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Alois Brunner war Adolf Eichmanns engster Mitarbeiter und hat mehr als 100.000 Juden auf dem Gewissen.

NS-Verbrecher

Strafvereitlung durch den Mauerfall

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Eigentlich sollte er ausgeliefert werden - doch dann kam der Mauerfall: Wie der NS-Verbrecher Alois Brunner durch den Untergang der DDR um den Prozess kam.

Der Mann aus Frankreich hatte eine verwegene Idee: Wie wäre es, wenn man den Nazi-Kriegsverbrecher Alois Brunner aus Syrien mit dem Flugzeug in die DDR bringen würde? Die Stasi-Offiziere, denen er diese Idee am 16. Dezember 1985 im Hotel Berlin vortrug, sind verblüfft. Aber noch am gleichen Tag leiteten sie sie an ihren Minister Erich Mielke weiter. Der zögerte zwar, wies dann aber an: Wenn Brunner in Schönefeld landen sollte, sei er festzunehmen und vor Gericht zu stellen.

In bislang unbekannten Unterlagen des früheren DDR-Staatssicherheitsdienstes ist diese tollkühne, aber nie realisierte Idee dokumentiert. Die rund 150 Seiten umfassende Akte birgt aber noch eine weitere Überraschung: Offenbar war Syrien 1989 bereit, den Kriegsverbrecher in die befreundete DDR abzuschieben, wo ihm der Prozess gemacht werden sollte. Doch Brunner kam noch einmal davon – der Zusammenbruch des Ostblocks im Herbst 1989 bereitete dem schon weit gediehenen Vorhaben ein jähes Ende.

Die DDR hatte sich bis weit in die achtziger Jahre hinein gesperrt, sich mit dem Fall des Massenmörders Brunner zu befassen. Vermutlich aus Rücksicht auf das befreundete Assad-Regime in Syrien. Auf jeden Fall war dem DDR-Geheimdienst seit den sechziger Jahren bekannt, dass sich Brunner in Damaskus versteckt hielt. Dort betreibe er unter dem Namen Dr. Georg Fischer die Handelsfirma „Kather Office“ und erhalte regelmäßig Besuch von seiner Tochter aus Österreich, heißt es auf einer Stasi-Karteikarte. Später erfuhr der Dienst vom KGB noch, dass Brunner alias Fischer Kontakte zum syrischen Geheimdienst unterhielt, mit dem auch die Stasi kooperierte.

Während der seine antifaschistischen Grundsätze hochhaltende SED-Staat in anderen Ermittlungsverfahren und Strafprozessen gegen NS-Kriegsverbrecher bereitwillig Beweismittel auch an westliche Staaten aushändigte, blieb man im Fall Brunner lange untätig. Dabei gehörte der frühere SS-Hauptsturmführer als engster Mitarbeiter Adolf Eichmanns zu den Hauptorganisatoren des Holocaust. Während des Zweiten Weltkriegs verantwortete Brunner die Deportation von insgesamt rund 128?500?Juden aus Österreich, Frankreich, Griechenland, der Slowakei und anderen von Deutschland besetzten Ländern in die Konzentrations- und Vernichtungslager der Nazis.

Dann aber landete an jenem Dezembertag 1985 der Besucher aus Frankreich in Berlin. Der Mann heißt Serge Klarsfeld – eine Berühmtheit auch in der DDR. Klarsfeld, französischer Jude und Rechtsanwalt und seine deutsche Frau Beate wurden dort als unerschrockene Nazi-Jäger geschätzt. Ihr größter Erfolg war die Enttarnung des früheren Lyoner Gestapo-Chefs Klaus Barbie, bekannt als „Schlächter von Lyon“, den das Ehepaar Anfang der 70er Jahre in Bolivien aufspürte. 1983 wurde Barbie nach Frankreich ausgeliefert und 1987 zu lebenslanger Haft verurteilt.

Die DDR hat die Tätersuche der Klarsfelds seit den sechziger Jahren unterstützt, vor allem mit Unterlagen aus dem NS-Archiv in Ostberlin. Klarsfeld, den die Stasi-Auslandsspionageeinheit Hauptverwaltung A (HVA) als Kontaktperson KP „Advocat“ führte, will bei seinem Besuch im Dezember 1985 aber nicht nur Akten abstauben. Er möchte seine Gesprächspartner auch für den Plan gewinnen, Brunner aus Damaskus in die DDR zu holen und vor Gericht zu stellen. Serge Klarsfeld hat ein persönliches Interesse daran. Als Kind war er in einem Versteck in Nizza knapp einer von Brunner organisierten Razzia entkommen. Sein Vater aber wurde deportiert und in Auschwitz ermordet.

Strittig ist, ob Serge Klarsfeld in dem Gespräch mit der Stasi von einer Entführung Brunners sprach. So weit hergeholt wäre das jedoch nicht: Das Ehepaar hatte schon im Fall von Barbie über ein Kidnapping nachgedacht, den Plan aber fallengelassen. 1971 wollten die beiden zudem den damals noch unbehelligt in Köln lebenden SS-Kriegsverbrecher Kurt Lischka entführen und nach Frankreich bringen, wo ihm – anders als in der BRD – der Prozess wegen seiner Beteiligung am Holocaust gemacht worden wäre. Aber die Aktion misslang.

Im Fall von Brunner schließt Beate Klarsfeld heute aus, dass ihr Mann beim Treffen mit den Stasi-Leuten in Ostberlin von Kidnapping gesprochen habe. „Wie hätten wir Brunner entführen sollen? Wir wurden in Syrien ständig überwacht“, sagte sie kürzlich in einem Interview mit dem österreichischen Magazin Profil. Man habe der DDR vielmehr vorgeschlagen, dass deren Leute sich um die Sache kümmern sollen.

In einem Stasi-Papier über das Treffen im Hotel Berlin liest sich das hingegen anders. Dort heißt es, dass „Serge und Beate Klarsfeld vorhaben, den … Nazikriegsverbrecher Brunner aus seinem bisherigen Aufenthaltsland Syrien zu entführen … (und) nach Berlin-Schönefeld zu bringen“.

Ob nun Entführung oder nicht – im Januar 1988 besuchte SED-Staatschef Erich Honecker Paris und traf bei einem Staatsempfang im Élysée-Palast nicht nur Präsident François Mitterrand sondern auch das Ehepaar Klarsfeld. „Ich ging auf Herrn Honecker zu, er wusste natürlich schon wer ich war“, erinnert sich Beate Klarsfeld später. „Ich sagte dann: Herr Honecker, ich war mehrere Male bei Ihnen in der DDR, der Fall Alois Brunner muss gelöst werden.“

Das kurze Gespräch zeigte Wirkung. Schon wenige Tage später, am 21. Januar 1988, wurde Beate Klarsfeld im DDR-Außenministerium empfangen. Sie übergab eine Dokumentation mit Unterlagen zu Brunner und bat die DDR, einen Auslieferungsantrag an Syrien zu stellen. „Sie ging davon aus, dass die DDR aufgrund ihrer Beziehungen zu Syrien erreichen könnte, dass Brunner möglicherweise auch ohne international übliches Auslieferungsersuchen den DDR-Organen übergeben wird, (um) ihn strafrechtlich zur Verantwortung zu ziehen“, heißt es in einem Aktenvermerk über das Gespräch.

Aber die Stasi, die in den Vorgang mit einbezogen wurde, spielte auf Zeit. Offenbar wollte man über eigene Kontakte in Damaskus die Möglichkeiten einer geräuscharmen Lösung ausloten, bei der die Freunde vom syrischen Geheimdienst ihr Gesicht wahren konnten.

Eine solche Lösung hätte zum Beispiel sein können, Brunner, der ohnehin keinen deutschen Pass mehr besaß, in die DDR abzuschieben. Im Spätsommer 1988 verdichteten sich die Anzeichen, dass dies für Damaskus akzeptabel sein könnte. So verständigten sich im September 1988 hochrangige Vertreter der DDR-Generalstaatsanwaltschaft und des Stasi-Untersuchungsorgans auf einem Treffen über die nötigen Schritte für eine Anklageerhebung gegen den NS-Verbrecher. „Es wird davon ausgegangen, dass Brunner, Alois, möglicherweise von der SAR in die DDR abgeschoben wird“, heißt es in einem Aktenvermerk dazu. „Als Grundsatzentscheidung wurde bereits festgelegt, dass gegen Brunner im Falle des Aufenthalts auf dem Gebiet der DDR ein Ermittlungsverfahren eingeleitet und Haftbefehl beantragt wird.“ Weitere Unterlagen für eine Anklage sollten beschafft und Rechtshilfeersuchen an Österreich, Frankreich, Griechenland und die Bundesrepublik vorbereitet werden. An der stillen Diplomatie, mit der der Fall Brunner endlich gelöst werden sollte, ist neben der DDR auch Frankreich beteiligt. Stasi-Berichte über Gespräche in der Pariser DDR-Botschaft legen nahe, dass Serge Klarsfeld, ein Freund des damaligen französischen Außenministers Roland Dumas, dabei als Mittler zwischen Paris und Ostberlin agierte.

So informierte er ausweislich der Akten am 9. Januar 1989 die ostdeutschen Diplomaten von der Entscheidung Frankreichs, „Syrien offiziell wissen zu lassen, dass die französische Seite nicht auf eine Auslieferung des B. nach Frankreich bestehe, sondern vorschlage, eine Ausweisung des B. aus Syrien mit einem Direktflug nach Berlin zu realisieren“. Eine solche Ausweisung würde eine Verurteilung Brunners in der DDR ermöglichen. „Dieses Verfahren wäre für Syrien ein akzeptabler Weg, da ohne offizielle Auslieferungsprozedur eine nicht erwünschte öffentliche Publizität des bisherigen Aufenthaltes eines Naziverbrechers seit Kriegsende in Syrien vermieden würde und damit Enthüllungen über gewisse Verbindungen des B. in Syrien nicht zu befürchten seien“, wie es in dem Vermerk über das Treffen heißt. Im Übrigen sei eine Ausweisung administrativ wesentlich unkomplizierter durchführbar und bedürfe nicht der Zustimmung des syrischen Präsidenten.

Mitte April 1989 waren die Verhandlungen mit Damaskus über eine Abschiebung Brunners so weit gediehen, dass man auf DDR-Seite SED-Chef Erich Honecker über die Vorgänge um Alois Brunner informierte. „Genosse Erich Honecker hat festgelegt, dass der Generalstaatsanwalt der DDR die erforderlichen Maßnahmen zur Vorbereitung der Strafverfolgung Brunners für den Fall seines Eintreffens in der DDR einleitet“, notierte DDR-Außenminister Oskar Fischer in einem kurzen Vermerk für die Stasi.

Es ist der letzte Vermerk in der Brunner-Akte. Ein halbes Jahr später wurde der SED-Staat von seinen Bürgern hinweggefegt. Für Damaskus aber verschwanden mit DDR und Stasi auch verlässliche Partner, die das Geheimnis über die Kooperation des syrischen Nachrichtendienstes mit dem Judenmörder Brunner gewahrt hätten. Die Bundesrepublik, die lange Zeit ihre schützende Hand über den Nazi gehalten hatte, zeigte nach der Vereinigung kein Interesse daran, anstelle der untergegangenen DDR eine Auslieferung Brunners zu forcieren. Gerüchten zufolge starb Brunner Mitte der neunziger Jahre in Syrien.

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