+
Carol Prieur in einer Choreografie Marie Chouinards.

Tanzfestival Stuttgart

Starke Tänzerinnen eröffnen das Stuttgarter Festival Colours

  • schließen

Das Tanzfestival Colours in Stuttgart beginnt mit Meisterwerken großer zeitgenössischer Choreographen.

Eine Schar von bundesdeutschen Ballett- und Tanztheaterdirektoren stellte sich am Wochenende mitten in Stuttgart unter heißer Sonne auf eine Bühne, um eine Erklärung zu verlesen: „Gegen Diskriminierung, Fremdenhass und Machtmissbrauch sowie für Chancengleichheit und Geschlechtergerechtigkeit“. Denn es tagte, parallel zum Start des Colours International Dance Festivals, die Konferenz der Direktoren (BBTK), als die baden-württembergische AfD die Landtagsanfrage stellte, welchen Pass die Tänzer und Musiker an staatlichen Theatern, die Sänger in „Opernstudios“ haben. Es falle schwer, sagte daraufhin Marc-Oliver Hendriks, Geschäftsführender Intendant der Staatstheater, für diese Anfrage „ein edles Motiv zu unterstellen“. Ohne Ironie hätte er auch sagen können: Sie ist eine Perfidie. Versucht doch die AfD mit Sicherheit zu suggerieren, hier würden deutschen Künstlern Stellen weggenommen.

Der Tanz ist vermutlich die internationalste der Künste, eine Abkehr vom offenen, grenzüberschreitenden Austausch würde seine Entwicklung empfindlich treffen. Die Vielfalt des Festivals Colours, eine Initiative, ein Projekt des Tänzers und Choreografen Eric Gauthier, belegt, aus wie vielen Ecken der Welt großartige Impulse und Tanzschöpfer kommen.

Aus Gauthiers Heimat Kanada zum Beispiel Marie Chouinard. Eine Choreografin mit schräger Fantasie, hinterlistigem Witz, intrikater, gern auch koboldhafter Bewegungssprache. Früh setzte die 1955 in Québec Geborene auf kraftvolle, eigenwillige Tänzerinnen. In dem von ihr aus Momenten älterer Choreografien zusammengestellten „Radical Vitality, Solos and Duets“ spielen Tänzer fast immer die zweite Geige, selbst wenn sie von der Partnerin verzückt abgebusselt werden („Love Attack #2“).

Das erste Colours-Wochenende im Stuttgarter Theaterhaus war, auch dank des unglaublichen Duos „We Are Nowhere Else But Here“ des Amerikaners Stephen Shropshire, ein Fest für starke Tänzerinnen. Für Carol Prieur zum Beispiel in einigen der Kurzchoreografien Chouinards. In „Royal Bell“ aus „Orpheus and Eurydice“ steckt sie als sexy Odaliske ein goldenes Glöckchen ins Höschen und holt es dann wieder aus ihrem Mund. In „Last Part“, das mit 13 Minuten längste Stückchen des Abends, steppt und stampft sie, trägt den Kopf oben, stolz wie Carmen, ist auch mal einsam und wütend, transportiert jedenfalls eine Fülle an Ausdrucks- und Gefühlsnuancen. Im „Crying-Laughing Duet“ triumphiert sie mal, hat Sacha Quellette-Deguire im Schwitzkasten oder reitet auf ihm, dann bringt er sie zu Fall oder fasst ihr in den Mund. Wenn sie weint, lacht er. Wenn er weint, lacht sie. Keinen von beiden lässt Marie Chouinard zuletzt lachen. Und das Publikum lacht auch nicht; der rabiate Umgang der beiden Tänzer miteinander lässt einen eher die Luft anhalten.

Überhaupt haben die Choreografien der Kanadierin scharfe Kanten und beträchtliche Härten. In „Visages“ sitzt die Tänzerin Motrya Kozbur vor einer Kamera und zerrt an ihrer Gesichtshaut, dass die schrecklichsten Fratzen dabei herauskommen. Im „Finale“ kommt das Ensemble nackt auf die Bühne – bis auf Baby-Masken. Die erwachsenen Körper, die großäugigen, runden Babygesichter, das ist eine irgendwie unangenehme Mischung.

Für fast schon körperlich spürbare, heikle Momente sorgt auch der in der Niederlanden arbeitende Stephen Shropshire in seinem Duo mit den großartigen Aimee Lagrange und Jussi Nousiainen. Der Titel sagt genau, um was es geht: „Wir sind nirgendwo sonst als hier“. Ein Paar arbeitet sich aneinander und am Bewegungsmaterial ab, nichts verweist auf eine Geschichte außerhalb der Tanzfläche, nichts erklärt aber auch zum Beispiel, warum sie ihn dreimal von hinten nach vorne trägt, zuletzt mit geradezu verzweifelt wirkender Kraftanstrengung. Manches wird abgebrochen, als handele es sich um ein Training, anderes wird durchgezogen bis zur Erschöpfung. Shropshire verweigert jeden Kontext, folgt auch keiner Konvention, denn den anstrengenderen, im Wortsinn tragenden Part hat hier die Frau.

Der atemberaubenden Radikalität und Dichte folgte Bryan Arias’ einstündiges Stück „Watch“, konnte fast nur verlieren und tat dies dann gründlich. Wer sich mit Monstern abgibt wird selbst zu einem, hieß das Motto frei nach Nietzsche. Zwei Tänzerinnen, zwei Tänzer gaben Superman/Clark Kent, waren aber vor allem in Dunkelheit und Ratlosigkeit gefangen. Arias versuchte, ganz viel zu erzählen, aber eigentlich sah man nur vier fabelhafte Tänzer, die sich ziemlich sinnlos abstrampelten.

Das Tanz-Festival

Colours, Stuttgart: bis 14. Juli. www.coloursdancefestival.com

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion