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Lemminge haben für uns Menschen immer wieder überraschend viel vor.

Gesellschaft

Wer sucht, der findet

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Das Schöpfungspotenzial des Bewusstseins müsste 2019 eigentlich optimistisch machen.

Und? Bei Ihnen so in diesem Jahr? Endlich den richtigen Sport gegen Rückenschmerzen gefunden? Sich getraut, einen Englischkurs für Einsteiger zu belegen? Ihrer Mutter gesagt, dass Sie von ihren alten Sachen wirklich nichts haben wollen? Oder haben Sie den Tangokurs gemacht, auf den Sie seit Jahren Lust haben? Die größere Wohnung gesucht, die Ihre Familie braucht, auch wenn Sie dazu an den Stadtrand ziehen müssen? Beim Fahrradfahren den Helm auch mal aufgesetzt? Zur Pseudofreundin den Kontakt abgebrochen? Den Urlaub mal nur zu Hause verbracht?

Okay, ich ja auch nicht. „Was ist das, was in uns hurt, lügt, stiehlt und mordet?“ heißt es bei Büchner in „Dantons Tod“. Was ist es in uns, das uns unser Leben geradezu reflexhaft wider besseres Wissen und Gefühl verbringen lässt? Wobei dies kein Text über Neujahrsvorsätze und die Nichtumsetzung von Maßnahmen sein soll, die uns – seufz! – schön, schlau, stark und schick wirken lassen würden, wenn wir uns dazu überwinden könnten. Sondern über die Nichtumsetzung von Maßnahmen, mit denen es uns einfach besser ginge.

Kein Karnickel würde in einem Park bleiben, in dem es nichts mehr zu fressen gäbe. Oder in dem neuerdings ein Fuchs siedelte oder der in einer Kunstauktion komplett mit blauer Farbe überzogen würde. Da würde so ein Hoppler doch augenblicklich weiterziehen und sich nicht fragen, was man wohl einnehmen müsse, um die blaue Farbe besser verdauen zu können, die jetzt ja offensichtlich Mode sei.

Anders als früher angenommen, ist es kein Alleinstellungsmerkmal des Säugetiers Mensch, Artgenossen zu quälen oder ohne Not zu töten. Aber möglicherweise sind wir die einzige Art, die den größten Teil ihres Lebens damit verbringt, Dinge zu tun, die ihr schadet. Im Kleinen mit Süchten und scheinbaren Bequemlichkeiten, im Großen mit Kriegen und der Zerstörung unseres Lebensraumes – und dazwischen mit der Zurichtung unseres privaten Lebens gemäß wechselnder Bilder, mit denen uns meist nur verbindet, dass wir sie von irgendjemandem übernommen haben und niemals in sie hineinpassen werden.

Selbst der arktische Berglemming macht sich zuweilen auf seine legendär gefährliche Suche nach neuem Lebensraum, während ein mitteleuropäischer Verwaltungsangestellter auch nach einem Hörsturz und einem Bandscheibenvorfall ohne Zögern in seine Tätigkeit zurückkehren wird, obwohl er vielleicht schon als Kind lieber Koch geworden wäre. Das Tier kann die Folgen nicht bedenken, heißt es. Aber was genau ist an Bedenken gegenüber der Existenz und Lebbarkeit von Alternativen preisenswert, wenn sie dazu führen, dass man da bleibt, wo es nicht gut ist?

„Etwas Besseres als den Tod findest du überall“, sagten die Bremer Stadtmusikanten und zogen in den Wald. Nun sprangen diese natürlich alle vier von der Schlachtbank und konnten nur gewinnen. Aber was, wenn auch der höhenverstellbare Schreibtisch, an den man sich täglich quält, der neue BMW, für den man sich verschulden muss oder die unglückliche Partnerschaft nichts anderes ist als das?

Ich meine, was MACHEN wir eigentlich? Wovor verantworten, woran orientieren wir uns, wenn es nicht unser tatsächliches Wohlbefinden ist? Welche Wahrnehmungsfilter (die ein Doctor Who mit seinem Schallschraubenzieher im Nu entdeckt und deaktiviert hätte, aber er bzw. neuerdings sie kann ja einfach nicht überall sein) liegen auf unseren Gemütern, dass wir es höher bewerten, bestimmten Bildern zu entsprechen, auch wenn es unser Leben kosten sollte, als täglich den Pegelstand des Bauchgefühls zu kontrollieren und den inneren Kompass danach auszurichten? Denn das bessere Wissen ist auch heute noch das Bauchgefühl und nicht die Smartwatch, die einem zwar in Echtzeit und analog zum eigenen Puls sagt, ob man genug gegessen, geschlafen und trainiert hat, aber die deswegen noch immer nicht garantieren kann, dass es einem dabei gut geht.

Ja, das Informationszeitalter kippt gerade. Information ist kein Wert mehr an sich. Zu viele unterschiedliche und auch widersprüchliche Informationen kursieren, die sich zu Wellen verbinden, die – Quantenphysik! – an jeder gewünschten Stelle fixiert werden können. Wer sucht, der findet, heißt es im Matthäus-Evangelium. Quantenphilosophen sprechen vom Schöpfungspotenzial des Bewusstseins. Will sagen: Es wäre gar nicht nötig, sich in gegebene Bilder hineinzuducken, sondern man könnte fröhlich eigene malen und für jedes die Bestätigung der Machbarkeit im Quantenmeer finden. Also, theoretisch.

Was die Praxis angeht, ist es hinsichtlich der Bilder, die Menschen von sich selbst haben, aufschlussreich, mal ein Coaching mit Pferden zu beobachten. Denn Pferde, die als Fluchttiere in einem hierarchischen Herdenverbund leben und darauf angewiesen sind, ihren Platz immer neu zu verteidigen, ohne dabei zu viel Energie zu verlieren, können die Auftritte von Menschen in Sekunden dechiffrieren. Je eindeutiger und unhinterfragter diese sich ihnen nähern, desto überzeugender (weil Sicherheit versprechender) sind sie für das Pferd. Aber dann steht der Manager da auf der Koppel und gestikuliert und brüllt, weil er doch sicher war, jemand zu sein, der die Pferde scheu machen kann, aber wird von diesen vollkommen ignoriert, weil dieses Bild nicht authentisch ist und es in ihm jenseits abgeguckter Codes keinen echten Impuls gibt, auch nur ein einziges Tier in irgendeine Richtung wirklich bewegen zu wollen...

Manche natürlich scheren sich nicht um Codes und fixieren ihr Quantum tatsächlich da, wo sie es haben wollen. Im Sommer hat die 15-jährige Greta Thunberg aus Schweden aus Sorge um das Klima dieser Welt vor dem Reichstagsgebäude in Stockholm einen Schulstreik begonnen. Ganz alleine sagte sie „Nein“ zur Politik. Vier Monate später hatten sich ihrem Protest weltweit schon 20 000 Schüler und Schülerinnen angeschlossen, und am 12. Dezember sprach Greta Thunberg beim Klimagipfel im polnischen Katowice vor Vertretern von fast 200 Staaten und zwar so wahr wie das Kind in Andersens Märchen von „Des Kaisers neue Kleider“: „Solange ihr euch nicht darauf konzentriert, was zu tun notwendig ist, sondern nur darauf, was politisch möglich ist, gibt es keine Hoffnung. (...) Euch gehen die Entschuldigungen aus, und uns läuft die Zeit davon. Wir sind hergekommen, um euch mitzuteilen, dass der Wandel kommt, ob ihr wollt oder nicht. Die wirkliche Macht gehört den Menschen. Danke.“

Dieses „Danke“ am Ende ist großartig und die größte Inspiration. Denn darin liegt die freundliche Gewissheit, die es braucht, um das Eigene gegen alle Bedenken voranzubringen. Nun hat Greta den Vorteil, dass sie als Jugendliche der allgemeinen Verantwortung der Welt gegenüber noch rückhaltlos frönen kann und es ihr als Person mit Asperger-Syndrom zudem leichter fällt, eindeutige Entscheidungen zu treffen. Ihr Denken unterscheidet glasklar zwischen null (Klimakatastrophe auf uns zukommen lassen) und eins (alles Menschenmögliche tun, um das Klima zu retten). Die Teilnehmer der Klimakonferenz haben sich wieder für Null–komma-verschwindend-irgendwas entschieden, als gäbe es keine Dürren und Überschwemmungen und verhungernden Eisbären, und als wäre das Überleben auf diesem Planeten nicht ihre Verantwortung. Und unsere.

„Danke“ hat Greta Thunberg gesagt und dass die Macht den Menschen selbst gehört. Ich ernenne sie zur Schutzpatronin unseres nächsten Jahres. Greta und die Pferde. Denn man kann immer etwas bewegen, wenn man weiß wohin. Zuerst sich selbst. Und dann die anderen.

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