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Superman als Messias oder Führer

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Von: Arno Widmann

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Die Pop-Variante des Messias: Superman
Die Pop-Variante des Messias: Superman © imago

Verschwörungstheorien beuteln die USA.

Der in Kassel lehrende Soziologe Heinz Bude veröffentlichte vor zwei Jahren seine Diagnose der Lage unter dem Titel „Gesellschaft der Angst“. Der ist wenig geeignet, uns die Angst zu nehmen. Er erinnert nur zu gut an die Kommentare zum schlimmsten Abschnitt der Geschichte des 20. Jahrhunderts, die Titel trugen wie „Furcht vor der Freiheit“ (Erich Fromm), „Angst vor dem Chaos“ (Joachim Schumacher) oder „Das Zeitalter der Angst“ (W. H. Auden).

Im April erschien in Kanada, leider nur auf Englisch, eine Aufsatzsammlung, die ein etwas anderes Ziel verfolgt. Die Autoren analysieren weniger die Ängste der verschiedenen von ihnen untersuchten Bevölkerungen in den USA, in Europa, im Iran und anderswo, als vielmehr die Fabrikation dieser Ängste. Die ergeben sich nämlich nicht einfach aus ökonomischen und politischen Situationen. Sie werden, das zeigen die Autoren immer wieder bis ins letzte, erschreckende Detail, erzeugt. Die diffusen Ängste werden von sehr realen Interessenverbänden, die Namen und Adressen haben, produziert.

Wer sich fragt, wie Donald Trumps Wahlsieg möglich wurde, der lasse sich von Johann Pautz, Professor in Jacksonville (Florida) in die Abgründe der in den USA schon lange zirkulierenden Verschwörungstheorien, in die rassistischen, sexistischen, fremdenfeindlichen, auch religiös motivierten Gewaltfantasien entführen, die die Wahlsiege Barack Obamas als feindliche Machtübernahme von Gottes eigenem Land durch den Antichristen betrachteten. Eine Dolchstoßlegende, die immer weiter vom Rand in die Mitte der Gesellschaft nicht etwa sich ausbreitete, sondern mit viel Geld und erheblichem publizistischen Aufwand einer keineswegs immer aufnahmebereiten Öffentlichkeit aufgedrängt wurde.

Entweder gut oder böse

Man denke nur an die Weltuntergangsszenarien der amerikanischen Filmindustrie, aus denen nicht etwa demokratische Wahlen, sondern stets ein Führer – gelegentlich auch eine Führerin – hilft. Die stehen immer allein gegen eine entweder ahnungslose oder auf Appeasement mit dem Feind setzende Menge. Superman ist die Pop-Variante des Messias. Er ist nicht angewiesen auf eine diskutierende Öffentlichkeit. Im Gegenteil. Er muss auch nicht die Lage analysieren. Er weiß nicht nur, was gut und böse, er weiß auch – wir leben im Heimatland des Pragmatismus –, was zu tun ist.

Die Beiträge gehen nicht in die Falle der Ableitung. Aus dem einen folgt niemals notwendig das andere. Sie analysieren Konstellationen, in denen mal die eine, mal die andere, mal das eine, mal das andere Mischungsverhältnis gewinnt. Sie zeigen Verschwörungen, die hinter Verschwörungstheorien stecken, ohne selbst Verschwörungstheorien zu verbreiten oder ihnen auf den Leim zu gehen.

H. Ramadan, J. Shantz (Hrsg.): Manufacturing Phobias. University of Toronto Press. Ca. 50 Euro.

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