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Der ehemalige Suhrkamp-Sitz in der Frankfurter Lindenstraße (Westend) steht zum Verkauf.
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Der ehemalige Suhrkamp-Sitz in der Frankfurter Lindenstraße (Westend) steht zum Verkauf.

Frankfurt geht leer aus

Suhrkamp-Archiv geht nach Marbach

Die Archive der Frankfurter Verlagsgruppe Suhrkamp ziehen noch vor Ablauf des Jahres in das Deutsche Literaturarchiv Marbach. Einen so großen Wurf hatte Marbach zuletzt 1952 gemacht. Von Ina Hartwig

Von Ina Hartwig

Die Zeit drängt. Der Suhrkamp Verlag wird bald nach Berlin umziehen. Ein Teil des Umzugs soll mit dem Verkauf des Archivs finanziert werden. Was aus den im Keller der Frankfurter Lindenstraße lagernden Kartons mit Briefwechseln und Manuskripten von Autoren mit so illustren Namen wie Theodor W. Adorno, Ingeborg Bachmann, Bertolt Brecht, Martin Walser, Marie Luise Kaschnitz oder Dolf Sternberger wird, ist seit gestern geklärt: Die Archive Suhrkamp und Insel werden ins Deutsche Literaturarchiv nach Marbach überführt.

Gern hätte die Frankfurter Goethe-Universität, die seit einigen Jahren vorbildlich das Peter Suhrkamp Archiv auf der Basis einer Leihgabe erschließt, den gesamten Verlags-Archivbestand erworben. Der Universitäts-Präsident, Werner Müller-Esterl, macht aus seinem Bedauern keinen Hehl, dass Frankfurt, trotz eines sehr guten Angebots an Suhrkamp, leer ausging. Die vereinbarte Kooperation zwischen Marbach und der Goethe-Universität, die u.a.

Stipendienprogramme und einen privilegierten Zugang zu den Archivalien vorsieht, kann daher nur als Trostpflaster verstanden werden. Der persönlich am meisten Betroffene dürfte der leitende Archivar Wolfgang Schopf sein, dessen geistreiche öffentliche Archiv-Leseabende auf dem Gelände des Campus Westend zu den Höhepunkten des Frankfurter Kulturlebens zählen.

Der Gewinner des Archiv-Pokers heißt Ulrich Raulff, Direktor des Deutschen Literaturarchivs in Marbach, der sich freut, die ohnehin schon phantastischen Bestände (darunter die Verlagsarchive von Rowohlt, S. Fischer, Luchterhand, Piper) so überaus reichhaltig ergänzt zu sehen. Seine Erwartungen, gibt er an, seien bei der Überprüfung der Bestände weit übertroffen worden. Marbachs internationale Reputation sieht er noch einmal gestärkt. Auch die Suhrkamp-Leitung scheint zufrieden zu sein; in der Presseerklärung legt sie die Vorzüge Marbachs detailliert dar.

Applaus wird in Frankfurt nicht zu vernehmen sein. Die Stadt fühlt sich durch den Weggang des Verlags ohnehin geprellt und verletzt; das Verhältnis zur Verlagsspitze kann als zerrüttet gelten. Und selbst wenn die Entscheidung, das gesamte Verlagsarchiv, das zur Zeit an drei Stellen lagert - in den Kellern der Lindenstraße, im Keller der Unseld-Villa in der Klettenbergstraße, auf dem Campus - geschlossen nach Marbach zu geben, gut begründet ist und in der ganzen Umzugsangelegenheit sicherlich der einleuchtendste Schachzug, so bleibt es doch eine schlichte schmerzliche Tatsache, dass Frankfurt mit Suhrkamp und den Verlagsarchiven sein literarisch-geisteswissenschaftliches Herzstück verliert.

Verlässt man die gewissermaßen persönlich-regionale Sphäre, verlässt man die Psychologie des Scheiden-tut-weh, sieht man den Suhrkamp Verlag und seine Archivbestände als Angelegenheit überregionalen Interesses, dann kann man die Lösung, die Marbach mit seinem Know-How, den knapp 200 Mitarbeitern, den beiden Museen - Schillermuseum und Literaturmuseum der Moderne - bietet, vernünftigerweise gar nicht ablehnen. Im Gegenteil, wenn das, was jetzt als Vorvertrag ("Letter of Intent") unterzeichnet wurde, in eine archivalische, wissenschaftliche, editorische und kuratorische Wirklichkeit überführt sein wird, dann haben tatsächlich viele etwas davon.

Im Gespräch mit der FR gibt Ulrich Raulff an, nicht nur den Bund und das Land Baden-Württemberg, also die öffentliche Hand, für eine Finanzierungszusage gewonnen zu haben, sondern zudem Stiftungen und private Sponsoren. Über den Kaufpreis, der auf Expertenschätzungen beruht, wird Stillschweigen gewahrt.

Zu vergleichen sei sei der Neuzugang der Suhrkamp- und Insel-Archive nur mit dem Erwerb des Archivs der Cotta’schen Verlagsbuchhandlung im Jahr 1952, heißt es aus Marbach. Nicht nur über einzelne Dichter und deren Arbeits- und Lebenszusammenhänge kann hier geforscht werden (etliche Vor- und Nachlässe von Suhrkamp-Autoren befinden sich schon in Marbach, etwa die von Siegfried Kracauer, Nelly Sachs, Paul Celan, Peter Szondi, Hans Blumenberg oder Peter Handke); es liegen eben auch Quellen zur Erforschung der Buchhandels- und Wirtschaftsgeschichte vor.

Als extrem glücklich erscheint der Umstand, dass Briefe und Werkmanuskripte aus dem Besitz von Katharina und Anton Kippenberg, dem Leiter des Leipziger Insel Verlags von 1995 bis 1950, bereits am Neckar sind. Mit dem Erwerb des restlichen Insel-Archivs wächst also zusammen, was tatsächlich zusammengehört.

Als besondere Preziose bezeichnet Raulff das Siegfried Unseld Archiv, "ein Archiv im Archiv". Unselds akribisch geführtes Reisetagebuch, die erste Fahrt führte zu Hermann Hesse, nennt der Marbacher Direktor das "Kernstück der Verlagschronik" auch deshalb, weil Unseld zwischen Privat und Öffentlich keinen Unterschied gemacht habe.

Die logistischen Anforderungen sind enorm, besonders die Lindenstraße betreffend; lagern doch Korrespondenzen des Verlags mit Ingeborg Bachmann, Durs Grünbein, Enzensberger, Rainald Goetz u.v.a. dort großteils noch unerschlossen im Keller. Auch aus den Büros, die in ein paar Wochen geräumt werden, gilt es vieles zu sichern. Der Verlag müsse, mahnt Raulff, die Bestände wohlgeordnet übergeben. Sonst herrsche Chaos in Marbach. Na dann, an die Arbeit!

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