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„Angesichts dieses realen Stöberversagens erprobten kommerzielle Anbieter im Netz unbeholfene Gegenmaßnahmen. “

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Stöbern im Netz

  • Kathrin Passig
    vonKathrin Passig
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Wo lässt sich besser ziellos nach Anregungen und Ideen herumsuchen als im Internet? Das war vor 20 Jahren anders.

Mein Kollege und Co-Autor Holm Friebe veröffentlichte 2002 einen Text in der „taz“, in dem wir gemeinsam über das Stöbern nachdachten. Es ist ein sehr schöner Text, er handelt von kleinen Tieren, raschelnden Laubhaufen und griechischen Tragödienchören, die „Kalt, kalt, kalt!“ rufen, wenn man am falschen Ort stöbert. Leider dokumentiert er auch eine Meinung, die ich am liebsten niemals gehabt – oder wenn, dann jedenfalls nicht in einer Zeitung geäußert hätte: „Sehr ungeeignet fürs Stöbern dagegen: das Internet. ‚Im Internet stöbern ist wie es sich unter einer Baustahlarmierung gemütlich machen‘, findet Frau P. und hat damit aber auch mal wieder so was von recht.“

Beim Wiederlesen denke ich: „Was mag die seltsame Person von 2002 meinen? Wo ließe sich schöner stöbern als im Netz?“ An allgemeiner Netzskepsis kann es nicht gelegen haben, ich nutzte es zu diesem Zeitpunkt seit acht Jahren intensiv und fand alles daran gut. Als ich mit dem Schreiben der heutigen Kolumne begann, plante ich, meinen damaligen Irrtum folgendermaßen zu erklären: Um diese Zeit war es eine beliebte und häufige Behauptung, dass es sich im Netz nicht gut stöbern lasse. In die Welt gesetzt wurde sie von missgünstigen Bibliothekarinnen und dem Einzelhandel, weil man gerade zu ahnen begann, dass aus dieser Internetsache eine gewisse Konkurrenz erwachsen könnte. Bis um die Jahrtausendwende beschrieb man im Bibliothekswesen das Stöbern vor allem im Sinne von „Aufstöbern“ einer ganz bestimmten gesuchten Information. Erst mit dem Auftauchen der Netzkonkurrenz wurde ungezieltes Stöbern zu etwas Erstrebenswertem, das im Netz fehle und nur in der guten alten physischen Welt zu finden sei. Holm Friebe und ich hatten uns mitreißen lassen vom Trendthema Stöberbesorgnis.

Bei näherer Betrachtung stellt sich allerdings heraus, dass es den größten Teil der Wege, auf denen ich heute zufällig zu Unterhaltsamem und Nützlichem finde, 2002 noch gar nicht gab. Wikipedia war zum Erscheinungszeitpunkt des „taz“- Textes etwas älter als ein Jahr. Noch war es keine alltägliche Erfahrung, dort nach dem Eintrag über Granit zu suchen und eine halbe Stunde später alles über die Bristol-Stuhlformen-Skala zu wissen. Nachrichtenaggregatoren wie Digg oder Reddit waren noch nicht erfunden, man konnte also auch keine unendlichen Listen der von Nutzerinnen und Nutzern minütlich neu zusammengetragenen Links zu interessanten Fundsachen betrachten. Es gab weder Facebook noch Twitter, auch kein Flickr (ein Instagram-Vorläufer) und kein Youtube. Vermutlich war das Stöbern im Netz also wirklich unbequemer als beispielsweise in einer Buchhandlung.

Angesichts dieses realen Stöberversagens erprobten kommerzielle Anbieter im Netz unbeholfene Gegenmaßnahmen. In Holm Friebes Text heißt es weiter: „Vielleicht sollte das mal jemand den Internetanbietern stecken, die neuerdings eine ‚Stöbern‘-Funktion eingerichtet haben. Das, was man auf ihren aseptischen Websites tun kann, hat aber auch nicht das Geringste mit Stöbern zu tun.“ Hatte es wirklich nicht – der Versuch, den gewohnten Stöbervorgang im Netz nachzubauen, war zum Scheitern verurteilt. Die Stöberdefizite des Netzes sind nicht dadurch behoben worden, dass Anbieter den Aufenthalt vor einem Bücherregal, das Betrachten der Buchrücken, das ziellose Herumblättern so originalgetreu wie möglich nachbauten. Stattdessen haben sich die produktiven Zufallsfunde an andere Orte verlagert, und wir haben andere Strategien und Gewohnheiten entwickelt, um sie herbeizuführen.

An dieser Stelle berührt die Stöberfrage das Thema der Kolumne von vergangener Woche. Es ging darin um Zufallsbegegnungen auf Konferenzen und um die Frage, wie sich dieses Element nachbauen lässt, wenn die gesamte Tagung ins Netz wandert. Derzeit probiert man verschiedene Strategien durch. Häufig werden die Teilnehmenden gemeinsam in „Breakout Rooms“ gesteckt, in denen sie sich zwanglos unterhalten sollen. Das funktioniert mal besser und mal schlechter.

Aus der Geschichte des Stöberns kann man lernen, dass die Lösung ziemlich sicher nicht in einem Nachbau der Kaffeemaschinensituation liegen wird. Wenn ich in zehn oder 20 Jahren auf die heutige Kolumne zurückblicke, werde ich vielleicht sagen: „Was wollten die Leute denn, es gab doch schon alles? Twitter funktionierte exakt wie die Kaffeemaschine einer Tagung, und zwar schon lange, bevor Tagungen ins Netz wanderten wegen …“ Dann sehe ich in der Wikipedia nach, welcher Erreger noch gleich für die Pandemie von 2020 verantwortlich war und komme vier Stunden später im Beitrag über das Täuferreich von Münster wieder zu mir. Oder ich stelle fest, dass man sich zu Recht über mangelhafte Zufallsbegegnungen auf Tagungen beklagte: „Es gab ja wirklich noch nichts, damals, 2020!“

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