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Ex-Handballer Stefan Kretzschmar spitzte zu: "Wir haben heute eigentlich keine Meinungsfreiheit mehr".

Stefan Kretzschmar

Der Stammtisch ist heute öffentlich

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Zur Debatte über Meinungsfreiheit, ausgelöst von Ex-Handball-Profi Stefan Kretzschmar.

Manchmal entzündet sich eine Debatte so überraschend, dass sich alle Beteiligten regelrecht davon überrollt fühlen – sogar derjenige, der sie ausgelöst und dabei nur versehentlich einen riesigen Gesprächsbedarf zutage gefördert hat. So geht es gerade dem Ex-Handball-Profi und derzeitigen WM-Botschafter Stefan Kretzschmar, 1973 in Leipzig geboren, der in einem Interview nur besprach, dass Profi-Sportler heute keine Ecken und Kanten mehr haben dürften, weil sie sonst schlechter vermarktbar seien. Die Sätze, mit denen er das ausführte, verstanden viele als Kritik an der gesamten deutschen Debattenkultur – und das traf einen Nerv.

Zwar komme in Deutschland niemand mehr für eine Meinungsäußerung in den Knast, befand Kretzschmar. Aber für Äußerungen, die vom politischen Mainstream abweichen – wenn man zum Beispiel etwas anderes sage als „Refugees welcome“ –, müsse man mit Ärger rechnen, bis hin zu Repressalien durch den Arbeitgeber. „Wir haben heute eigentlich keine Meinungsfreiheit mehr“, spitzte er zu.

Damit schoss Kretzschmar natürlich weit übers Ziel hinaus, denn kein vernünftiger Mensch würde die Unterdrückung missliebiger Meinungen in früheren oder heutigen Diktaturen mit der heutigen Lage gleichsetzen.

In Medien, Politik und vor Gericht ist die Meinungsfreiheit nicht nur geschützt, sondern regelrecht heilig. Auch scharfe und gehäufte Widerworte zur eigenen Meinung kann niemand als Zensur hinstellen, und sogar wenn Sponsoren sich von einem Profisportler oder die Bundesbank sich, wie 2010, von Thilo Sarrazin trennt, weil man verschiedene Ansichten vertritt, muss man auch Unternehmen eigene Werte zugestehen. Gerade Bestseller-Autoren wie Sarrazin können aber nicht über mangelnde Verbreitung ihrer Ansichten klagen.

Und doch haben Kretzschmars Sätze zu aufgeregten Diskussionen geführt. Das ist kein Zufall.

Dahinter steckt die Zeitenwende, die sich durch Digitalisierung und Internet in unserem öffentlichen Diskurs vollzieht: Was als Anpassung der Informationen an eigene Interessen gepriesen wurde, hat sich zur Begrenzung der Nachrichtenversorgung auf den eigenen Horizont entwickelt. Durch die schier unendliche Medienvielfalt kann sich jeder seine Neuigkeiten und Analysen so zusammenstellen, dass sie ihn nur in der eigenen Meinung bestärken. Auch viele der schrumpfenden Print-Medien konzentrieren sich auf „spitze“, also weitgehend einheitliche Zielgruppen.

Dass das – überzogene – Gefühl, es gebe keinen freien Meinungsaustausch, im Osten besonders verbreitet ist, liegt dabei gerade daran, dass die Menschen dort seit 30 Jahren überregional kaum vorkamen. Und wenn, dann als Problemfall. Der Frust über das empfundene Stigma ist so groß, dass es viele Ostdeutsche zum Beispiel in Chemnitz nicht einmal mehr störte, wenn Neonazis im Demonstrationszug mitliefen. Immer wieder hört man, wer vor den West-Chefs allzu offen spreche, riskiere den Job und dass man die ständige Veröffentlichung von Regierungs- und Parteipositionen in den Massenmedien als Denk-Vorgabe empfinde.

Dem stehen die Online-Medien gegenüber, in denen sich jeder zu Wort melden kann und wo jeder Gleichgesinnte findet. Der Stammtisch ist heute öffentlich, wobei die schrillsten Stimmen am besten durchdringen. Kritik an anderen Meinungen dient nicht dem Austausch von Argumenten, sondern hat oft etwas Standrechtliches und zielt vor allem auf Applaus von der eigenen Seite.

So ist etwas entstanden, was der Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger und Vorstandschef des Springer-Verlages, Mathias Döpfner – hoffentlich auch mit kritischem Blick aufs eigene Haus – gerade zu Recht als zunehmend „intolerantes Meinungsklima“ kritisierte.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat den Deutschen deshalb in seiner Weihnachtsansprache für das Jahr 2019 auf den Weg gegeben, sie müssten „wieder lernen, zu streiten, ohne Schaum vorm Mund, und lernen, unsere Unterschiede auszuhalten“. Wenn damit gemeint ist, sich nicht nur die eigenen Standpunkte um die Ohren zu hauen, sondern auch andere Sichtweisen an sich herankommen zu lassen, kann das ein erster Schritt sein.

Zu einer offenen Debattenkultur gehören keine rassistischen Parolen. Wohl aber abweichende Stimmen, Zweifel und Skepsis, unsichere Positionen. Gerade weil Themen wie Flüchtlingspolitik und Ost-West-Debatte emotional besetzt sind, kocht die Aufregung dabei zu schnell hoch. Gerade weil Vereinfacher wie AfD & Co. die Sorgen der Bürger instrumentalisieren, die sich von den klassischen Medien zu recht oder zu unrecht ignoriert fühlen, muss auch Zweifeln und Ängsten Raum gegeben werden, ohne sie sofort als „irrational“ abzutun.

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