Kulturerbe

In Stichwortgewittern

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Ein Symposium zum Museumsmacher Martin Roth umkreist die heikle Aufgabe, über den kontaminierten Begriff Kulturerbe zu diskutieren.

Gut ein Jahr ist es her, dass der Museumsmacher Martin Roth, schon schwer von Krankheit gezeichnet, einem kulturpolitischen Kongress in Berlin seine Aufwartung machte. Er parlierte, knüpfte Kontakte, hörte zu. Als designierter Präsident des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) hatte er sich einiges vorgenommen, aber er kam nicht mehr dazu. Martin Roth erlag im August 2017 im Alter von 62 Jahren seiner Krebserkrankung, und es ist mehr als eine nachträglich erwiesene Reverenz, dass das ifa nun dazu eingeladen hatte, in Roths Namen nach den Möglichkeiten einer Pflege nationalen Kulturerbes zu fragen, ohne dabei nationalistischen Deutungsmustern zu erliegen.

Welche Konflikte dieser Versuch mit sich bringen konnte, hat Roth, der frühere Generaldirektor der Kunstsammlungen Dresden, wiederholt erlebt. Seine letzte Arbeit als Kurator war die Präsentation des Länderpavillons von Aserbaidschan auf der Kunstbiennale in Venedig 2017. Damals wurde er von einer kritischen Öffentlichkeit angefeindet, die ihm vorhielt, sich in den Dienst einer Diktatur gestellt zu haben. Im Interview in der FR hielt Roth dagegen, er habe lediglich die Zusammenarbeit mit Kollegen fortgesetzt, die er gut 20 Jahre zuvor in Dresden begonnen habe. Kooperation und Kontinuität schienen ihm wichtiger als die Einhaltung von Regeln der politischen Korrektheit.

Auf dem Symposium im Kraftwerk in der Köpenicker Straße wurde der Brückenbauer und Ermöglicher Martin Roth nun in beinahe jedem Beitrag beschworen, was ebenso forciert wirkte wie die ungebrochene Intonation des Hohelieds der Kultur (dem Roth eher skeptisch gegenüberstand). „What can culture do?“ lautete die einfache, aber auch tückische Frage des Symposiums, das an diesem Wochenende in erstaunlicher Konkurrenz zu ähnlich ausgerichteten Berliner Veranstaltungen stand: In der Akademie der Künste fand eine Tagung über „Koloniales Erbe“ statt, und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz bot in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen rund 60 Veranstaltungen unter dem Dach des „European Cultural Heritage Summit“ auf. Wir befinden uns im europaweit ausgerufenen Kulturerbejahr, aber so viel Eifer bei der Sorge um die kulturellen Ressourcen weckt den Verdacht, dass die Erbschaftspflege erst reflektiert wird, seit immer mehr Objekte in staatlichen Museen als Raubkunst und Gegenstände aus kolonialem Kontext identifiziert werden.

Der Begriff des Kulturerbes selbst ist kontaminiert, und so war man auf dem Martin-Roth-Symposium bemüht, sich aus der einengenden Vorstellung zu lösen, bloßer Kulturbesitz stelle schon einen Wert dar. Am überzeugendsten gelang dies Koyo Kouoh, der Gründerin des senegalesischen Raw Material Company, der es in ihren Ausführungen um eine Überwindung von Objektfixierung ging. Sie stellte sich selbst als afrikanische denkende Frau vor und inspirierte ihre Zuhörer durch eine Idee von der Erweiterung herkömmlicher Museumsaufgaben, die zu stark auf Materialität ausgerichtet seien. Kouoh möchte Einbildungskraft und Tastsinn einbezogen sehen, Museum ist für sie vor allem ein sozialer Raum, in dem die künstlerische Dynamik hinter den Dingen hervorzubringen sei.

Kouoh sprach langsam und in beinahe poetischer Diktion, als wolle sie dem Gedanken die Zeit zur Entfaltung gönnen. Natürlich sei ihr nicht verborgen geblieben, dass die digitalen Medien dabei seien, die sozialen Erfahrungen zu fragmentieren. Aber in Museen eingesetzt, eröffneten sie auch Spielräume zwischen Menschen und Institutionen.

Tagungen wie diese inszenieren sich immer auch als Stichwortgewitter, und Sunil Khilnani, der aus Indien stammende Direktor des India Institutes am King’s College in London, schien der allzu häufig zitierten Begabung Martin Roths als Mittler und Brückenbauer zu misstrauen. Er versuchte, dagegen die konstruktiven Kräfte des Konflikts zu mobilisieren. Kultur ist für ihn keine wohlfeile Reparaturwerkstatt des Politischen, sondern Austragungsort notwendiger Reibung.

Ähnlich hatte es zuvor bereits Paolo Baratta formuliert. Der Präsident der Biennale von Venedig verwies auf das zersetzende Gift einer Idee von kultureller Identität, das in den erstarkenden anti-aufklärerischen politischen Bewegungen wirksam sei. Die Frage nach dem kulturellen Erbe steht längst auch im Zentrum aktueller politischer Kämpfe um Deutungshoheit.

Einen erhellenden Blick zurück auf die Gründungsphase der Kulturwissenschaften unterbreitete Sigrid Weigel, die bis 2015 Direktorin des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung Berlin war. Weigel nahm das Motto zur Überwindung nationalistischer Verengungen wörtlich und betrachtete das unkonventionelle Großwerk des Kulturwissenschaftlers Aby Warburg (1866-1929) als Ergebnis von dessen intellektueller Außenseiterrolle. Sein legendärer Bilderatlas „Mnemosyne“, in dem er darstellte, wie die antike Bildwelt das mittelalterliche Europa in eine neue Zeit führte, weist noch immer den Weg zu einer kulturellen Schwellenkunde, die über Grenzen hinaus muss, um das Eigene zu entdecken.

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