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Stasi-Aufklärer im Musical

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Hier wächst wohl zusammen, was zusammengehört.
Hier wächst wohl zusammen, was zusammengehört. © Brinkhoff/Moegenburg

500.000 Zuschauer nach einem Jahr Spielzeit und eine Sondervorstellung mit Prominenten – das sollte selbst im schwierigen Januar zu gut besuchten Vorstellungen führen. Am Freitag begeht das Stück „Hinterm Horizont“ seinen ersten Geburtstag.

Von Birgit Walter

Das ist ein Grund zum Feiern. Denn das Unternehmen Stage Entertainment ging ein Wagnis ein damit, ein selbst produziertes Stück für täglich 1800 Menschen auf die Bühne zu stellen, dessen Gelingen nicht mal in den Sternen steht und mit dem es sich gegen die subventionierte Theater-Konkurrenz durchsetzen muss.

Für den Zuschauer ist es natürlich allemal interessanter, auch im Musical etwas zu sehen, das irgendwie mit dem eigenen Leben, der Stadt und der Zeit zu tun hat, statt ständig mehr oder minder gelungene amerikanische Importe vorgesetzt zu bekommen, wie noch in den Neunzigerjahren. Insofern bleibt die Ost-West-Romanze über Udo Lindenberg eine begrüßenswerte Ausnahme.

Udo kommt nur in Gedanken

Der Blick auf die Gästeliste zum Jubiläum indessen macht klar: „Hinterm Horizont“ entwickelt gerade ein flottes Eigenleben. Denn nicht Udo Lindenberg wird das Udo-Lindenberg-Musical zum Jubiläum beehren, der kommt „nur in Gedanken“, weil er in Amerika gerade seine neuen Panik-Attacken probt. Eingeladen sind vielmehr Marianne Birthler, Roland Jahn, Vera Lengsfeld und Hubertus Knabe, also die Stasi-Chefaufklärer oder -ankläger dieser Republik.

Was soll das denn? Muss man die Stage daran erinnern, dass „Hinterm Horizont“ nie ein Stasi-Aufklärungs-Stück war? Eher im Gegenteil.

Die Stasi erscheint hier als bescheuerte Gurkentruppe und ihr Chef Erich Mielke als Trottel mit schweren Wortfindungsstörungen. Das kann lustig sein: „Was kann dieser Lindenberg eigentlich? Nüscht. Und im Nüscht-können lassen wir uns nüscht vormachen.“ Aber es hat nichts mit der Stasi zu tun, genauso wenig wie die Szene, in der ein Stasimann einer informellen Mitarbeiterin plötzlich und unvermittelt die Stiefel in den Baby-Bauch tritt.

Man kann auch über Hitler lachen

Die Inszenierung pendelt robust zwischen Comedy und Grusel-Ernst, jeder kann sich aussuchen, wie er die Dinge sehen will, es gibt manche komische Stelle. Viele wissen, wie die DDR funktioniert hat; wer es nicht weiß, lernt es hier nicht.

Man kann auch über Hitler lachen. Die Abbildung der Realität ist nicht Aufgabe eines Musicals, aber dann soll gefälligst auch keiner so tun, als ob. Dann ist der Werbespruch, hier werde ein Stück Zeitgeschichte geboten, falsch. Und warum plötzlich dieses Aufgebot an Stasi-Aufklärern zum Jubiläum?

Der Pressesprecher Andreas Künne sagt, zur Premiere sei die bunte Truppe da gewesen, jetzt wolle man die Sache „etwas ernster“ angehen: „Wir wollten zuerst auch die Angehörigen von Opfern und Mauertoten einladen, aber das hat leider nicht geklappt. Wir sind auch jetzt sehr offen und gespannt auf die Diskussionen.“ Aber worüber?

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