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In dieser Siedlung wohnt Tülay Firat. Die Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, rechts) und Freddy Schenk (Dietmar Bär, links) wollen die junge, alleinerziehende Mutter befragen.

TV-Kritik „Tatort“, ARD

„Tatort“ Köln: Und sexy ist er auch nicht mehr

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Von kaputten Familien und säumigen Unterhaltszahlern erzählt der Köln-Tatort.

In seinen letzten Sekunden – und es handelt sich wirklich nur um Sekunden – rafft sich der neue Köln-Tatort „Niemals ohne mich“ zu einer bösen Pointe auf. Davor aber bemüht er sich etwas zu ausgewogen und beflissen um ein durchaus interessantes gesellschaftliches Thema: Eltern – vornehmlich Väter, aber es gibt natürlich Ausnahmen –, die ihren Unterhalt nicht zahlen. Der Staat springt ein, möchte sich das Geld aber zurückholen, wenn er die Gelegenheit dazu sieht, das heißt den Verdacht hat, der Betreffende verdiene schwarz und also mehr, als er zugibt. Angestellte der Unterhaltsvorschusskasse (man lernt was als Zuschauerin, zum Beispiel solche langen Bezeichnungen) sind dafür zuständig, Nicht-Zahler regelmäßig zu kontrollieren.

Die gnadenlose Prüferin, die eher nachsichtige Prüferin

Ob sie dazu tatsächlich auf einem Dach herumspazieren, auf dem die Arbeiter (auch der säumige Vater Stefan Krömer, gespielt von Gerdy Zint) gesichert sein müssen? Unwahrscheinlich, sehr unwahrscheinlich. Doch im Buch von Jürgen Werner, in der Regie Nina Wolfrums soll Unterhaltsvorschusskassen-Angestellte Fellner (Melanie Straub) schnell noch als besonders taffe Prüferin kenntlich gemacht werden, ehe sie dann gleich das Mordopfer ist. Ihre Kollegin Kugelmaier – Anna Böger herrlich Plätzchen-und-Tee-unschuldig, aber ist sie so unschuldig? – lässt durchblicken, dass man nicht immer einer Meinung, dass Frau Fellner doch in ihren Augen gnadenlos war.

Frau Kugelmaier dagegen wurde bereits zwei Mal vom Chef abgemahnt, weil sie angesichts eines Mini-Zuverdiensts zu Hartz IV beide Augen zugedrückt hat. Beim dritten Mal wäre sie raus. Was fragen also die Kommissare? „Frau Fellners Tod kommt Ihnen gelegen?“ Was sagt also Frau Kugelmaier, empört? „Ich bin doch kein schlechter Mensch!“

Überhaupt hat man diesmal die abgegriffensten, pappigsten, die ganz vorne liegenden Dialog-Puzzleteile rausgesucht. So schlecht ist dieser Film nämlich gar nicht wie zum Beispiel der Satz „Da war jemand richtig wütend“ (Freddy Schenk neben der erschlagenen Toten), „Wir brauchen jeden Cent“ (Alleinerziehende) oder „In was für einer Welt leben wir denn?“ (Kommissar Ballauf). Klaus J. Behrendt ist mittlerweile in Folge um Folge für Stammtisch-Sätze zuständig, diesmal auch mit „Es kann doch nicht jeder machen, was er will!“ Dafür ist Dietmar Bär sozusagen die verständnisvolle Frau Kugelmaier im Kommissarsduo.

Man bleibt auch sonst in der Balance. Da gibt es die super-glückliche, verdächtig glückliche Familie des Unterhaltsvorschusskassenchefs. Eine Geschiedene mit kleiner Tochter hatte sich in einen „sexy Dachdecker“, also Krömer, verliebt, der nun nicht zahlen will. Oder kann. Eine junge Alleinerziehende wurde im Fasching schwanger und weiß nicht von wem (sagt sie jedenfalls. Vermutlich hat sie auch den jüngsten Schwarzwald-Tatort gesehen.) Ein Vater, der mit seinen zwei Kindern ausgelassen Disco macht (in der eigenen Wohnung, aber noch aus anderem Grund als heutzutage), wurde von seiner Ex nicht nur mit dem gemeinsamen Architekturbüro-Partner betrogen, sondern sie verweigert ihm auch noch jede finanzielle Unterstützung. Sie lebt fidel im Haus mit Pool, offiziell arbeitet sie nicht.

Regisseurin Nina Wolfrum zeigt, durchaus mit Nachdruck, dass die Kinder die Leidtragenden sind. Die Eltern schreien sich an, das kleine Mädchen macht sich in die Hose. Die Eltern sind zerknirscht. Dann liegt das Kind im Bett und sie schreien sich wieder an. Das Kind hält sein Plüschtier ganz fest.

„Tatort: Niemals ohne mich“, ARD, So., 20.15 Uhr.

Ein spannender Polizeikrimi des ZDF unterhöhlt die üblichen Moralgesetze: Die TV-Kritik zu „Das Gesetz sind wir“ im ZDF.

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