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Tanja Maljartschuk: Schwindeln machende Schwebezustände

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Von: Christian Thomas

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Frauen in Kiew.
Frauen in Kiew. © afp

Eine kleine Ukraine-Bibliothek (13): Tanja Maljartschuks „Von Hasen und anderen Europäern“

Kiew am Abend“ steht in dem Ruf, besonders verlockend zu sein. Deswegen wird der Schatz gehütet in einer Schublade, die Pralinenschachtel serviert nur zu besonderen Anlässen, gerne erotischen. In Tanja Maljartschuks „Geschichten aus Kiew“ ist der Markenname „Kiew am Abend“, einige Seiten sind bereits vergangen, der erste Hinweis auf die Stadt, die sich mal verführerisch zeigt, mal abweisend. Mal zickig, mal bezwingend schön.

Das hat aber nicht nur etwas mit Kiew zu tun, mehr mit dem Leben überhaupt, das häufig fertig macht. So ergeht es Kapitolina, der Fischverkäuferin, oder Shanna, der Piroggenverkäuferin. Auch Fanja, die in einem lebensgefährlich maroden Haus Kakteen züchtet. Ebenso Maschka, der Fachkraft in einer Zoohandlung, nicht anders als „der Hryhoriwna“, Ärztin in einer Polyklinik. Überwältigend in einem alles andere als betörenden Sinne ist ein Leben, in dem Süßigkeiten aufhelfen sollen – allerdings handelt es sich bei der Schachtel mit ihrem verheißungsvollen Namen um bittere Ironie in einer der Geschichten Tanja Maljartschuks, durchtrieben vertrackten Erzählungen, die sie 2009 veröffentlichte. Da war sie Mitte 20.

Kiew, die Stadt, in der Maljartschuk als Journalistin gearbeitet hatte, war für die Schriftstellerin allerdings kaum mehr als Kulisse. Trotz seiner Boulevards, benannt nach Strategen der Roten Armee, Panilow oder Frunse, oder dem Strategen der propagandistischen Avantgarde, Majakowski. Trotz seiner Metrostationen, trotz der nachvollziehbaren Topographie, bleibt Kiew eine im Hintergrund verbleibende Realität für neun Protagonistinnen, die sich allesamt dem Schwindel hingeben. Dem schönen Taumel, etwa dem Gedanken an einen Traummann. Allerdings auch dem Selbstbetrug.

Ein Tänzer, ein vollkommen ungebildeter Kerl, ein schwuler Hausgenosse, mit dem die ehemalige Literaturlehrerin und leidenschaftliche Leserin (Dostojewski, Achmatowa, Flaubert, Kafka) zunächst so gar nichts verbindet, führt die lange unleidliche Alte schließlich auf Parkett, verführt sie zu einem Walzer in einer Senioren-Disko, die untergebracht ist in den Tiefen einer Metrostation. „In Kiew ist nichts unmöglich“, flötet eine Figur, die Kiewkennerin Nata: „Kiew ist entweder hop oder top.“ Kiew ist ganz gewiss eine große Verheißung, aber womöglich auch ein Schwindel – ein Betrug?

Geradezu wie zur Bestätigung der Feststellung Karl Schlögels, dass Kiew eine Stadt des „Schwebezustands“ ist, überlagern sich in Maljartschukws Geschichten Wirkliches und Vermeintliches, Fassbares und Imaginäres. Was sich ereignet, auch das könnte man mit Schlögel festhalten, bedarf nur des „paradoxen Zusammentreffens einiger Zufälle“. Genau davon, dem Unvorhersehbaren und nicht recht Realen handeln diese Geschichten, von Zufällen, die zu Zusammenstößen führen, die zu paradox sind, um auf eine nur simple Weise wahr zu sein.

Tanja Maljartschuk, 1983 in Iwano-Frankiwsk geboren, lebt seit 2011 in Wien. Im Jahr 2018 wurde sie mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet, ein Jahr später erschien ihr Roman „Blauwal der Erinnerung“ – eine gleich mehrfache Krankengeschichte. Eine über die historische Figur Wjatscheslaw Lypynskyj (1882-1931), der, aus polnischem Adel stammend, eine autonome Ukraine propagierte. Beeinträchtigt nicht nur durch einen fürchterlichen Reitunfall krankte der Monarchist Zeit seines politischen Lebens an den Miseren der ukrainischen Nationenbildung. Rekonstruiert wird diese Krisengeschichte von einer von Panikattacken verfolgten Erzählerin, so dass sich in dem Roman mehrere Krankengeschichten verschränken, nicht zuletzt die Pathologie einer panisch verlaufenden ukrainischen Bewusstseinsbildung.

Die Reihe:

Eine kleine Ukraine-Bibliothek, nicht chronologisch angelegt, nicht systematisch zusammengestellt, gedacht als Angebot zur Orientierung. Davon ausgehend, dass sich Schauplätze, ob fern oder fremd, durch Bücher von jedem Ort der Welt aus aufsuchen lassen.

Tanja Maljartschuk: Von Hasen und anderen Europäern. Geschichten aus Kiew. Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe. Edition FotoTapeta, 2014, Neuauflage 2022. 256 S., 15 Euro.

Bereits im Regal: Das Igor-Lied, Serhii Plokhys „Die Frontlinie“, Katja Petrowskajas „Vielleicht Esther“, Walerjan Pidmohylnyjs „Die Stadt“, Oleksij Tschupas „Märchen aus meinem Luftschutzkeller“, Scholem Alejchems „Tewje, der Milchmann“, Oksana Sabuschkos „Schwestern“, Juri Andruchowytschs „Radio Nacht“, Andreas Kappelers „Die Kosaken“, Vladimir Jabotinskys „Die Fünf“, Serhij Zhadans „Internat“ und Kerstin S. Jobsts „Geschichte der Ukraine“.

Das 14. Buch wird Markijan Kamyschs „Die Zone oder Tschernobyls Söhne“ sein.

Bewusstseinsbildung? In Maljartschuks Romandebüt „Biografie eines zufälligen Wunders“ wurde der Umgang mit Straßenhunden in den Nachneunzigerjahren zum Sinnbild gesellschaftlicher Gleichgültigkeit; in „Blauwal der Erinnerung“ wurde das mächtigste Tier zur zentralen Metapher der alles zermalmenden Zeit, ihrer ungeheuren, nicht aufzuhaltenden Gleichgültigkeit. „Von Hasen und anderen Europäern“ versammelt ein Bestiarium, in dem Eigenschaften, die Hase oder Hund, Ratte oder Krähe nachgesagt werden, in menschlichen Verhaltensweisen vorfindbar scheinen. Was in Menschen verborgen ist, wird durch Maljartschuk sarkastisch zum Leben erweckt.

Die Lebenswelt, in der sich die Figuren während der 1990er und 2000er Jahre wiederfinden, ist ramponiert. Der „selbstbewusste Bürger der Ukraine, der schon zweimal im Ausland war“, ein Hausbewohner mit einem berechtigten Anliegen, zugleich ein unverschämter Wutbürger, spricht bei einer abweisenden Bürokratin der Wohnungsverwaltung vor, die seine Beschwerde über einen defekten Fahrstuhl abzuwimmeln weiß, indem sie ihn zahm werden lässt wie ein Haushündchen. Sollte es sich nicht nur bei dieser Geschichte um eine politische Parabel handeln?

Die erzählte Zeit führt in eine Ära immenser Verteuerungen, einer wirtschaftlichen Transformation, die an die Marktwirtschaft radikal glauben lässt, folglich rücksichtslos. Horrende existentielle Nöte, die handgreiflich werden lassen, etwa die unendlich aufgeschmissene Shanna, die den am Bahnhof dahindämmernden Alkoholikern die zusammengebettelten Kopeken aus der Tasche zieht.

In Nischen, in denen sie sich eingerichtet haben, träumen die Frauen von einem anderen Leben. Der Kitsch, von dem sie zehren, ist ein Lebensexilier von bestürzender Komik. Hingegeben an Tagträume, werden die Frauen aber auch von Nachtdämonen verfolgt, in denen etwa eine Ratte erscheint, die die zunächst hilflose Tamara Pawlina dann doch zur Strecke bringt, nachdem sich in der Geschichte mindestens zwei Episoden überlagert haben. Nicht nur wegen der Episodenstruktur der Geschichten geschieht das, sondern wegen der Überlagerung von Realem und regelrecht Surrealen. So dass es dazu kommt, dass Erinnerungen an den Krieg in der Ukraine scheinbar irreal aufflackern: an den Weltkrieg in den 1940er Jahren, mitten in Kiew.

Erstaunlich das Eigenleben der Phantasie. Die Geschichte Halschka Hulewytschs erzählt von ihrem festen Glauben, eines Nachts eine goldene Münze auf der Straße gesehen zu haben. Macht die Einbildung blind, so dass sie in einen LKW hineinläuft? Oder handelt es sich womöglich um gar kein Trugbild in einer Geschichte, die von einer wundersamen Rettung der Überfahrenen handelt, die eine jähe Wendung nach der anderen nimmt, für den LKW-Fahrer eine böse. Eine tödliche?

Alle verrückten Wendungen in den Geschichten sind wahre Volten, so dass man gar nicht so schnell gucken kann, wie sie sich ereignen. Dann liest man die Passage noch einmal, nimmt sie sich noch mal vor wie in eine Fibel mit ihren allerersten Lektionen. Die dann lauten, dass es wahrhaftig keine Gewissheiten gibt, jedenfalls nicht so ohne weiteres in der Wirklichkeit, eher schon in den Projektionen. Aber nennen wir sie, damit es sich nicht zu sehr nach Psychologie oder Durchblick anhört, Einbildungen. Sie sind wie eine innere Stimme, der man nichts abschlagen kann.

Lesen Sie hier die letzte Folge: Kerstin S. Jobsts „Geschichte der Ukraine“.

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