Gesellschaft

Straßenkämpfe

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Rassismus in Alltagskonflikten – und was man dagegen tun kann.

Durch das Viertel, in dem ich wohne, führt eine einspurige Straße, die nur mit einer gewissen Umsicht zu befahren ist. Vor der Einfahrt müssen die Fahrer sich dessen vergewissern, dass der Weg frei ist. Tun sie es nicht, stehen sie oft unversöhnlich einem anderen Verkehrsteilnehmer gegenüber und hoffen auf dessen Nachsicht oder pochen auf das Recht des Stärkeren. Die dritte Möglichkeit, den geordneten Rückzug anzutreten, kommt vor, aber deutlich seltener als die anderen beiden Varianten.

Bei meinem Versuch zur Umsicht scheiterte ich kürzlich auf ganzer Linie. Schien der Weg zunächst frei, wurde ich durch das Manöver eines anderen aufgehalten. Als es weitergehen konnte, versperrte ein drittes Fahrzeug den Weg, das das Hindernis missachtete, das wir beide bildeten. Was tun? Ich versuchte es mit einer Geste des Unmuts, schließlich war ich ja nicht der Verursacher der Störung. Der Fahrer der hoch motorisierten Limousine beantwortete meinen Kommunikationsversuch mit einer aggressiven Vorwärtsbewegung seines Fahrzeugs, man kennt derlei Revierkämpfe aus der Zoologie.

Durch unsere Windschutzscheiben konnten wir einander gut sehen. Tut es etwas zur Sache, wenn ich erwähne, dass der Fahrer und seine Begleiterin südländischer Herkunft waren? Ist das überhaupt die richtige Bezeichnung? Ich erwähne dieses Detail, weil ich in dieser Szene auch einen kulturellen Konflikt vermute. In einer ähnlichen Situation, in der ich mein Gegenüber zur Rede stellen wollte, weil es in dieser Verkehrssituation nun einmal kein eindeutiges Recht oder Unrecht gibt, handelte ich mir den Vorwurf ein, ihn rassistisch beleidigt zu haben. Dabei hatte ich kein einziges Wort über Herkunft oder Nationalität verloren. Selbst freundliche Hinweise können in solchen Situationen den Charakter von Kriegserklärungen annehmen.

Über gruppenspezifische Bindungen hinaus kämpft man in urbanen Konflikten immer auch für sich allein. Festzuhalten ist hier allerdings zweierlei. Es ist inzwischen eine soziale Stereotype, in Auseinandersetzungen wie diesen rassistische Motive zu unterstellen. Es darf aber auch nicht übersehen werden, dass die Alltagskommunikation so intensiv wie lange nicht von Affekten durchdrungen ist, in denen willkürliche ethnische Zuschreibungen und Rassismusvorwürfe aufeinanderprallen. Ich fuhr langsam zurück und betrachtete mein Manöver als kulturelle Niederlage – und natürlich missgönnte ich meinem Gegenüber den Triumph.

Nach dem Terroranschlag von Hanau ist es geboten, derlei Gefühlslagen neu zu bedenken. Von den von rechter Gewalt betroffenen Opfergruppen ist immer wieder auf einen institutionellen Rassismus aufmerksam gemacht worden, den die deutsche Mehrheitsgesellschaft auf fatale Weise übersehe. Wahrscheinlich liegen sie richtig.

Die Bezeichnung der NSU-Morde als „Döner-Morde“ ist ebenso rassistisch wie die Kennzeichnung der Anschläge von Hanau als „Shisha-Morde“. Aber ist es bereits eine Form von institutionellem Rassismus, wenn polizeiliche Ermittlungen sich auf gesellschaftliche Orte erstrecken, an denen potenziell kriminelle Handlungen vorbereitet werden? Kleinkriminalität und Geldwäsche werden ja keineswegs ausschließlich in Shisha-Bars betrieben, sondern auch aus Glücksspielgeschäften heraus, deren Kundschaft und Betreiber sich aus überaus vielfältigen Milieus zusammensetzen. Das Phänomen der sogenannten Clan-Kriminalität gibt es in Deutschland spätestens seit den 60er-Jahren mit der Etablierung von Mafia-Geschäften. Soll man bei deren Bekämpfung auf das Wissen über kulturelle Besonderheiten verzichten?

Angesichts der verheerenden Wirkung des Anschlags von Hanau auf unser Alltagsverhalten helfen ideologische Zuspitzungen nicht weiter. Gerade in Bezug auf einen keineswegs zu leugnenden institutionellen Rassismus kommt es auf Differenzierung und sensible Unterscheidungen an. Und es ist mehr als irreführend, wenn etwa die Autorin Kübra Gümüsay, die ein viel beachtetes Buch über „Sprache und Sein“ veröffentlicht hat, von Rassismus als gesellschaftlicher Norm spricht. Die Formulierung enthält sowohl eine sprachliche als auch eine soziologische Unschärfe. So sehr rassistisch motivierte Verhaltensweisen die soziale Wirklichkeit beeinflussen und deformieren, kann doch nicht davon die Rede sein, dass sie einen normativen Charakter haben. Es wäre die Bankrotterklärung der offenen Gesellschaft.

Rassismus als Affekt und Ressentiment ist beschämend genug. Um ihn bekämpfen zu können, bedarf es sozialer Aufmerksamkeit nicht nur in Bezug auf das Tun der anderen, sondern auch die Fähigkeit, die eigenen Gewissheiten zu befragen, ohne sie gleich überstürzt zu verwerfen. Unsere gesellschaftliche Zukunft, da hat Kübra Gümüsay recht, wird auch dadurch bestimmt, wie wir miteinander umgehen und sprechen. Mehr als alles andere aber bedürfen rassistische Ausdrucksformen, wo immer sie sich ereignen, des offenen Widerspruchs.

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