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Schlicht: Lisbeth Gruwez tanzt Bob Dylan.

Wiesbadener Staatstheater

Tanzfestival Rhein-Main: Tanzen, während der harte Regen fällt

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Ein furioser Abend mit Lisbeth Gruwez und Danza Contemporánea de Cuba beim Tanzfestival Rhein-Main.

Zwei Produktionen brachte das Tanzfestival Rhein-Main an einem Abend zusammen, von denen man wirklich nicht behaupten könnte, sie seien sich ähnlich. Aber sie zeigten doch die Kraft des Tanzes, mittels Bewegung auch die Zuschauerin und den Zuschauer zu bewegen – und das nicht nur innerlich. Die Energie von mehr als 20 Tänzern führte im Kleinen Haus des Wiesbadener Staatstheaters am Ende eines dreiteiligen Abends zu stehenden Ovationen. Der charmante Minimalismus einer einzigen Tänzerin ließ das Publikum in der Wartburg – und es brauchte kaum eine Aufforderung – zuletzt gut gelaunt auf die Bühnenfläche strömen. Ausgerechnet Bob Dylans „A Hard Rain’s a-Gonna Fall“ wurde da be-tanzt (am schnellsten war ein Herr mit diesem Titel-Wunsch), und wer den Song kennt (also ungefähr alle), wird schwören, darauf könne man nicht tanzen. Nun, man kann.

Mit einem großen Ensemble und drei wuchtigen, je etwa halbstündigen Choreografien war Danza Contemporánea de Cuba angereist. Dessen künstlerischer Leiter Miguel A. Iglesias Ferrer versteht es offenbar, sowohl renommierte Choreografen aus aller Welt, als auch heimische Talente zu locken. Mats Ek, Cathy Marston, Itzik Galili haben für die Company gearbeitet, im aktuellen Programm ist die Britin Fleur Darkin vertreten, dazu der auf Kuba geborene, lange schon in Europa lebende Julio César Iglesias Ungo sowie George Céspedes, ein Gewächs von Danza Contemporánea.

Iglesias’ „Coil“, Spule, nutzt den Sog des Kreiselns und die Macht des Unisono – 17 Tänzerinnen und Tänzer hier –, aber er verblüfft doch auch mit ungewöhnlichen Aktionen und originellen Bewegungsfolgen. Das ist eine Gemeinschaft, die mit strengen, gleichzeitig mysteriösen Regeln zu leben scheint. Regeln, die mit Kopfnüssen, Ohrfeigen, Tritten, unangenehmem Kitzeln einhergehen. Und wie die ganze, weiß gekleidete Truppe (Kostüme: Iglesias) immer wieder rhythmisch auf den Boden schlägt, wie auch jedes Duo Ecken und Kanten hat und eher einem Kampf ähnelt, das lässt das Geschehen unheimlich wirken. Dunkel raunende Musik von Wardruna oder Hangedup tut ein Übriges.

Energisch die Wurzeln des Mambo nutzen: „Mambo 3XXI“ von George Céspedes.

Von weißer zu schwarzer Kleidung wechseln die Tänzer in der ersten Pause. „Equilux“ von Fleur Darkin möchte vom Gleichgewicht von Licht und Dunkel erzählen. Auch die Britin setzt auf Bewegungsfuror, auf Geschwindig- und eine gewisse Ungefälligkeit. Auch ihr kann man Originalität in der Bewegungsfindung nicht absprechen. Aber vielleicht liegt es daran, dass ihre Formationen für nun 21 Tänzerinnen und Tänzer weit weniger streng sind als die Iglesias’: Es entsteht der Eindruck von etwas beliebigem, auch bedrängtem Gewusel. Möglicherweise wäre es auf einer größeren Bühne anders.

Die Gefahr des Ver-Tanzens

Mit „Mambo 3XXI“ von Céspedes beschließt ein keineswegs überzuckertes, aber mitreißendes Stück den Abend. Natürlich spielen Rhythmus und Schritte des Mambo darin eine Rolle, doch öffnet der Choreograf die Bewegungssprache bis hin zum Street Dance. In Soli scheinen die fabelhaften Tänzer alles zu dürfen, im Ensemble werden die wie bei Iglesias 21 Akteure präzise im Einklang, aber gut gelaunt bewegt. Céspedes verwendet dazu Mambo-Hits, auch neue musikalische Abwandlungen. So kann man eine Tradition überzeugend in die Zukunft führen, vielleicht sogar ins dritte Jahrtausend.

Tanzfestival Rhein-Main: bis 17. Nov.. www.tanzfestivalrheinmain.de

Während einem das Kleine Haus für die Kubaner nicht ideal vorkam, war der intime Rahmen der Wartburg richtig für den Solotanz Lisbeth Gruwez’, die ihr Stück keck betitelt: „Lisbeth Gruwez Dances Bob Dylan“. Ausgerechnet Dylan, der Literaturnobelpreisträger wurde, weil viele seiner Songs einen Berg von Text, eine Lawine von Lyrik transportieren, deren Finessen bei einmal, zweimal, dreimal Hören noch lang nicht zu erfassen sind. Dies zu vertanzen, muss das nicht ein Sich-vertanzen werden?

Die Belgierin Gruwez – und am Rand als Plattenaufleger der Musiker Maarten Van Cauwenberghe – kommt den großen Songs mit Minimalismus bei, indem sie jedem eine Bewegungs-Tönung, ein Motiv zudenkt: Die „Ballad of Hollis Brown“ zeigt einen Geduckten, Gebeugten, die „Sad-Eyed Lady of the Lowlands“ eine Frau, die schwerelos und träumerisch langsam im Weltraum treibt, „Knockin’ on Heaven’s Door“ gar nur von hinten eine zitternd, in Zeitlupe schreitende Person. Der Tanz ist so respektvoll wie selbstbewusst. Cauwenberghe legt knisterndes Vinyl auf und bläst auch mal, der Atmosphäre wegen, Zigarettenrauch von der Seite auf die Bühne. Dieser Abend ist auch eine nostalgische Veranstaltung. Die andererseits beweist, dass man glauben kann, Bob Dylan in- und auswendig zu kennen, aber dann trotzdem an einem so konzentrierten Abend manche Zeile wie zum ersten Mal hören. Und sehen, wie Menschen kunterbunt auf „A Hard Rain’s a-Gonna Fall“ tanzen und es richtig so ist.

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