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Die Tatort-Peiniger

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Von: Christian Thomas

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FR-Sommerkrimi Folge 6: Ewald hat sich beworben, die Abbrecherquote ist immens, aber er ist wild entschlossen durchzuhalten. Vorerst.

Ihr Lieben,

rasch noch ein Lebenszeichen von mir. Ich schreibe unter meiner Bettdecke (kratzt, zu kurz), mit meiner alten Taschenlampe. Erst um viertel nach acht kamen wir hier an. Allein im Bus zweieinhalb Stunden übers Land, links an endlosen Feldern vorbei, dann hohe Berge, dann das Meer, direkt gegenüber. Doch kein Mensch darf ja wissen, wo wir uns in den nächsten vier Jahren befinden. Im Schlafsaal sind alle 48 Etagenbetten belegt, aber die Abbrecherquote ist ja immens. Ich muss sehr an Euch denken! Euer Ewald (hat Heimweh)

Ihr Lieben,

drei Monate habe ich mich jetzt nicht gemeldet. Aber keine Außenkontakte. Das ist eisernes Gesetz in unserer Kaderschmiede. Wir büffeln von morgens bis abends Tatort-Szenarien, aber ich denke dennoch viel an Euch,

Euer Sohn Ewald!

Liebe Mama, lieber Papa,

Ihr habt nie auf meinen ersten Brief reagiert, den mit der Taschenlampe. Deshalb wurde mir klar, dass unsere Post kontrolliert wird. Wir haben dazugelernt. Wir bestechen den Milchmann, der jeden Morgen nicht nur kommt – hi, hi, hier meine Flaschenpost. Euer E.

Ihr Lieben,

morgen kommt wieder ein Intendant, ausgerechnet an meinem 18. Geburtstag. Intendanten haben wir hier einmal im Monat. Sie üben sehr intensiv mit uns. Sie bringen uns die Grundlagen bei: Wie fange ich ein Verhör an? Sie feilen mit uns an jedem Verhör-Satz. Wie mache ich einen Verdächtigen richtig fertig? Die Chauffeure, die die Intendanten haben, sind übrigens auch immer ganz fertig, nein, nicht wegen der Seminare, sondern weil sie sich regelmäßig verfahren. Unser Haus gibt’s ja auf keinem Navi. Die Chauffeure müssen sich jedes Mal auf ihr Ortsgedächtnis verlassen. Am Schluss, nach dem geteerten Weg der kilometerlange Feldweg, der mit den Überwachungsdrohnen darüber. Ich denke viel an Euch, Euer Ewald.

PS: Mein Weihnachtsurlaub ist noch nicht durch.

Ihr Lieben,

mir geht es gut. Aber mit Weihnachten, das wird nix. Euer stolzer Tatort-Anwärter Ewald!

Lieber Papa, liebe Mama,

dies ist ein Kassiber. Ihr könnt es schon an der Anrede erkennen. Wenn ich „Ihr Lieben“ schreibe, ist das Vorschrift. Vergesst das nicht!!! Was mein Kassiber (dieses hier) angeht, könnt Ihr alles darin getrost glauben. Ihr glaubt gar nicht, was an Kassibern alles raus- und reingeht in unserer Kaderschmiede. In dieser Hinsicht ist sie ein unfassbarer Lehrer. Waffen? Drogen? Alles kein Problem hier. Ich bluffe nicht,

Euer tapferer Sohn Ewald

Ihr Lieben,

es gibt Neuigkeiten. Ich habe mich verlobt, sie heißt Eva. Heimbiegel, der im Etagenbett über mir, war unser Verlobungszeuge. Ich möchte Euch Eva so rasch wie möglich vorstellen, am besten schon zu Ostern, also in drei Monaten. Wir haben uns in dem Seminar „Ermitteln unter vier Augen kennengelernt“. Eva ist auch nach Meinung unseres Kursleiters „Pathologie I u. II.“ äußerst patent. Sie schneidet Bäuche auf und vernäht sie schneller, als die Toten mit der Wimper zucken können. Ist so ein Spruch, ich weiß. Man muss ihn mögen. Aber darum geht es sowie so nicht in meinem zukünftigen Beruf. Es geht um Demut, Demut, Demut. In Liebe, Euer Sohn

Liebe Mama, lieber Papa,

ich habe Angst. Eva wurde mir zugeteilt (untergeschoben). Euch kam sie Ostern ja auch undurchsichtig vor. Mehr mündlich zu Mamas 50. Hoffentlich! Euer E.

Liebe Mama, lieber Papa,

abends, nachdem wir unsere Tatortanwärter-Uniformen ausgebürstet haben, steigen wir auf Umwegen in den Heizungskeller, weil wir uns dort treffen. Ich bin in eine Widerstandsgruppe aufgenommen worden. Ja, gut, ich weiß, was Ihr jetzt denkt, aber Prügelstrafe und Spießrutenlaufen wollen wir uns nicht mehr bieten lassen. Euer Sohn

Mama! Papa! Liebe Eltern!

Holt mich hier raus. Die Tatort-Peiniger machen mich fertig. Euer Sohn Ewald

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