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Lebendige Farbigkeit: Blick von Münchens Ganghofer Straße, im Vordergrund das KPMG-Gebäude.

Das Städtische als offener Rahmen

Münchens Pinakothek der Moderne ehrt mit dem Architekten Otto Steidle einen Protagonisten des Wohnungsbaus

Von OLIVER G. HAMM

Bruno Taut soll in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts allein in Berlin rund 10 000 Wohnungen errichtet haben. Ernst May war zur gleichen Zeit in Frankfurt kaum weniger produktiv. Was für die Heroen des Neuen Bauens, die als Städtebauer und Architekten gleichermaßen reüssierten, noch eine Selbstverständlichkeit war, ist für heutige Baumeister ein seltener Glücksfall: sich über einen längeren Zeitraum und in großer Stückzahl mit - qualitativ hochwertigem - Wohnungsbau beschäftigen und beinahe nebenbei als Planer das Gesicht ganzer Stadtteile prägen zu können. Der Münchner Architekt und Städtebauer Otto Steidle, im März 60 Jahre alt geworden, hat sich mit der Teilvollendung des von ihm geplanten Stadtquartiers auf der Münchner Theresienhöhe selbst das schönste Geschenk gemacht, zumal er mit Adolf Krischanitz, Ortner + Ortner und Hilmer, Sattler & Albrecht befreundete Architekten beteiligen konnte.

Lebendiges Bild

Vor sechs Jahren hatte Steidle den städtebaulichen Wettbewerb für das Quartier auf dem ehemaligen Messegelände nahe dem Bavariapark gewonnen. Sein Entwurf sah ein - an das Gründerzeitviertel Westend angrenzendes - dichtes Stadtviertel vor, mit block- oder zeilenförmigen Bauten entlang den Hauptverkehrsstraßen und einer aufgelockerten zeilen-, beziehungsweise punktförmigen Bebauung im inneren, die sich zum Bavariapark orientiert. Im nördlichen, nun fertiggestellten Baugebiet konnte Steidle sein ursprüngliches Konzept weitgehend bewahren - und als Architekt eines Großteils der Bauten auch unmittelbar umsetzen. So stammen neben zwei Wohnbauten "in zweiter Reihe" alle drei großen Bürobauten entlang der Ganghoferstraße von ihm: die "Esplanade", zwei nahezu identische, winkelförmige und durch gemauerte Keramikfassaden geprägte Riegel sowie die Hauptverwaltung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, die ihrer Größe und Farbigkeit wegen die Blicke der Passanten auf sich zieht.

Durch vier Höfe gegliedert und in der Höhe mehrfach gestaffelt, vermittelt das KPMG-Gebäude ein äußerst lebendiges und differenziertes Bild. Die von Weiß über Grau, Gelb, Orange und Grün bis Schwarz changierende Farbpalette der schmalen, mit Keramik verkleideten Pfosten und Riegel der Hauptfassade an der Ganghoferstraße, von der über eine Arkade und einen Hof der Eingang erschlossen wird, lässt den großvolumigen Bau beinahe tanzen - ohne dass es dazu einer postmodernen, dekonstruktivistischen oder Blob-Attitüde bedarf. An den Seiten, in den Höfen und auf der zu den Wohnbauten orientierten Rückfront prägen ruhigere monochrome Fassaden das Bild, die mit ihrer Reihung hochrechteckiger Fenster aber immer als Variation der Hauptfassade erkennbar sind.

Den nordöstlichen Abschluss des KPMG-Blocks bildet ein freistehender fünfzehngeschossiger Wohnturm, den Steidle als Reminiszenz an den Messeturm entworfen hat, der früher an gleicher Stelle stand. Seine zwischen Ocker und Hellrot variierenden Putzfassaden geben einen ruhigen Hintergrund ab für das Spiel der großflächigen, versetzt angeordneten Balkone, die wie aus einer Kommode herausgezogene Schubladen wirken und die geschossübergreifende Kommunikation fördern. In dem Wohnturm befinden sich überwiegend Zwei-Zimmer-Wohnungen für den viel beschworenen Urbaniten.

Er ist ein neues Angebot für eine städtische Wohnform, die es so (hoch gestapelt) in Deutschland bisher kaum gab. Gänzlich neu ist, dass das Hochhaus, wenngleich ein solitärer Baukörper, eng in den städtebaulichen Kontext eingebunden ist, sich geradezu aus ihm emporgereckt zu haben scheint. Jedes einzelne Haus des Quartiers auf der Theresienhöhe, also auch der Wohnturm, entwickelt sich individuell aus dem bewusst offenen Ordnungsgefüge des städtebaulichen Plans - das Quartier verträgt auf diese Weise nicht nur verschiedene Baukörperformationen und Nutzungen, sondern auch unterschiedliche architektonische Handschriften, ohne an Stringenz zu verlieren.

"Prinzip Offenheit"

Auf der Theresienhöhe konnte Otto Steidle sein städtebaulich-architektonisches Credo nahezu in Reinform verwirklichen. Ihm geht es um eine in der Nutzung, in der Gestaltung der Baukörper und auch in der Farbgebung möglichst differenzierte Variation innerhalb eines offenen städtebaulich-gestalterischen Rahmens, der Veränderungen und eine Realisierung über einen längeren Zeitraum verträgt und gerade deshalb nicht Gefahr läuft, als Torso eines einmal entworfenen - aber nie erreichten - Idealplans zu enden.

Dieses "Prinzip Offenheit" innerhalb eines Rahmens urbaner Elemente prägt auch zahlreiche seiner früheren Bauten und städtebaulichen Entwürfe, wie eine Ausstellung im Architekturmuseum der Technischen Universität München in der Pinakothek der Moderne eindrucksvoll belegt. Die dichte Werkschau in Form einer Bildergalerie mit Petersburger Hängung, die durch zahlreiche Modelle, vier Videofilme (von Verena und Franziska von Gagern) und Arbeitsproben des Berliner Künstlers Erich Wiesner, der seit 20 Jahren als "Färber" für Steidle tätig ist, ergänzt wird, bezeugt Steidle als Meister der offenen und auch der großen Form.

Mit der Wohnanlage mit Büro in der Genter Straße 13 in München-Schwabing (ab 1969), noch heute Sitz des Büros Steidle + Partner, entlockte er gemeinsam mit Doris und Ralph Thut dem damals verpönten elementierten Bauen ganz neue Möglichkeiten: Ein Betonskelett dient als Rahmen für individuell bestimmtes Wohnen und Arbeiten, das sich innerhalb des "Rohbaus" frei entfalten und immer wieder neu artikulieren kann.

Nach weiteren Experimenten mit diesem Bautypus in Nürnberg (Wohnanlage Elementa, 1974) und Kassel (documenta urbana, 1982) beschäftigte sich Steidle zunehmend mit Fragen der Erschließung, der Gemeinschafts- und Freiräume - nicht nur in Wohnsiedlungen wie in Mainz-Lerchenberg (1994), sondern auch beim Verlagshaus Gruner + Jahr in Hamburg (1990) und bei der Universität Ulm West (1994), seinem bislang poetischsten Werk, das er vor zwei Jahren durch eine - gleichfalls durch Holz, leichte Ausbauelemente und Farbe geprägte - Bibliothek ergänzen konnte.

Seit vielen Jahren genießt Otto Steidle auch im Ausland einen Ruf als ausgezeichneter Wohnungsbauarchitekt. Neben zwei Siedlungen in Wien (1991/93) und einer Wohnanlage mit Altenpflegeheim in Innsbruck (1999) kann er seit diesem Jahr auch in China ein erstes Werk vorweisen: In Peking errichtete er in nur zwei Jahren eine Siedlung mit rund 1000 Wohnungen in vier- bis zwölfgeschossigen Hofhäusern, die von einer schlangenförmig verlaufenden Arkade zusammengehalten werden. Vorbild für diese Siedlung war ein - allerdings in fünf Bauabschnitten und sieben Jahren gewachsenes - "Wohnquartier Freischützstraße" im Münchner Norden (2001), das mit seinem Wechsel von Scheiben- und Turmhäusern immerhin auch rund 700 Wohnungen beherbergt. Diese verfügen, wie auch jene in Peking, über eine große Bandbreite an Grundrissen, Frei- und Gemeinschaftsräumen. Es scheint, als ob Bruno Taut und Ernst May in Otto Steidle einen würdigenNachfolger gefunden haben.

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