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Sündenfall für die Katholische Kirche? Christian Wulff mit Kardinal Karl Lehmann (r.) und Pfarrer Stefan Schaefer in der St. Stephans Kirche in Mainz.

Der Katholik Christian Wulff

Sündenfall oder Erlösung im Amt

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Unter Katholiken geht das ungute Gefühl um, abgemeldet zu sein, was die Besetzung höchster Staatsämter betrifft. Die Wulff-Affäre verschärft das Gefühl: Auf den katholischen Sündenfall Wulff soll nun mit Gauck die evangelische Erlösung folgen.

Die Phantomschmerzen sind wieder da. Sobald im vereinten Deutschland höchste Staatsämter zu besetzen sind, geht unter Katholiken das ungute Gefühl um, sie seien abgemeldet. Die Kanzlerin: Protestantin. Der künftige Bundespräsident: Protestant, Pfarrer sogar. Proporzfetischisten erinnern gern an vergangene Jahrzehnte, als Kanzleramt und Präsidialamt konfessionell über Kreuz besetzt waren: Konrad Adenauer (katholisch) und Theodor Heuss (evangelisch); Ludwig Erhard (evangelisch) und Heinrich Lübke (katholisch); Helmut Kohl (katholisch) und Karl Carstens, Richard von Weizsäcker, Roman Herzog (alle evangelisch).

Schleichende Protestantisierung

Diese Lesart hat etwas Gekünsteltes: Die Amtszeiten waren nie deckungsgleich, die Frage nach der Kirchenzugehörigkeit stellt sich meistens erst, wenn die Kandidaten für ein Amt schon benannt und gewählt sind. Niemand würde die Konfession offen als notwendiges Kriterium für eine politische Funktion reklamieren. So weit ist die Trennung von Kirche und Staat dann doch vollzogen. Zudem ließen sich stets Einzelbelege gegen die These einer schleichenden Protestantisierung der Republik finden. Derzeit etwa steht protokollarisch ein katholisches Duo an der Spitze: Horst Seehofer als Bundesratspräsident und Norbert Lammert als Präsident des Bundestags. Und bis Februar war eben auch der Bundespräsident ein Katholik.

Doch daran zu erinnern, erhöht nur den Schmerz: Schließlich waren als Nachfolger Christian Wulffs neben Joachim Gauck auch der frühere Bischof Wolfgang Huber sowie Katrin Göring-Eckardt, die Präses der EKD-Synode, im Gespräch. In der Öffentlichkeit erschienen prominente Protestanten als besonders geeignet, der Kontamination des Amtes durch Wulff mit einer ethischen Entgiftungskur zu begegnen. Theologisch gesprochen: Auf den katholischen Sündenfall soll die evangelische Erlösung folgen.

Noch ist längst nicht ausgemacht, dass es gut ist, den normativen Anteil des Amts jetzt weiter aufzupumpen – für den Amtsinhaber wie für das Volk selbst. Denn so selbstverständlich heute der Ruf nach der „moralischen Instanz“ im Schloss Bellevue klingt, so schnell kann der Überdruss über Moralpredigt und Kanzelton einsetzen. Damit schlüge die Wahl eines evangelischen Moralapostels am Ende negativ auf den deutschen Protestantismus zurück, dem er entstammt.

Trotzdem erweist sich die Debatte über die Wulff-Nachfolge als Indikator für die Krise des deutschen Katholizismus. Es ist nämlich alles andere als ein Zufall, dass – mit Ausnahme Lammerts – nicht ein Kandidat gehandelt wurde, mit dem sich explizit eine katholische Sozialisation verbindet. Vielmehr spiegeln sich darin eine Selbstmarginalisierung der Kirche als gesellschaftlicher Player sowie die Verdunstung ihrer Milieus, die in den 1960er- und 1970er-Jahren noch fruchtbare Reservoirs für politische Karrieren gewesen waren.

Katholische Wiedergutmachung nach 1950

Bezeichnend ist der Befund der Sozialforschung, dass die deutschen Katholiken just in dieser Zeit ihr uraltes Inferioritätstrauma abschütteln konnten: Gegenüber den Protestanten waren sie traditionell im Hintertreffen gewesen – vor allem aufgrund von Bildungsdefiziten und demzufolge mangelnder Präsenz in den Führungseliten. In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts gelang eine weitgehende Angleichung.

Doch setzte spätestens mit der Verurteilung der politischen Theologie in Lateinamerika durch den Vatikan auch in Deutschland eine Rückwärtsbewegung ein. Die katholischen Verbände, speziell die Jugendorganisationen, galten vielen Bischöfen als zu politisch, zu unkirchlich, zu wenig spirituell. Der Versuch, sie auf fromme Linie zu bringen, hat zu einer verengten binnenkirchlichen Orientierung geführt. Ergebnis: Als Lernfeld oder für die Rekrutierung politischen Personals sind die überalterten Verbände heute kaum noch interessant. Der Philosoph und Theologe Elmar Salmann spricht vom „Riss des Transmissionsriemens“ zwischen Kirche und Politik. Verstärkt haben sich auch die Animositäten zwischen Teilen der Amtskirche und katholischen Spitzenpolitikern.

Sie sind nur genehm, wenn sie die Positionen des Lehramts vertreten. Diese wiederum sind gesamtgesellschaftlich immer weniger durchsetzbar, ihnen haftet – etwa in bestimmten Fragen der Bioethik oder in der Familienpolitik – der Ruch des Sonderbaren, Abseitigen an. Der Katholizismus in Deutschland ist historisch auf dem Weg von einer selbstbewussten, vitalen Avantgarde in ein Nischendasein.

Der Missbrauchsskandal von 2010 hat diese Entwicklung noch beschleunigt, weil die Selbstbehauptung der Kirche als moralische Instanz durch ihre eigenen Funktionäre infrage gestellt wurde. Den Kredit, der hier verspielt wurde, hat die Kirche bisher nicht zurückgewonnen. Noch fehlt es am Stil, in qualifizierter Weise Minderheit zu sein – und damit vielleicht auch wieder Persönlichkeiten hervorzubringen, die in Staat und Gesellschaft Führung beanspruchen und übernehmen können.

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