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Stiftszelt und Tempel

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Verweigerte Identitätsstiftung durch Architektur: Moshe Safdies soeben in Yad Vashem eingeweihtes Holocaust-Museum.
Verweigerte Identitätsstiftung durch Architektur: Moshe Safdies soeben in Yad Vashem eingeweihtes Holocaust-Museum. © dpa

Eine Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin stellt die Frage nach identitätsstifenden Gebäuden des Judentums

Von MARCUS WOELLER

Peter Eisenman, New Yorker Architekt des Berliner Mahnmals für die ermordeten Juden Europas, hat sich vor einigen Wochen in einem Gespräch beklagt, dass er ständig zu "jüdischer" Architektur und ihrer Identität befragt werde. Er sei wohl auch Jude, aber doch in erster Linie Architekt, Dekonstruktivist eigentlich. Ihm ginge es beim Bauen darum, den Menschen eine körperliche Erfahrung zu geben und Architektur Präsenz zu verleihen. Eine Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin stellt nun die suggestive Frage nach jüdischer Identität in der zeitgenössischen Architektur.

Zwei Archetypen

Sucht man nach den identitätsstiftenden Gebäuden des Judentums, findet man zwei gegensätzliche Archetypen. Einerseits das Stiftszelt, Symbol für die Wanderschaft des jüdischen Volks in die Diaspora, und andererseits den Tempel, massive Bastion der Dauerhaftigkeit des Glaubens. Tempel und Tabernakel waren die rituellen Gehäuse für den Thoraschrein und das Lesepult zur Auslegung der Textstellen. Das Architektenteam Wandel Hoefer Lorch + Hirsch aus Saarbrücken und Frankfurt konzentriert sich im Neubau der Dresdner Synagoge auf diese beiden architektonischen Urformen.

Das Gebäude auf dem Areal der 1938 von den Nationalsozialisten in Brand gesetzten und später abgetragenen Synagoge von Gottfried Semper besteht aus zwei kubischen Baukörpern und einem eingeschlossenen Hof. Der monolithische Block der Synagoge verdreht seinen quadratischen Grundriss bis zum Dachabschluss in 24 Metern Höhe, um die innere Stirnwand mit dem Schrein nach Jerusalem ausrichten zu können. Gleichzeitig verleiht die Windung der kargen Formsteinfassade eine dynamische Flächenspannung. Verweist das Äußere so auf den idealisierten Tempel, zitiert der Innenraum das archaische Zelt. Ein textiles Geflecht aus Messingdraht überformt den Andachtsraum mit einem Baldachin. Die minimalistische Ausführung der Synagoge formuliert in Dresden nicht zuletzt eine in die Zukunft weisende moderne Architektur inmitten des ansonsten rekonstruktionsvernarrten Zentrums der Stadt.

Für das geplante Münchner Jüdische Zentrum am Jakobsplatz wollen dieselben Architekten allerdings zu viel. Hier zeigt sich, dass Identität nicht zwangsläufig durch die Verwendung einschlägiger Symbole erbaut werden kann. Ähnliches Metalltextil verhüllt jetzt eine Gerüstkonstruktion, die auf dem Davidstern basiert. Der geschlossene Block des Ausstellungsgebäudes soll eine transparente, mit großformatigen hebräischen Zitaten beschriftete Sockelzone erhalten. Ornament wird so zum Klischee, Identität zum Kitsch.

Mario Botta dagegen verzichtet in seinem ersten Einsatz für einen israelischen Bauherren gänzlich auf jüdische Symbolik und erschafft in der Cymbalista-Synagoge für den Universitätscampus in Tel Aviv einen würdevollen Sakralbau, der seine suggestive Wirkung vollkommen aus der Energie der Form entwickelt. Dem Schweizer Architekten gelingt mit dem Kulturzentrum aus rotem Dolomitenstein gleich doppelt die Quadratur des Kreises. Aus dem rechteckigen Sockelgeschoss wachsen zwei quadratische Türme, deren Wände sich zu breiten Zylindern wölben. In den kreisförmigen Abschluss ist im Inneren eine wiederum viereckige Kassettendecke eingesetzt, durch die Segmente fällt Tageslicht in die beiden Räume - Versammlungssaal im Westturm und Synagoge im Ostturm.

Der israelisch-kanadische Architekt Moshe Safdie hat bereits einige Erfahrungen im Bauen für jüdische Institutionen. Soeben hat er die nationale Gedenkstätte Yad Vashem mit dem Bau eines Holocaust-Museums erweitert. Überzeugt davon, sich mit konventionellen Museumsbauten der Geschichte der Schoa nicht nähern zu können, hat er einen 175 Meter langen dreieckigen Tunnel durch den Berg des Gedenkens Har Hasikaron geschlagen. Die Besucher dieses prismatischen Ganges bewegen sich bergauf dem Licht entgegen. Am Ende des Tunnels kragt ein Podest über die nach unten steil abfallende Landschaft (FR v. 15. März).

Auch Daniel Libeskind und Zvi Hecker stehen für eine in komplexen Codes sprechende Architektur. Brüche, Leerstellen und Verwerfungen zersplittern ihre Bauwerke. Beispielhaft werden Heckers Gemeindezentrum in Duisburg und die Heinz-Galinski-Schule in Berlin sowie Libeskinds für San Francisco geplantes Jewish Museum und sein Berliner Bau vorgestellt, in dem die Ausstellung gastiert. Dass man jüdischer Funktionsarchitektur auch eine subtilere und leisere Sprache verleihen kann und damit elegante Ergebnisse erzielt, zeigen die beiden Schulgebäude von Adolf Krischanitz für Wien. Geradezu gelassen liegt der weiß kalksteinerne Gebäuderiegel der Lauder-Chabad-Schule neben einem alten Flakturm aus dem 2. Weltkrieg und scheint so auf die tolerante Wiener Zwischenkriegsarchitektur zu verweisen, die stark von jüdischen Architekten und Auftraggebern geprägt war. Mit den klaren Formen der Neue-Welt-Schule im Prater - Sichtbeton, schwarzgrauer Fassadenputz, Staffelung der Baukörper - votieren Architekt und die auftraggebende Lauder-Stiftung für eine selbstbewusste Architektur, die gleichwohl auf überladene Symbolik verzichtet.

Antworten geben die Ausstellungsobjekte bedauerlicherweise nur bedingt auf die von den Ausstellungsmachern, Edward van Voolen und Angeli Sachs, gestellte Frage. Zu wenig vergleichbar sind die 17 Museums-, Schul- und Sakralbauten.

Sehenswert ist die Schau dennoch, schon wegen der klaren Präsentation und Gestaltung durch die Ausstellungsarchitektur von Mark Rosinski. Mehrfach geklappte Stellwände kombinieren großformatige Fotografien und Textbeiträge mit eingeschobenen Modellen. Ein Gang durch die Ausstellung macht deutlich: Identität kristallisiert sich aus dem Formprogramm von Strukturen und Funktionen heraus. Architektur, die lediglich illustrieren soll, kann da schwerlich überzeugen.

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