1. Startseite
  2. Kultur

Sympathisches Brasilien

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Wolfgang Kunath

Kommentare

Gilberto Gil hat sich als Kulturminister gut geschlagen - jetzt will er wieder Künstler sein, heißt es

Es war eher ein Rückzug als ein Rücktritt. Dass der Sänger Gilberto Gil im Amt des Kulturministers von Brasilien nicht gerade als die Erfüllung seiner Träume sah - er hat nie ein Hehl daraus gemacht. Trotzdem ist er fünfeinhalb Jahre lang geblieben, in Brasilien eine ansehnliche Verweildauer für Minister. Die letzten Jahre wollte er nicht mehr, dennoch hat er sich immer wieder breitschlagen lassen, aber nun ist Schluss. "Er will eben wieder Künstler sein", sagte Präsident Lula milde, als sein Kulturminister zwischen zwei Tourneen bei ihm hereinschaute und die Kündigung einreichte.

Können Künstler gute Kulturminister sein? Gilberto Gil war jedenfalls kein schlechter. Er hatte nicht gerade den besten Start: Als er antrat, brachte er halb Brasilien gegen sich auf, weil er über das niedrige Ministergehalt maulte. Lulas Partei mochte den politischen Exoten nicht, und natürlich fragte sich die Öffentlichkeit, ob ein Sänger und Komponist, der in jungen Jahren wegen Drogenkonsums vor dem Richter stand, der keine Verwaltungserfahrung hatte und Politik bis dahin eher als Steckenpferd betrieben hatte, der richtige Mann sei.

Gilberto Gil, heute 65 Jahre alt, hat als Künstler verschiedene Musikwelten zusammengeführt und zu etwas Neuem, originär Brasilianischem verschmolzen. Tropicália hieß der Stil, für den er und sein heute nicht weniger berühmter Kollege Caetano Veloso damals, in der idyllischen Hippie-Zeit, standen: Eine tropische Fusion von Rock und Samba, von elektronischen Gitarren und traditionellen Instrumenten, von Weltmusik und Volksweisen, von Straßengeräuschen und Indianerklängen.

Zu Gils Zeiten wurden die Beatles, die Pop-Kultur, die psychedelische Mode einverleibt, wobei die Qualität des brasilianischen Marihuanas eine fördernde Wirkung ausübte. Unter der Militärdiktatur ging es allerdings nicht sehr hippie-freundlich zu. Gil ging ins Exil, als er im Jahre 1972 zurückkehrte, war er als einer der wichtigsten Exponenten der zeitgenössischen Musik Brasiliens anerkannt.

Mag sich so einer um die Verwaltungsreform im Theaterwesen, um die Förderinstrumente der Filmindustrie oder um die Autorenrechte in der Ära des Internets kümmern? Gilberto Gil ist diesen Aufgaben immerhin nicht ausgewichen. Geld hatte er sowieso nicht viel zu verteilen: 400 Millionen Euro für 190 Millionen Brasilianer.

Er hat Kultur dem breiten Publikum nahezubringen versucht, gerade auf dem flachen Land, wo Kultur gleichbedeutend ist mit der Telenovela von Globo-TV. Um die so genannten Leuchttürme hat er sich nicht besonders gekümmert: Die teure, das Bildungsbürgertum bedienende Hochkultur wird in Brasilien ohnehin von der Industrie finanziert, die dadurch die Möglichkeit hat, Steuern spart. Die kulturdirigistischen Tendenzen in Lulas linker Arbeiter-Partei fanden in ihm einen verlässlichen Feind: Wenn die Kulturbürokraten etwa Inhalte zur Bedingung staatlicher Förderung machen wollten, pfiff sie der Künstler-Minister garantiert zurück.

Sein wichtigster Job jedoch - und der lag ihm auch am ehesten - war der des obersten Kulturbotschafters seines Landes. Lula mochte den Exoten, und er wusste, was das Land an ihm hat: Der schwarze Minister mit der Afro-Frisur, der Armani-Anzüge trägt und respektable Politik macht, war die Personifizierung des kreativen, weltoffenen, sympathischen Brasiliens. Was ihm Lula am Anfang zur Aufbesserung des schmalen Ministergehaltes zugestand, gehörte am Ende zu seinem Job: Konzerte im Ausland zu geben. In seiner Zeit als Minister haben sich seine Gagen verdreifacht, wie die Presse notierte. Jetzt, da er wieder nur noch Künstler ist, werden sie wohl nicht mehr sinken.

Auch interessant

Kommentare