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Die US-Youtuberin Lilly Singh berichtet in ihrem Kanal IISuperwomanII über die lustigen kleinen Konflikte mit ihren indischstämmigen Eltern.

Uploadfilter

Steht das Ende von Youtube bevor?

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Eine neue EU-Richtlinie zum Schutz von Urheberrechten bringt die Online-Plattform in Bedrängnis. Einflussreiche Youtuber versuchen nun, die Nutzer zu mobilisieren und ihr Geschäftsmodell zu retten.

YOUTUBE STIRBT – kein Scheiß – OMG WIR SIND ALLE DES TODES #SAFEYOUR-INTERNET“. Unter reißerischen Titeln wie diesem verbreiten reichweitenstarke deutsche Youtuber seit kurzem Panik unter ihren Nutzern: Ab 2019 soll es das altgewohnte Youtube nicht mehr geben.

Auslöser ist ein offener Brief der Youtube-Geschäftsführerin Susan Wojcicki vom 22. Oktober, der sich an Youtuber in Europa richtete: In diesem warnt sie vor einer Richtlinie, an der die EU aktuell arbeitet. Ab 2019 sollen Plattformen haftbar gemacht werden, deren Nutzer urheberrechtlich geschütztes Material online stellen. Derzeit haften diejenigen, die urheberrechtlich geschütztes Material hochladen. Eine Lösung könnten umstrittene Uploadfilter sein, die Videos auf Urheberrechtsverletzungen überprüfen, bevor sie online erscheinen. Videos, die Urheberrechte verletzen, werden umgehend gelöscht. Die Filter sind umstritten, da bei ihrem Einsatz die Gefahr besteht, dass auch andere, unliebsame Inhalte vor Erscheinen gelöscht werden könnten – und Nutzer so zensiert werden könnten.

Wojcicki schreibt, dass die „Richtlinie des europäischen Parlaments und des Rates über das Urheberrecht im digitalen Binnenmarkt“ (und daraus insbesondere Artikel 13) Youtube dazu zwingen könnte, nur noch Inhalte von großen Unternehmen online zu stellen. Grund: Es sei unmöglich, diese Richtlinie bei der schieren Masse von neuem Videomaterial, das auf die Plattform hochgeladen wird, einzuhalten – es sind aktuell weltweit 400 Stunden pro Minute. Youtube fürchtet, dass eine teure Klagewelle auf das Unternehmen zurollen könnte. Laut Wojcicki sei aufgrund der Richtlinie die Lebensgrundlage von Youtubern, kleineren Unternehmen und Künstlern gefährdet. 

Deutsche Youtuber griffen den Brief umgehend auf: Das erfolgreichste Video zu diesem Thema aus dem Channel „Wissenswert“ hat mittlerweile 3,7 Millionen Klicks. Die Urheber rufen ihre Community auf, unter #save-yourinternet zu teilen, warum Youtube weiterbestehen soll. Außerdem haben sie unter ihrem Video die E-Mail-Adresse eines EU-Abgeordneten gepostet, den User ebenfalls anschreiben sollen, um zu erklären, warum Uploadfilter problematisch seien: Youtube habe zwar ein eigenes Programm entwickeln lassen, Content ID, doch das sei fehleranfällig; es erkenne zwar geschützte Inhalte, könne aber den Zusammenhang nicht einschätzen. Ein Video aus einer Bar, im Hintergrund läuft Musik – eigentlich in Ordnung; ein Filter könnte dieses Video aber löschen. Kritiker befürchten, dass mit diesen Filtern viele Videos der Zensur zum Opfer fallen könnten.

Es sind noch einige Fragen offen um Artikel 13 der „Richtlinie des europäischen Parlaments und des Rates über das Urheberrecht im digitalen Binnenmarkt“. Im Herbst sollen die letzten Gespräche stattfinden. Grund zur Sorge besteht, dennoch muss die Richtlinie auch noch in nationales Recht überführt werden.

„Youtube, Google, Facebook – ihnen wird auf die Dauer die Luft ausgehen“, prophezeit Thomas Hoeren, Direktor des Instituts für Informations-, Telekommunikations- und Medienrecht der Uni Münster. Die Reaktion der Youtube-Chefin sei eventuell überzogen gewesen, aber ja, im Kern habe sie recht: Die Neuregelung ist ein Problem für Youtube und andere Plattformen, die Nutzern erlauben, Inhalte online zu stellen. 

Er sieht das Ende von Youtube nicht 2019, aber mittel- bis langfristig womöglich schon. Europa sei auf dem Weg sich abzuschotten, immer neue Regelungen der EU erschwerten den großen Social-Media-Plattformen die Arbeit. Die Anforderungen, die die EU an sie stelle, könnten sie schlicht nicht einhalten – ob es nun um Artikel 13 oder das Löschen von Hate Speech ginge.

Dies sei der falsche Weg, findet Hoeren: Mitspielen sei geboten, sonst verliere der europäische Markt die Social-Media-Plattformen, die dann fortan ihre Dienste nur noch im Ausland anböten. Die bisherige E-Commerce-Richtlinie habe gut funktioniert, sagt Hoeren, denn wenn man Youtube meldete, dass urheberrechtlich geschütztes Material in einem Video verwendet wurde, löschte es der Anbieter anstandslos. 

Der Youtuber und Journalist Mirko Drotschmann, bekannt unter seinem Künstlernamen MrWissen2Go, meldet ebenfalls Zweifel an, dass es 2019 kein Youtube mehr geben wird. Der Grund: Die Plattform habe jahrelang Geld damit verdient, keine Lizenzgebühren für Urheberrechte zu bezahlen. Für Fernsehsender sei das hingegen normales Geschäft. Warum sollte Youtube nicht können, was die Sender können? Youtube müsse jetzt nur einen Deal finden, wie damals mit der Gema.

Hier widerspricht Jurist Hoeren und differenziert, dass bislang nur Anbieter, die eigene Inhalte produzieren und dafür urheberrechtlich geschütztes Material nutzen, Lizenzgebühren bezahlen mussten. Plattformen wie Youtube waren davon ausgeschlossen. Im Gema-Fall stimmte Youtube zwar einem Deal zu, hätte das aber keinesfalls gemusst. 

Youtube zwischen Reality-TV und Einordnungshilfe

Youtuber genießen eine hohe Glaubwürdigkeit bei ihren Konsumenten. Ein Drittel der 14 – bis 19-Jährigen bezieht Infos über politische Themen über Social Media, hat das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen erhoben. Davon weit mehr als die Hälfte allein bei Youtube. 

Der Zauber von Youtube liegt in der Themenvielfalt. Egal, was man sucht – dort findet man es: Erklärvideos, die die letzte Geschichtsstunde besser zusammenfassen als jeder Lehrer; Videos von Katzen, die sich vor Gurken erschrecken; Berichte der US-Youtuberin IISuperwomanII über die lustigen kleinen Konflikte mit ihren indischstämmigen Eltern. LeFloid, ein erfolgreicher deutscher Youtuber, kommentiert in seinem Kanal Nachrichten. 

Youtuber sind für ihre Nutzer also vor allem Reality TV und Einordnungshilfe für das Tagesgeschehen. Fraglich ist, wie verantwortlich sie mit ihrem Einfluss umgehen. Die Zwillingsbrüder „Die Lochis“ starteten ihren Channel 2011 mit 12 Jahren – mit 14 hatten sie bereits eine Million Abonnenten: Sie machen Musik, zunächst parodierten sie Charthits, mittlerweile veröffentlichen sie auch ihre eigenen Songs.

Wie problematisch dieser Einfluss werden kann, zeigte sich im Januar 2017 im Falle des schwedischen Youtubers Felix Kjellberg. Er ist bekannt unter dem Künstlernamen Pewdiepie. Sein Kanal hat bei Youtube über 70 Millionen Abonnenten und ist damit der erfolgreichste der Welt. In einem Spiel hatte er Menschen aufgefordert, bestimmte Herausforderungen anzunehmen: Als Ergebnis lieferten zwei junge Menschen ein Video, auf dem sie ein Schild hoch hielten mit dem Satz „Death to all Jews“. Kjellberg reagierte in einem Youtube-Video schockiert, hielt sich die Hand vor den Mund und sagte dann, er habe nicht gedacht, dass sie das durchziehen würden. Ein zweites Video – ebenfalls im Rahmen der Herausforderung von Kjellberg entstanden – zeigt einen als Jesus verkleideten Mann, der in die Kamera sagt: „Hitler did nothing wrong.“ Disney kündigte als Folge einen Werbevertrag mit Kjellberg.

Youtuber Drotschmann warnt, die Videoplattform spanne die Community der Youtuber als Lobbyisten ein, die wirkungsvoll Druck bei den Entscheidern machen können. „Man muss aufpassen, dass man nicht einem großen Konzern hilft, Geld zu sparen“, sagt er. Und Lizenzgebühren zu umgehen. 

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