Reanimierte ARD-Serie

Der Taunus-Clan

  • Harald Keller
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Das Erste reanimiert die Gattung der Glamour-Soap mit "Geld.Macht.Liebe: Die Rheinbergs". Sie orientiert sich an "Dallas". Für diese Rückwärtsgewandtheit gab es vorab bereits Schimpfe. Pro forma sozusagen. Von Harald Keller

Sobald das Erste am Montagabend eine neue Erzählserie an den Start bringt, lautet die Reaktion zumeist: Das darf doch nicht wahr sein! 2007 wurden gleich mehrere Konzepte erprobt, und beinahe alle waren, so wie jüngst wieder die gescheiterte Vorabendserie "Eine für alle", so unfassbar trutschig, pomadig und zäh, dass man sich ein ums andere Mal fragte, ob den Verantwortlichen die neueren Entwicklungen auf dem Gebiet erzählenden Fernsehens völlig entgangen oder aber gleichgültig sind.

Andererseits muss auch einmal daran erinnert werden, dass das Erste 1995 mit der famosen Vorabendserie "Die Partner" und der Traumbesetzung Ann-Kathrin Kramer, Jan-Josef Liefers und Ulrich Noethen forsch nach vorne preschte, aber nicht nur vom Publikum, sondern auch von Kritikern abgestraft wurde, denen die agile Kameraführung und teils bewusst irritierende Dramaturgie dann doch zu avantgardistisch geraten waren.

Nun scheint sich Hans-Wolfgang Jurgan, Geschäftsführer der ARD-Tochter Degeto und Redakteur der heute anlaufenden Serie "Geld.Macht.Liebe", an noch weiter zurückliegenden Formen orientiert zu haben. Er räumt im Pressematerial zur Serie freimütig ein, Vorbilder wie "Dallas", "Der Denver-Clan" und deren deutschen Aufguss "Das Erbe der Guldenburgs" im Sinn gehabt zu haben, als er "Geld.Macht.Liebe" entwickeln ließ. Für diese Rückwärtsgewandtheit gab es vorab bereits Schimpfe. Pro forma sozusagen.

Tatsächlich dürfen sich altgediente Seh-Leute auf Aha-Erlebnisse freuen. Erinnert uns Marietta von Rheinberg (Jytte-Merle Böhrnsen), das verwöhnte Früchtchen aus der zentralen Bankierssippe, nicht an die dralle Lucy von der Ewing-Ranch? Die eingeheiratete, allzeit versöhnliche Sophia (Susanne Schäfer) trägt Züge der leidgeprüften Pamela, und Alexander Blessmann (Peter Kremer) gleicht schon sehr dem Pechvogel Cliff Barnes, weil er wie jener ein mächtiges Clan-Oberhaupt zu Fall zu bringen versucht und dabei immer wieder schwungvoll vor die Wand läuft.

Sein Gegenspieler allerdings ist kein texanisches Raubein, sondern ein liebevoller Ehemann und Vater, ein renommierter Bankier mit Herrensitz im Taunus und anerkanntes Mitglied der Frankfurter Gesellschaft namens Markus von Rheinberg (Roland Koch). Dieser nach außen so charmante Adelsspross achtet peinlichst darauf, dass seine dreckigen und blutigen Geschäfte unter dem Teppich bleiben. Das operative Geschäft überlässt er Strohmännern und Ausputzern wie seinem Adlatus Friedrich Blessmann (Ernst Jacobi) oder seinem Schwager Will Stern (Michael Brandner).

Zulässige Überzeichnungen

Mit Mona Sailer (Angela Roy) kehrt eine verstoßene Tochter nach Frankfurt zurück. Sie sorgt sich um ihre Tochter Ariane (Anna Bertheau), die im Bankhaus Rheinberg eine Stelle gefunden und sich erst danach als Familienmitglied zu erkennen gegeben hat. Über all dem thront und wacht mit Lilo von Rheinberg (Gerlinde Locker) eine standesbewusste, intrigante Matriarchin, die das Ansehen der Familie hütet und dabei auf Blutsbande keine Rücksicht nimmt.

Verfolgt man die Serie über den heutigen Pilotfilm hinaus, zeigt sich schnell, dass hier mehr bezweckt und auch erreicht wurde als eine dürre "Dallas"-Reprise. Inhalte und Stilmittel folgen den Gesetzmäßigkeiten der Soap Opera, sind aber durchaus zeitgemäß. Denn gerade dieses Genre hat sich seit seinen Anfängen im US-Hörfunk der 30er-Jahre regelmäßig erneuert. Zu Unrecht wird es mit dem sterilen Stil nachmittäglicher Daily Soaps gleichgesetzt, die nur eine Spielart von vielen bilden.

"Geld.Macht.Liebe" fällt in das Fach der Glamour-Soap, die nicht erst mit "Dallas" in die Welt kam. Die Autoren arbeiten mit zulässigen Überzeichnungen und aktuellen Bezügen, halten den Schnulzenfaktor in Grenzen und knüpfen die Handlungsfäden so geschickt, dass man jeder Fortsetzung mit Neugier entgegensieht.

Nur eines gibt Rätsel auf: Was wohl hat Peter Kremer der Regisseurin getan, dass die ihn so provinzbühnenhaft grimassieren lässt und damit inmitten eines vorwiegend sehr ordentlich geführten Ensembles zur Charge degradiert?

"Geld.Macht.Liebe: Die Rheinbergs", ARD, 20.15 Uhr.

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