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Richy Müller und Felix Klare im SWR-„Tatort“.

Digitale Offensive bei ARD und ZDF

Tatort+ wird zur Serie

Eine Woche vor der Ausstrahlung des neuen Tatorts aus Stuttgart können Fans im Internet Ermittlungsakten einsehen und Zeugen befragen. Ähnlich wie beim „Tatort+“ umwirbt auch das ZDF das Publikum im Netz.

Von Daniel Bouhs

Eine Woche vor der Ausstrahlung des neuen Tatorts aus Stuttgart können Fans im Internet Ermittlungsakten einsehen und Zeugen befragen. Ähnlich wie beim „Tatort+“ umwirbt auch das ZDF das Publikum im Netz.

Das war schon eine große Sause, die da dieser Tage in dem modernisierten Bahnhof in Berlin-Kreuzberg über die Bühne ging: 5000 Internet-Fetischisten buhlten wieder auf der Re:publica um Steckdosen – und die Ideen von morgen. Tatsächlich waren die Nerds dabei längst nicht mehr unter sich, denn auch die Dinosaurier der Medien mischten sich ein, die vom Fernsehen beispielsweise, das bereits seit mehr als fünf Jahrzehnten sendet.

Die beiden Welten stießen sich dabei nicht ab wie schlecht gelaunte Magneten. Denn obwohl das Uraltmedium seine Online-Aktivitäten weiterhin in Abteilungen mit abstoßenden Titeln wie „Neue Medien“ oder „Distributionsmanagement“ organisiert, reicht es dem Digitalen inzwischen die Hand – und erstaunlicherweise sind es nicht die Privatsender, sondern Vertreter von ARD und ZDF, die in dem Bereich besonders auffällig werden. Sie geben sich digital gerade so etwas wie eine Frischzellenkur.

Online Zeugen vernehmen

„Tatort+“ heißt ein Projekt, dem der SWR-„Distributionsmanager“ Guido Bülow vorsteht. Bevor die nächste Stuttgarter Ausgabe der traditionsreichen Krimi-Reihe – Titel: „Spiel auf Zeit“ – mit Richy Müller und Felix Klare als Kommissare am 26. Mai klassisch im Ersten Programm gesendet wird, können sich die Fans des Formats diesem Fall bereits im Netz nähern, in insgesamt acht Etappen, verteilt auf genauso viele Tage.

Vom 18. Mai an, also dem Samstag nächster Woche, können dann „Tatort“-Enthusiasten unter anderem Ermittlungsakten einsehen und Zeugen befragen. Der SWR, hier mal ein echter Trendsetter im Senderverbund der ARD, macht sich dafür das Videokonferenzsystem „Hangout“ zunutze, das der Internetkonzern Google kostenfrei anbietet und das nahezu idiotensicher ist.

Dass es zu einem „Tatort“ einen eigenen Prolog gibt ist neu und aufwendig, weil der Sender mit den Hauptdarstellern Müller und Klare zusätzliche Szenen produzieren ließ. Bekannt aus einem ersten Testlauf im vergangenen Jahr ist der Epilog zu der „Tatort“-Folge. Auch diesmal kann der Fall im Netz nach der Ausstrahlung weiter gelöst werden.

Damals, im Mai 2012 nach einen Krimi aus Ludwigshafen, machten 110.000?Krimi-Freunde mit. Mit dem zweiten „Tatort+“ wird dieses Experiment nun aber nicht nur aufgeblasen, sondern auch zur Serie. „Wir arbeiten schon an einem nächsten Fall für 2014“, sagt Redakteur Guido Bülow, „und wir haben auch schon Drehbücher für 2015 auf dem Tisch, um zu gucken: Wie können wir da agieren?“ Mehr als ein Mal im Jahr sei ein Projekt dieser Art allerdings kaum machbar – zumindest nicht für den SWR, aber andere ARD-Sender könnten dem Beispiel ja folgen.

Wer lügt am besten?

Die Netzgemeinde, soweit es sie als homogene Zielgruppe gibt, will auch das ZDF künftig stärker umarmen. Das Angebot hier heißt „ZDFcheck“ und startet Anfang der kommenden Woche. Das Prinzip: Der Sender will im anlaufenden Bundestagswahlkampf die Aussagen der politischen Bewerber prüfen – möglichst gemeinsam mit Nutzern im Netz.

„Klar könnten wir das auch alleine machen, die Ressourcen hätten wir“, sagt Online-Redakteurin Sonja Schünemann. „Aber wir wissen natürlich auch nicht alles.“ So soll das Publikum Aussagen verifizieren oder eben falsifizieren, etwa indem es Hinweise zu entsprechenden Quellen im Netz beisteuert. Geplant ist, dass mal grüne, mal orangene und im schlimmsten Pinocchio-Fall auch mal tiefrote Lügenbarometer in „heute-journal“ und „Berlin direkt“ einzubauen. Das Prinzip des umfangreichen „Fact-Checking“ ist dabei nur hierzulande neu: In den USA ist es längst ein Hit und die dafür nötigen „Fact-Checker“ journalistische Legenden.

Zusätzlich zu den kurzen Erwähnungen im Hauptprogramm arbeitet Schünemann aber auch an einer ganzen Wahrheit-oder-Lügen-Sendung: Mindestens zwei Ausgaben des „ZDFchecks“ sind vorgesehen – auf ZDFinfo. Und – natürlich – im Netz. Das Fernsehen will sich mit dem Internet versöhnen.

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