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Teilnehmer einer Gedenkveranstaltung legen anlässlich des 75. Jahrestages der Reichspogromnacht vor der Synagoge in Dresden (Sachsen) Kränze nieder.
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Teilnehmer einer Gedenkveranstaltung legen anlässlich des 75. Jahrestages der Reichspogromnacht vor der Synagoge in Dresden (Sachsen) Kränze nieder.

Pogromnacht 1938

Als die Synagogen brannten

  • Christian Thomas
    VonChristian Thomas
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9. November 1938: Der Pogrom war der Kulminationspunkt einer kontinuierlichen Entrechtung und Demütigung der Juden in Nazi-Deutschland, Etappe auf dem Weg zur Vernichtung der europäischen Juden.

Die Aktivisten des Antisemitismus waren noch nicht auseinandergegangen, der Mob hatte sich noch nicht verlaufen, da war das Wort schon in Umlauf: Kristallnacht. Waren ja ganz offensichtlich Scheiben zu Bruch gegangen. Die Täter, die unbehelligt bleiben sollten, am Tatort, in den nächsten Tagen, in den nächsten Monaten, wollten sich brüsten. Sie taten es allein schon mit dem Wort Kristallnacht.

Denn was in diesen Tagen und Nächten der Gewalt, neben dem Hass, auch mitwirkte, war der Hohn. Abseits stand ganz bestimmt nicht das Feixen. Wenn etwas in der ersten Reihe dabei war, etwa wenn Juden barfuß durch die Gasse oder Straße getrieben wurden, dann die Schadenfreude.

Infame Wortbildung: Kristallnacht

Später, nachdem Synagogen niedergebrannt worden waren, Geschäfte jüdischer Bürger zerstört, Wohnungen von Juden heimgesucht, Jüdinnen vergewaltigt, 1300 bis 1500 Tote zurückgelassen, 30.756 jüdische Männer (hier ließ die Bürokratie keine Zweifel offen) verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt worden waren: Später hieß es über den Begriff der Kristallnacht, dass er sich „eingebürgert“ habe.

Es war die Einbürgerung eines Worts, mit dem der Tatbestand der Ausbürgerung beschönigt wurde. Ganz enorm der rassistische Spaßfaktor, den diese Infamie verbreitete. Und verband sich mit ihr nicht auch eine erbauliche Stimmung. Eine völkisch-feierliche Vorweihnachtsstimmung?

Vor zwei Jahren nannte der Holocaustforscher Alan E. Steinweis sein Buch über die Novemberpogrome in Nazideutschland „Kristallnacht 1938“. Steinweis, der 2011 Gastprofessor am Fritz-Bauer-Institut in Frankfurt war, erläuterte bereits auf der ersten Seite, dass „niemand“ bis auf den heutigen Tag den „Schöpfer dieses Begriffs“ habe benennen können.

Wer brachte das Wort, Ausdruck erregter Anerkennung, des Zynismus und feixender Schadenfreude? Der Mob? Der Berliner Spott, wie es rasch hieß. Goebbels als Reichspropagandaminister?

„November 1938“ nennt Raphael Gross seine zum 75. Jahrestag veröffentlichte Neuerscheinung, der Direktor des Jüdischen Museums Frankfurt, des Fritz Bauer Instituts in Frankfurt und des Leo Baeck Instituts in London hat dafür verschiedene Gründe, angefangen damit, dass die ersten antisemitischen Krawalle und Ausschreitungen bereits am Abend des 7. November stattfanden in einigen Städten Hessens (Gau Kurhessen). In Kassel tat man sich dabei besonders hervor, auch in Bebra, in Fulda, in einem nicht erst in jenen Tagen hochgradig antisemitischen Hessen gab es auch den ersten Toten. Er wurde durch die Straßen getrieben. Wie viele sahen dem zu?

Sechs Tage, bis zum 13. November zogen sich die Exzesse hin. Deutschlands Juden, seit Jahren mit der Angst lebend, mussten erkennen, dass eine weitere Welle, nicht die erste seit 1933, aber die brutalste und abgefeimteste Aktion gegen sie losgetreten wurde, bei der das „staatliche Gewaltmonopol in die Hände einer antisemitischen „Volksgemeinschaft“ gelegt wurde, was Gross zu dem Urteil kommen lässt: „In der deutschen Geschichte gibt es nichts, was mit den Pogromen im November 1938 vergleichbar wäre.“

Steinweis betont, dass selbst die „dramatische Abkehr von der bisherigen vornehmlich rechtlichen und bürokratischen Strategie der Judenverfolgung“ als eine Kontinuität seit 1933 gesehen werden müsse, „eher als Kulmination einer brutalen Entwicklung und nicht als der dramatische Bruch“.

Attentat auf Ernst von Rath

Wegen dieser Verschärfung der Politik der Nazis gegenüber den polnischen Juden im Reich hatte der polnische Jude Herschel Feibel Grynszpan, so gab es der 17-jährige Mörder später an, am 7. November 1938 in der deutschen Botschaft in Paris auf den Diplomaten Ernst vom Rath geschossen, zwei Tage kämpfte Rath mit dem Leben, der Zustand des zum Märtyrer stilisierten Diplomaten war ein ununterbrochen aktualisiertes Bulletin in einer monströsen Propagandakampagne.

Stilisiert wurde das Attentat Grynszpans zum Komplott, ja zur „jüdischen Verschwörung“, der „freche jüdische Überfall in der deutschen Botschaft in Paris“ (so das Deutsche Nachrichtenbüro) beweise, dass das „internationale jüdische Verbrechergesindel“ die Völker Europas zum Krieg aufhetzen wolle.

Wie schon im Anschluss an das Attentat auf den NSDAP-Landesgruppenleiter Wilhelm Gustloff durch den Juden David Frankfurter nahm Nazideutschland, an erster Stelle das Reichspropagandaministerium den Mord Grynszpans zum Vorwand und willkommenen Anlass, Vergeltung zu üben – „eiskalt und geistesgegenwärtig“, wie Walter H. Pehle 1988 in dem von ihm herausgegebenen Buch schrieb, einer Pioniertat zur Rekonstruktion des Judenpogroms, mit dem zum „gut vorbereiteten Schlag gegen die Juden“ ausgeholt wurde, so Pehle, ohne dass die Polizei Tätern in die Arme fiel oder den johlenden Mob auseinanderbrachte, was das Gesetz noch nahegelegt hätte, selbst die Gesetze zum damaligen Zeitpunkt angesichts von Mord, Totschlag, Vergewaltigung, Raub, Plünderung, Sachbeschädigung.

Der Scham über das Treiben blieb der Platz hinter der Gardine; im Stillen sahen Abscheu und Verstörung, Empörung oder Beklommenheit zu, darunter das eine oder andere entsetzte deutsche Kind an der Hand ohnmächtiger Eltern.

„Die antijüdische Wut des Regimes, die im ‚Kristallnacht‘-Pogrom gipfelte, wurde von der Mehrheit der Deutschen nicht geteilt“, schreibt Saul Friedländer in seinem vielfach gewürdigten Buch „Das Dritte Reich und die Juden“: „Die Berichte des SD (Sicherheitsdienstes, d. Red.) zeigen weitverbreitete Kritik der Bevölkerung an den Gewalttätigkeiten und den durch den Pogrom verursachten Schäden.“

Das Abbrennen der Synagogen, so Friedländer, symbolisierte ein Ende, der Abriss der verkohlten Überreste kündigte „einen noch unbemerkten Anfang“ an. Vorausgegangen waren dem mehrere Wellen der Gewalt, so erinnert Gross, bereits im März 1933 waren die Juden Deutschlands in aller Öffentlichkeit terrorisiert worden, zur weiteren Eskalation kam es 1935, die Reaktionen auf den Mord an Gustloff, 1936, fielen moderater aus, die Olympischen Spiele in Berlin erzwangen taktische Zurückhaltung.

Mehrfach Krawalle im Jahr 1938, vor allem nach dem „Anschluss“ Österreichs, zu infamsten Demütigungen kam es in Wien. „Was hier entfesselt wurde“, notierte Carl Zuckmayer in seinem Tagebuch, „war der Aufstand des Neids, der Missgunst, der Verbitterung, der blinden böswilligen Rachsucht.“ Neid, Missgunst: Dass die Nazis, überzeugte und Mitläufer, Triebtäter aus niederen Motiven waren, haben nicht erst bundesdeutsche Historiker (et alii) entdeckt.

Weitere Eskalation

Im Herbst 1938 eine weitere Eskalation für die Juden. Von der Straße weg, aus ihren Wohnungen hinaus, binnen weniger Stunden wurden polnische Juden in verplombte Waggons der Reichsbahn verpfercht und fanden sich, abgestempelt als Staatenlose, wieder im Niemandsland zwischen Deutschland und Polen, hinter Stacheldraht.

Dennoch, trotz des Terrors gegen Juden, war das Dritte Reich, daran erinnert Gross mit einem Wort des jüdischen Juristen Ernst Fraenkel, in diesen Jahren noch ein „Doppelstaat“. Die aus der Weimarer Republik übernommenen Normen eines bürgerlichen Rechtsstaates bestanden neben den Bestimmungen des NS-Staats. Das ließ ausharren, das führte zu trügerischen Hoffnungen, immer noch, obwohl die Tage seit November 1938 bis Januar 1939 „jede noch verbliebene Möglichkeit jüdischen Lebens in Deutschland vernichteten“ (Friedländer).

Davon berichtete bereits eine zeitgenössische Quelle, die 1939 in New York erschienene Dokumentation „The New Inquisition“; der Wallstein Verlag hat sie jetzt, erstmals nach 75 Jahren, auf deutsch veröffentlicht, den Bericht des Journalisten Konrad Heiden, ein Buch, das Gross mit dem Satz erwähnt: „Obwohl es zu diesem Zeitpunkt noch keinen Plan des NS-Staats zum Judenmord gab, erahnte Heiden, dass es am Ende genau darauf hinauslaufen sollte.“

Heiden sammelte die Augenzeugenberichte der Opfer, doch bevor er dazu kam, lieferte er Erklärungen für die verzweifelte Loyalität der im Dritten Reich verbliebenen Juden, obendrein eine Studie der NS-Mentalität („Die Rassenpraxis als künstliches Ersatz-Selbstgefühl“). Er analysierte die „Wahnsinnstat“ Grynszpans, und „bei allem Verständnis für die Psyche eines erschütterten Siebzehnjährigen“, denn Heiden wies ausdrücklich hin auf die Ausweisung der polnischen Verwandten, schrieb er den bitteren Satz hin: „Fiele Herschel Grynszpan den deutschen Juden in die Hände, sie würden ihn zerreißen.“

Der Bericht des 1901 geborenen Heiden, der 1939 auf Englisch, Schwedisch und Französisch erschien, einer der frühesten Versuche einer akribisch zusammengetragenen Augenzeugensammlung, war auch deswegen eine hellsichtige Analyse der Eskalation, weil mit ihr die symbolische Bedeutung des 9. Novembers betont wurde, das „heiligste Datum“ der Parteigeschichte, wie Heiden sarkastisch schrieb, erinnernd an den 9. November 1923, den gescheiterten Hitlerputsch in München, der im Dritten Reich als braune Messe zelebriert wurde, nicht nur in München, vor der Feldherrnhalle, zur Mitternacht.

So wurde, zwei Tage nach dem Attentat, die Nacht vom 9. auf den 10. November zur „Reichspogromnacht“, ein über Stunden für die Juden währender Schrecken. Über das, was sich da gegen die Juden in Bewegung setzte, schrieb 1988 Wolfgang Benz in dem von Pehle herausgegebenen Buch: „Überall“, kaum dass die Fernschreiben bei den Kreisleitern und Ortsgruppenleitern eingegangen waren, „sprangen sie aus den Betten, um der Aufforderung zum Pogrom Folge zu leisten“, einem trotz rotierender Gewalt dennoch „kontrollierten Pogrom“. Sprangen doch die Feuer der brennenden Synagogen nicht nur wegen der Feuerwehrmänner nicht auf die Nachbarhäuser über.

Auch Gross rekonstruiert die Chronologie der Befehlsketten: „Selbst wenn Hitler den Pogrom also nicht aktiv verlangte, war dieser ohne seine grundsätzliche Zustimmung undenkbar.“ Sich auf Ian Kershaws Hitler-Biografie berufend, kommt er zu dem Schluss, Hitler habe „sämtliche Maßnahmen zum Pogrom gebilligt, einige aus dem Hintergrund auch selbst angeordnet. Ein starker Impuls ging zwar sicher von Goebbels aus, aber Hitler hat ihn ermächtigt, zuzuschlagen.“ Aus dem Hintergrund also.

Friedländer nannte es einen der „bezeichnendsten Aspekte“, dass „Hitler und Goebbels in der Öffentlichkeit und ‚privat‘ schwiegen“, nicht zuletzt um sich eines spontanen Volkszorns zu versichern. Die beiden, um Hetze sonst nie verlegen, in diesen Stunden in der Öffentlichkeit schweigend, setzten Nazideutschland einer verschwiegenen Volksbefragung aus.

Funktionierende Befehlsketten

Der Exzess blieb nicht aus, die Befehlsketten funktionierten, der vorauseilende Gehorsam wurde selbsttätig tätlich. Zum Exzess gehörte, dass die Weisungen, wie Steinweis meinte, nach dem Prinzip der „stillen Post“ übermittelt wurden, was den Eifer noch mehr anstachelte, über die Prügel und Schläge hinaus die Bereitschaft zur Enthemmung, zum Sadismus, zum Gräuel. Zu allem schwiegen die Kirchen, aus den Universitäten kam kein Wort der offenen Kritik.

Steinweis bezeichnete die Pogrome vor zwei Jahren „als eine Kombination aus zentral gesteuerter Gewalt und der kathartischen Freisetzung antisemitischer Leidenschaften“, was mit Blick auf den Begriff Katharsis (als Läuterung oder gar innere Reinigung) eine Kombination aus unglücklicher und ungeheuerlicher Formulierung ist.

Sagen wir so: Bei dem Pogrom handelte sich um eine Machtübertragung an den Mob, die dieser als Machtergreifung bereitwillig aufgriff. Man „könnte“, schreibt Gross, „geradezu von Ritualen der Gewalt sprechen“, und Berichte über solche Rituale versammelte bereits Heiden, Berichte über die Tage der Misshandlungen. Dass die Grausamkeiten noch gesteigert wurden, systematisch gesteigert wurden, führte das Kapitel „In den Folterlagern“ dem Leser von 1939 vor Augen, für den Zeitgenossen schier unfassbare Berichte aus dem System der Konzentrationslager, in deren elektrisch geladene Drahtverhaue sich die Verzweifelten schleppten, um endlich Erlösung zu finden von den Qualen, seelischen Schikanen, systematischer Folter.

Unmittelbar nach den Novemberpogromen berauschte sich die NS-Führung an ihren grünen Tischen an einer sich selbst erregenden Radikalisierung, der von Hitler propagierte „Antisemitismus der Vernunft“ (welch ein Paradox) mobilisierte perfekt-bürokratische Vernichtungsfantasien, die die nächste Eskalationsstufe nie aus dem Blick verloren. Der Verhöhnung und Entrechtlichung, der kulturellen Schikanierung und wirtschaftlichen Ausplünderung folgte, da der nationalsozialistische Antisemitismus die Entmenschlichung rassistisch rechtfertigte, bürokratisch perfektionierte und industriell betrieb, der Völkermord.

„Kristallnacht 1938“ nannte Steinweis 2009 seine Studie, in Nachkriegsdeutschland war die Wortwahl lange nicht anstößig, im angelsächsischen Raum, Gross und Steinweis betonen das, importierte man das Wort. Noch während die feierlich-feixende Beschönigung ihre zynische Karriere in Nazideutschland fortsetzte, saß Grynszpan in französischen Gefängnissen, seine Motive wurden jetzt undurchsichtig.

Grynszpan verstrickte sich in Widersprüche, machte die Ahndung der verbrecherischen Ausweisungspolitik an seinen jüdischen Verwandten geltend, später auch einen Racheakt gegenüber dem homosexuellen Freier Rath. Grynszpan verblieb in Frankreich, der gegen ihn angestrengte Mordprozess wurde von der Besetzung Frankreichs durch die Wehrmacht überrollt, der Mörder geriet auf einem Gefangenenzug tatsächlich frei, wurde erneut gestellt, nach Berlin verschleppt, wartete bis Sommer 1942 auf seinen Prozess, die sichere Todesstrafe.

Schließlich erlebten ihn Zeugen im KZ Sachsenhausen, wo sich seine Spur verlor, und es gibt, Gross rekonstruiert das, Anzeichen, dass er dort nicht umgebracht wurde. Als angeblich untergetauchtem Überlebenden verschafften ihm dubiose Zeugen in deutschen Nachkriegsprozessen eine bizarre Präsenz.

Katastrophe vor der Katastrophe

„Die Katastrophe vor der Katastrophe“ nennt Gross, einen Gedanken Dan Diners aufnehmend, sein Buch im Untertitel. Für Gross bilden die Novemberpogrome einen Kulminationspunkt in der Chronik der Schikanen und Entrechtlichung der Juden, in den Pogromtagen wurde nicht so weitergemacht wie alltäglich seit 1933, worauf auch Heiden hinwies, wenn er aus erster Hand zitierte, in diesem Fall aus Naziveröffentlichungen. So auch aus dem SS-Organ „Das Schwarze Korps“, in dem 1938 mit der „restlosen Vernichtung“ der Juden nicht mehr allein die Verdrängung, die Ausweisung, die Abschiebung, die Ausschaltung aus Ämtern angestrebt war, vielmehr der systematische Mord.

Von dem überhaupt schrecklichen Wort „restlos“ hatte die SS totalitäre Vorstellungen. Was die SS ankündigte, so kommentieren es die Herausgeber Heidens, war „keine bloße rabulistische, antisemitische Polemik mehr“. Heiden hatte genug Indizien, um zu schlussfolgern: „Ein Massenmord wird gewünscht; ein Massaker, wie es die Geschichte (…) vermutlich noch nie sah.“

Das war nicht Hysterie. Heiden betrieb vielmehr illusionslose Hermeneutik: „In dem Buche „Mein Kampf“ hat der Verfasser auf Seite 772 den Rat gegeben, die zu tötende Menschenmenge „unter Giftgas zu halten“.“ Heiden nannte seine Reportage und Denkschrift nüchtern einen „Bericht“, und das war, angesichts seiner Hellsichtigkeit über den „Vernichtungswillen in den leitenden Schichten des Regimes“ die Untertreibung schlechthin.

Der pure Pragmatismus war es, wenn er den Gedanken fortsetzte: „Niemand wird sich nach den Erfahrungen der letzten Jahre heute noch erlauben, einen Satz aus ,Mein Kampf‘ nicht sehr ernst zu nehmen“ – erst recht nicht Hitlers Giftgasgedanken. Heiden weiter: „Von hohen Führern des Regimes wird heute die Wendung ,Auf den Knopf drücken‘ gebraucht, wobei sich die Zuhörer nie recht klar sind, ob sie das Gesagte ganz ernst nehmen sollen; erläuternd wird – immer noch unter der Maske der eventuellen Scherzhaftigkeit – gesagt: alle Juden werde man in einem großen Raum versammeln und dann durch Knopfdruck das Gas auslösen.“

Zwei Jahre nach Erscheinen von Konrad Heidens „zeitgenössischem Bericht“ wurde die industrielle Vernichtung der Juden Europas befohlen.

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