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Stimme des Karibikkapitalismus

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Von: Arno Widmann

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Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht über Marx.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht über Marx. © dpa

Bundespräsident Steinmeier lädt zu einer Runde über Karl Marx, der aber nicht die interessanteste Figur der Veranstaltung ist.

Offensichtlich habe ich den Tiefpunkt meiner journalistischen Laufbahn erreicht. Ich sage aus vollem Herzen: Lesen Sie Frank-Walter Steinmeiers Rede „200 Jahre Karl Marx – Geschichte und Aktualität“. Er hielt sie am Donnerstag im Schloss Bellevue. Sie können sie im Internet auf der Seite Bundespräsident.de lesen. Es ist eine knappe, klare Skizze zum Thema. Der Bundespräsident erklärt z.B.: „Bleibt die Frage: Wie weit ist er, der Weg von der Wortgewalt zur tätlichen Gewalt, vom glühenden Gedanken zum fanatischen Handeln? Die Arbeit an dieser Frage – wie an der gesamten Marxschen Wirkungsgeschichte – bleibt notwendig.“

Die Rede des Bundespräsidenten diente als Einführung in ein vom Marx-Biographen Jürgen Neffe moderiertes Gespräch zwischen der Wirtschaftswissenschaftlerin Karen Horn, dem Schriftsteller Ingo Schulze und dem Wissenschaftsautor und Fernsehmoderator Ranga Yogeshwar. Außerdem las der Schauspieler und Synchronsprecher Marcus Off Texte von Karl Marx. Also über „Opium des Volkes“ und „Mucken der Ware“. Off saß hier aber noch, darauf wies Neffe hin, als ein Kämpfer, der mit Hilfe des Paragrafen 32a des deutschen Urhebergesetzes den Disney-Konzern besiegt hatte. Off hatte auf Aufstockung seines Honorars geklagt, nachdem die ersten Folgen von „Fluch der Karibik“ auch in Deutschland Blockbuster geworden waren.

Disney war nicht bereit gewesen, Marcus Off, die deutsche Stimme von Johnny Depp, am Gewinn zu beteiligen. Off klagte durch alle Instanzen. Fast zehn Jahre Kampf. Am Ende siegte Off. Statt 9000 Euro musste ihm Disney 90 000 zahlen.

Der Rechtsstaat, der über Kapitalinteressen siegt. Keine vulgär-marxistische Lehrstunde, aber doch eine Erinnerung daran, dass man sich für sein Recht sehr energisch einsetzen muss, wenn man nicht hinnehmen möchte, dass es einem genommen wird. Gegen so viel aktuelle Wirklichkeit hatten die Damen und Herren auf dem Podium es schwer. Zumal es zu keiner Diskussion kam. Der Moderator stellte Fragen, und das Podium beantwortete sie hübsch einer nach dem anderen. Schade. Neffe liebte es, gleich mehrere, kluge, sehr umfassende Fragen zu stellen. „Wenn ich die jetzt alle beantworte, bleibt den anderen keine Minute mehr, auch etwas zu sagen“, grinste einmal Ingo Schulze. Ein andermal riss er seine Augen weit auf und meinte: „Ich habe nicht richtig zugehört. Ich war immer noch bei Karl Marx, der mit der Stimme von Captain Jack Sparrow sprach.“ Dafür gab es jede Menge Lacher und sogar einen kleinen Applaus.

Marx lesen? Aber natürlich, meinten alle in der Runde. Neffe fand Marx’ Fragen interessant, Schulze interessierte die Bedeutung des Finanzkapitals. Ranga Yogeshwar empfahl die Marx-Lektüre, um von einem früheren Systemumbau her einen Blick auf den heutigen werfen zu können.

So richtig scharf war man nach der Veranstaltung nicht auf Marx, sondern auf den Anwalt von Marcus Off.

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