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Als die Bücherberge noch in den Himmel wuchsen: Ein Buchbinder der Knickerbocker Press Printing Company, New York, um 1950.
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Als die Bücherberge noch in den Himmel wuchsen: Ein Buchbinder der Knickerbocker Press Printing Company, New York, um 1950.

US-Verlagskrise

Die Stunde der kleinen Feinen

  • Sebastian Moll
    VonSebastian Moll
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Das amerikanische Verlagsgeschäft ist in Aufruhr. Eine Hiobsbotschaft jagt die andere. Die Verkaufszahlen rauschen in den Keller, und die großen Häuser entlassen Lektoren. Von Sebastian Moll

Gay Salisbury ist stark verunsichert. Seit 15 Jahren ist die 42 Jahre alte New Yorker Literaturagentin jetzt im Geschäft, doch seit ein paar Wochen versteht sie die Welt nicht mehr: "Die Lektoren, die ich kenne, sind entweder entlassen worden", klagt sie, "oder sie haben völlig neue Zuständigkeiten. Ich muss meinen Job komplett neu erfinden."

Das amerikanische Verlagsgeschäft, zum Großteil in Manhattan ansässig, ist in Aufruhr. Eine Hiobsbotschaft jagt die andere. Die Verkaufszahlen der Branche sind in den traditionell stärksten Monaten des Jahres, Oktober bis Ende Dezember, um zweistellige Prozentzahlen gesunken. Sämtliche großen Häuser haben Entlassungen bekannt geben müssen: Random House, Simon & Schuster, Houghton Mifflin, Harcourt and Macmillan, Farrar, Straus and Giroux. Zuletzt war es in der vergangenen Woche der Verlag Harper Collins, der gleich mehrere Abteilungen schließen und Dutzende von Lektoren, sowie zwei Herausgeber gehen lassen musste. Der Umsatz des Verlages war im zweiten Halbjahr 2008 um nahezu 75 Prozent gesunken.

Die Probleme der Buchverlage haben ihre Ursache jedoch nicht etwa darin, dass niemand mehr liest in Amerika. Im Gegenteil: Die Bundes-Kultur-Stiftung National Endowment of the Arts ermittelte jüngst, dass das literarische Lesen in Amerika seit 2002 um 3,5 Prozent zugenommen habe. Schuld an der Misere ist die Wirtschaftskrise, insbesondere das schlechte Weihnachtsgeschäft. Hinzu kommt die nun doch rapide voranschreitende Digitalisierung. Während sich die Buchhändler im November die Beine in den Bauch standen, wuchs der E-book-Handel um 14,4 Prozent.

Manch einer glaubt deshalb bereits, die Ära der papierfreien Lesekultur, in der Buchhändler und Verlage weitgehend überflüssig sind und sich Autoren barrierefrei mit Lesern im digitalen Äther austauschen, sei angebrochen. Schließlich hat Google erst im November einen riesigen Schritt zur Verwirklichung seines Ziels gemacht, alle Bücher der Welt auf seine Server zu laden. In einer Vereinbarung mit der Vereinigung amerikanischer Autoren und Verleger erhielt die Suchmaschinen-Firma die Erlaubnis, rund sieben Millionen Titel im Netz anzubieten - vorwiegend Bücher, die nicht mehr im Handel sind, aber noch immer mit einem Copyright belegt.

Der Online-Buchladen Amazon forciert diesen Trend mit aller Macht. Der neue, verbesserte Kindle mit flächendeckendem Empfang über das Handy-Netz soll das Bildschirmlesen schöner machen und Amazon möchte mit dem E-book-Geschäft bis 2012 250 Milliarden Dollar pro Jahr verdienen. "Das alte Verlagswesen wird zwar nicht völlig sterben", prophezeit angesichts dieser Entwicklungen das Time Magazine. "Aber es wird nur noch die Spitze des Eisbergs sein. Darunter wird es eine riesige Palette verschiedenster Produkte geben, von Print-on-Demand und E-books bis hin zur frei flottierenden, unlektorierten Web-Fiktion, die von einer anonymen Masse im You Tube Stil konsumiert und kommentiert wird."

Einstweilen suchen die Verlage noch verzweifelt nach Strategien für den Übergang. Dabei scheint sich abzuzeichnen: Kleine, unabhängige Verleger oder Imprints sind wesentlich besser gerüstet, den doppelten Beschuss durch Wirtschaftskrise und Technik zu überstehen, als die behäbigen Riesen. "Wir haben weniger Overhead, wir haben weniger Geld in riesigen Vorschüssen gebunden, wir verschwenden weniger und wir können uns flexibler anpassen", sagt Margo Baldwin, die Verlegerin des kleinen, aber feinen Hauses Chelsea Green, der unter anderen Naomi Klein unter Vertrag hat.

Eine der Erfolgsgeschichten inmitten der Krise ist die von Jonathan Karp. Karp war 16 Jahre lang Lektor bei Random House, bevor er 2006 sein eigenes Imprint unter dem Dach von Hachette lancierte. Nach seinen Erfahrungen im Fließbandbetrieb eines Massenverlags wollte Karp nur noch eines: Gute Bücher gut machen und sie gut betreuen. Deshalb entschied er sich für die Selbstbeschränkung: Karp produziert mit seinem Imprint "Twelve" nur 12 Bücher pro Jahr.

Bislang fuhr er mit dieser Taktik ausgezeichnet: Schon seine ersten beiden Titel, "Boomsday" von Christopher Buckley und Christopher Hitchens' provokatives Atheismus-Manifest "God is not Great", schafften es auf die Bestseller-Liste der New York Times. Und auch Karps neuester Titel: "Little Red Book", eine Anthologie über die Menstruation, wurde von der Kritik begeistert aufgenommen.

Karp publiziert ein Manuskript nur, wenn es ihn begeistert. An Formeln für Bestseller glaubt er nicht: "Dieses Geschäft ist ohnehin ein Würfelspiel" sagt er. "Insofern ist der eigene Instinkt der einzig verlässliche Wegweiser."

Die großen Verlage scheinen diese Lektion noch nicht gelernt zu haben. So zahlte Harper Collins in derselben Woche, in der zwei Abteilungen des Verlags geschlossen wurden, der TV-Kabarettistin Sarah Silverman einen Vorschuss von 2,5 Millionen Dollar. Es war die alte Blockbuster Strategie: Man setzt darauf, mit einem gerade hoch im Kurs stehenden Namen einen Verkaufs-Hit zu landen und, um das Risiko zu minimieren, wird in die Vermarktung des Titels noch einmal so viel zu investiert.

Verleger wie Karp hingegen wollen sicherstellen, dass jedes gedruckte Buch auch gelesen wird. "Wenn es 50 000 Leser für ein Buch gibt, werden wir die auch finden", sagt etwa Chuck Adams, der Verleger von Algonquin Books, eines Verlages, der nur 20 Titel pro Jahr produziert. Er rede mit jedem einzelnen Buchhändler, sagt Adams, er suche seine Zielgruppe in den entlegensten Ecken des Internet, wenn es sein muss. Das sei zwar mühseliger als großspurige Marketingkampagnen, in einer Zeit, in der die Buchhandelsketten ebenso an Bedeutung verlören wie Rezensionen in den maßgeblichen Zeitungen, jedoch eindeutig der richtige Weg.

"Man kann heute den Markt nicht mehr kontrollieren", hält deshalb auch Fred Ramey, Mit-Herausgeber von Unbridled Books, das Blockbuster-Modell für veraltet. Ist also die Buchmarktkrise letztlich eine gute Sache für das gute Buch, führt sie zu weniger formelhaften Bestsellern, mehr Vielfalt und interessanterer Literatur? "Ich hoffe es", sagt Jonathan Karp. Mit der blinden Hoffnung als verlegerischem Prinzip, fügt er an, sei er ja bislang auch gut gefahren.

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