konkret ist damit meistens gemeint, dass man „einseitige“ Ernährungsmoden vermeiden und sich in der Mitte halten soll. Nach demselben Prinzip sind Ernährungspyramiden und offizielle Empfehlungen aufgebaut. Sie teilen Lebensmittel in Gruppen ein und raten dazu, beim Essen alle Gruppen gleichmäßig oder in bestimmten Anteilen zu berücksichtigen. Was für Lebensmittelgruppen es gibt und in welchen Anteilen sie empfohlen werden, ist allerdings je nach Land und Jahrzehnt sehr unterschiedlich. Wo die Mitte liegt, bestimmen die Ränder – also gerade die Diätmoden und Marketingstrategien verschiedener Lebensmittelindustrien, denen man mit der ausgewogenen Ernährung eigentlich aus dem Weg gehen wollte.

Balance klingt nach Gesundheit und danach, dass man eindeutig das Richtige tut, also zum Beispiel nicht vom Seil fällt. Das macht den Begriff so attraktiv. Aber Techniknutzung ist nicht wie das Balancieren auf einem Seil. Wie bei der Ernährung gibt es eine unüberschaubare Menge an Möglichkeiten, von denen die meisten nicht zu so eindeutigen Ergebnissen wie dem Tod in einer Schlucht führen.

Was wir überhaupt als Techniknutzung wahrnehmen und diskutieren, ist meistens der Umgang mit den Neuerungen der vergangenen paar Jahre. Mit den ersten Aufzügen fuhr man nur aufwärts und nahm bergab die Treppe. Auch im Ende der 1920er Jahre erbauten „Karstadt“ am Berliner Hermannplatz fuhren die Rolltreppen tagsüber nur nach oben. Der Rückweg musste zu Fuß zurückgelegt werden – eine perfekt ausgewogene Techniknutzung, aber eine schon lange von niemandem mehr vorgeschlagene.

In der Praxis kann die Rede von der Balance mehrere Dinge bedeuten. Zum einen liegt darin die Aussage: „Ich fordere hier nichts Extremes, so wie andere, unvernünftigere Leute.“ Ob diese unvernünftigeren Leute überhaupt existieren, ist manchmal fraglich. Ich war zwar schon auf vielen Veranstaltungen, auf denen missmutig über neue Technologien geredet wurde. Eine explizite „Anti-Technologie-Konferenz“ war aber bisher nicht dabei. Die zweite Bedeutung von „Balance“ ist: „Ich selbst nutze eine bestimmte Technologie gar nicht oder sehr wenig, beobachte aber, dass andere Menschen sie sehr viel nutzen. Diese anderen Menschen sollten lieber so leben wie ich, denn mein Verhalten ist der Normalfall, die Mitte, das Ausgewogene.“ Eine dritte Deutung: „Wir alle nutzen eine neue Technologie zu intensiv, auch ich. Wir sollten gemeinsam zum Nutzungsverhalten von vor einigen Jahren zurückkehren, denn dieses Verhalten war der Normalfall, die Mitte, das Ausgewogene.“

Der Normalfall ist eine Illusion, bei neuen Technologien noch mehr als sonst. Weil keine Einigkeit darüber herrscht, wo sich die Mitte überhaupt befindet, gibt es auch keine Zone der gerade noch gesunden Verhaltensabweichung um sie herum. Alles, was wir haben, ist der in diesem Moment in unserem Umfeld akzeptierte Standard – Kinder dürfen ab der vierten Klasse ein Smartphone haben, das Lesen von Büchern ist uneingeschränkt gut und richtig, vier bis acht Stunden Arbeit pro Tag sind die angemessene Menge. Ehrlicher wäre es daher, nicht von „ausgewogener Nutzung“ zu sprechen, sondern zu sagen: „So wie ich und meine Freunde es machen oder ein bisschen weniger. Aber nicht viel mehr!“

Die Autorin

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de

Lesen Sie ihre Kolumnen auch online unter www.fr.de/update

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