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Vietnam-Kongress des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes.

Stalinismus

Intelligenz schützt vor keiner Dummheit

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Über die Entstehung des Stalinismus ist viel geschrieben worden. Über seine paradoxe Wiedergeburt aus der antiautoritären Revolte der 60er Jahre wird weiter gerätselt.

Im September 1969 kam es in einer Reihe großer und kleiner Betriebe in der Bundesrepublik Deutschland zu sogenannten Wilden Streiks. Wild hießen sie, weil sie nicht gewerkschaftlich organisiert wurden. Wikipedia schreibt, es seien vom 2. bis zum 19. September insgesamt 140 000 Menschen an den Arbeitsniederlegungen beteiligt gewesen. Die Aktionen sollen insgesamt für mehr als acht Millionen Beschäftigte zu außertariflichen Lohnerhöhungen geführt haben.

Die 68er-Bewegung war fasziniert von den Arbeitern, die „spontan“ begonnen hatten, für ihre Interessen zu kämpfen. Das war ganz nach dem Geschmack derer, die gerade angefangen hatten, den „langen Marsch durch die Institutionen“ anzutreten.

Die Septemberstreiks waren auch ein Stück Europäisierung. In Italien und Frankreich – in beiden Ländern gab es starke kommunistische Parteien – wurden Betriebe und öffentlicher Dienst immer wieder durch Streiks lahmgelegt.

Aber davon möchte ich jetzt nicht sprechen. Ich möchte kurz zurückblicken auf meine ML-Phase. Allerdings kann man von den Gründungen marxistisch-leninistischer Gruppierungen und Parteien in den frühen siebziger Jahren der BRD nicht sprechen, ohne an die Septemberstreiks zu erinnern. Die soziologischen Gelehrten fragten sich, ob man es mit einer „Rekonstruktion“ der Arbeiterbewegung zu tun habe, die politischen Beobachter sprachen von einer „proletarischen Wende“ der einstigen Studentenbewegung. Es schien so, als meldete sich das totgesagte Klassenbewusstsein wieder. Blitzschnell gab es Zehntausende, die sich aufmachten, es zu mobilisieren und zu verwalten.

Ich war einer davon. Ich trat zwar keiner marxistisch-leninistischen Partei bei, aber eher, weil die KPD/ML (Roter Morgen) mich nicht haben wollte. Ich arbeitete in einer Zelle ihrer Studentenorganisation. Ich habe vergessen, wie sie hieß. Ich habe das meiste vergessen. Aus Scham. Ich habe auch das meiste aus meinem Privatleben jener Jahre vergessen. Ebenfalls aus Scham. Ich war 1969 mit 22 Jahren als Jungfrau eine Ehe eingegangen. Mit Sex, Drugs & Rock’n’Roll hatte ich nichts zu tun. Im Mai 1970 kam unser Sohn auf die Welt. Zweieinhalb Jahre später verließ ich Frau und Kind.

Ich war doppelt gescheitert. Privat und politisch. Ich kann in meiner Erinnerung die eine von der anderen Schmach kaum trennen. Ich glaube auch, dass es in Wahrheit nicht möglich ist, aber wahr ist auch, dass ich selbst fünfzig Jahre danach nicht genug Abstand habe, um beides in seinem Zusammenhang darzustellen.

Dennoch seien ein paar Bemerkungen gestattet. Erstens: Ich war nicht naiv. Ich wusste über die Untaten des Stalinismus bestens Bescheid. Ich hatte die sogenannte Renegatenliteratur gelesen. Ich wusste, dass zur sowjetischen Planwirtschaft auch geplante Massenmorde gehörten. Damals war von der Führung festgelegt worden, wie viel Prozent der Kader oder auch bestimmter Gruppen der Bevölkerung in Lager verfrachtet oder umgebracht werden mussten. Auch hier galt das Prinzip von Planerfüllung und Übererfüllung.

Ich wusste auch, was an Massenmorden während der Kulturrevolution stattfand. Im sinologischen Seminar gab es eine englische Wochenzeitschrift aus Hongkong, die akribisch Tageszeitungen, Wandzeitungen, Angaben von Flüchtlingen sammelte und verglich. Jeder, der sich dafür interessierte, wusste, dass vor aller Augen im Reiche Maos Hunderttausenden ihre Existenz, ihr Leben genommen wurde.

Ich war nicht unwissend. Ich wollte stark sein und Stärke zeigen. „Die Revolution ist kein Deckchensticken“, zitierte ich. Ich leugnete die mörderischen Seiten des real existierenden Sozialismus nicht. Ich verteidigte sie. Wer die Revolution will, der muss sie machen. Das war Lichtjahre, nämlich Millionen Tote, entfernt von dem, was Himmler im Oktober 1943 seinen SS-Gruppenführern sagte: „Von euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben und dabei – abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen – anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht.“ Aber das war meine – nicht nur meine – Einstellung zur Notwendigkeit der Gewalt.

Ich erinnere mich daran, dass ich in Frankfurt in einem großen Saal der Universität an einem Samstag einem Schauprozess beiwohnte. Eine Frau, ein „Führungskader“ unserer ML-Partei, hatte sich ich weiß nicht mehr was zu Schulden kommen lassen. Nun übte sie hier vor zwei-, dreihundert Leuten Selbstkritik. Ich glaube, ich verstand schon damals nicht, worum es ging. Aber was da ablief, verstand ich nur zu sehr. Zwei, drei Jahre zuvor hatten wir im SDS von Maurice Merleau-Ponty über die Schauprozesse gelesen. Eine der Schauergeschichten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Jetzt war ich damit beschäftigt, sie wieder aufleben zu lassen, mitten im blühenden Konsumkapitalismus.

Die Frau des jüngeren Bruders meiner Mutter, sie war Mitglied der SPD-Linken, vielleicht 35 Jahre alt, hatte mich gebeten, ihr unsere Parteizeitung mitzubringen. Ich weiß nicht mehr, was sie mir alles sagte, als sie sie mir zurückgab. Ich erinnere mich nur noch, wie sie mir verwundert erklärte, das sei alles so altmodisch. Ich verstand sofort, was sie meinte. Ich war ihr dankbar, dass sie nicht das Alleroffensichtlichste sagte, dass nämlich dummes Zeug darin stünde und das auch noch schlecht geschrieben.

„Altmodisch“ – dagegen war nichts zu sagen. Das wollten wir sein. Klassen und Klassenbewusstsein, Partei und Organisation. Da wollten wir wieder hin. Ein Jahr zuvor noch hatten wir die Fantasie an die Macht bringen wollen, jetzt plädierten wir für die Fantasielosigkeit. Es gab Druckkollektive, die lebten über Jahre vom Verkauf der Nachdrucke von Lenins und Stalins Werken. Es gab Tausende, die kauften den kompletten Reprint der Zeitschrift der Komintern. Wir flohen vor der Gegenwart.

Die ML-Bewegung war ein Kostümball. Man könnte lachen darüber, wenn nicht die Unterwerfung des Einzelnen, seine Gehirnwäsche, Teil der Praxis gewesen wäre. Wenn man sie nicht selbst an sich und anderen praktiziert hätte. Ich war MLer geworden nicht trotz dieser Auswüchse, sondern sie hatten mich gereizt. Ich wusste das schon damals, als ich mittendrin stand. Ich war stolz darauf, meinen Willen, meinen Verstand, meine Empfindsamkeit abgegeben zu haben. Das „Sacrificium intellectus“ war mir aus der Geschichte des Kommunismus wie des Christentums vertraut. Das Gefühl der Befreiung, das damit einherging – auch das kannte ich aus der Literatur.

Die marxistisch-leninistische Bewegung der frühen siebziger Jahre erlaubte uns nicht nur, sie forderte uns auf, die Revolution im Gewande des Spießbürgers mit ordentlichem Familienleben und spießbürgerlichen Hobbies zu betreiben. Wir sollten uns im Volke bewegen wie Fische im Wasser. Dabei waren wir kurz zuvor Kinder von Marx und Coca Cola geworden, um nicht mehr die Kinder der Nazis sein zu müssen. Im Jahre 1969 war der Zweite Weltkrieg gerade halb so lange her wie heute das Jahr 1969. Das ist heute so lange her wie damals der Erste Weltkrieg.

Meine Tante hatte recht. Wir trugen hoffnungslos veraltete Klamotten. Wir hatten uns abgewandt von der Gegenwart und versuchten, alte Schlachten zu kämpfen. Wie kleine Jungs, die auf dem Teppich ganze Heere aus kleinen Figürchen gegeneinander antreten lassen. Oder ähnelten wir nicht eher schwerhörigen Alten, die angesichts der Wilden Streiks glaubten, längst vergessene Melodien wieder zu hören, und anfingen zu tanzen?

Der Besuch des Schauprozesses an jenem Samstag in dem großen Uni-Saal war angeordnet worden. Ich war hingegangen, ließ meine Frau und meinen Jungen allein. Sie befand sich in einem Zustand, den ich nicht verstand, den ich – so dumm und empfindungslos war ich – als Angriff auf mich begriff. Heute würde man ihn „postnatale Depression“ nennen. So wie ich politisch mein Ich abgegeben hatte, so erwartete ich auch von meiner – von mir – aus Neapel verschleppten Gattin, dass sie auf ihr Ich verzichtete. Sie tat das radikaler als ich in immer wieder neuen Selbstmordversuchen.

Als sie einen anderen Mann fand, nutzte ich die Gelegenheit und ging. Ein paar Monate dauerte es, bis ich die Kraft fand, mich ihr und damit meinem Sohn wieder zu nähern. Es war die Zeit, da Freunde – und ich mit ihnen – die marxistisch-leninistische Gruppe verlassen hatten und wir uns langsam wieder einfädelten in der Frankfurter undogmatischen Linken.

Es gibt drei Dinge, die die ML-Erfahrung mich gelehrt hat:

1. Politik heißt Ichstärkung. Sie ist nicht dazu da, die schwachen Einzelnen in die Illusion eines „gemeinsam sind wir stark“ zu treiben. Sie soll Räume schaffen, in denen die Einzelnen zu sich selbst finden können. Sonst taugt sie nichts.

2. Intelligenz schützt vor keiner Dummheit. Es ist nicht nur so, dass die Konzentration auf eine Sache dich andere Dinge übersehen lässt. Du kannst deine Intelligenz aufwenden, um dir und anderen den Verzicht auf sie als besondere Leistung zu verkaufen.

3. Empathie schützt nicht vor völliger Empfindungslosigkeit. Sich einzusetzen für die Erniedrigten und Beleidigten kann eine Wut in dir aufsteigen lassen, die dich fähig macht, für die vermeintlich gute Sache das Schlimmste zu tun.

Wenn ich heute Menschen sehe, die bereit sind, Tausende Flüchtlinge im Meer oder an den Grenzen Europas oder gar vor der eigenen Haustür verrecken zu lassen, um der vermeintlichen Rettung des eigenen Volkes willen, dann entdecke ich darin jene Logik, der ich selbst einmal folgte. Ich bin gegen sie, weil ich weiß, wohin sie führt. Nicht weil ich es gelesen, sondern weil ich es an mir erlebt habe.

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