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Die nagelneue Altstadt von Frankfurt mit 15 rekonstruierten Häusern und 20 in historischer Anmutung errichteten Häusern ist heftig umstritten.

Frankfurter Altstadt

Stadträume anstelle von Ego-Architektur

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Rekonstruktionen wie die neue Frankfurter Altstadt sind Indiz für Versäumnisse der Moderne und Reaktionen auf den Verlust der Vielfalt. Könnte sein, dass sie in der Bevölkerungsmehrheit Zustimmung findet.

Viele Städte bemühen sich, ihre Innenstädte durch Architektur-Highlights attraktiver zu machen, vor allem, um Touristen anzulocken. Hamburgs Elbphilharmonie oder Bilbaos Gehry-Museum lösen Begeisterung aus. Und das, obwohl der sogenannte Bilbao-Effekt oft vor allem darin besteht, öffentliche Steuermittel aufzuwenden, um Touristenausgaben in die privaten Taschen von Gastgewerbe, Einzelhandel und Anlegern zu lenken. 

Auch Frankfurt wollte ein neues Highlight haben und ließ sein potthässliches, vulgärfunktionalistisches „Technisches Rathaus“ abreißen und an dessen Stelle ein Stück seiner früheren Altstadt wieder auferstehen. Das löste in der überregionalen Presse unerwartet heftige Kritik aus: „Folklore“, „Disneyland“, zuletzt war gar von einer „Neonazi-Initiative“ die Rede. Fast 1000 Menschen unterzeichneten eine Petition der Fachzeitschrift „arch+“ „Wider den modernefeindlichen Architekturpopulismus“. Man hatte im Frankfurter Initiativ-Verein mindestens zwei namentlich genannte, extrem rechte Mitglieder entdeckt und warnte eindringlich vor rechter Unterwanderung gutmeinender Stadtbildvereine. In der Presse wurde an die Debatte um die Stuttgarter Weißenhofsiedlung durch die Nazis erinnert. Deren Vorzeichen waren 1927 allerdings umgekehrt: Die Nazis verteufelten die Moderne.

Bei der nichtfachlichen Bevölkerungsmehrheit wird die neue Frankfurter Altstadt voraussichtlich dennoch Zustimmung finden. Könnte es sein, dass es hier gar nicht um die Frage völkisch/nichtvölkisch geht, sondern um Unterschiede in der soziokulturellen und sinnlichen Wahrnehmung durch Fachwelt und Bevölkerungsmehrheit? Dieser Verdacht ist nicht neu. Er wurde bereits 1968 artikuliert. Und zwar von links. Unter anderem in Berlin vom Werkbundtag und in Frankfurt von der Mitscherlich-Schule. Man warf einer unkritischen Moderne allzu selbstgerechte Missachtung legitimer Bevölkerungssehnsüchte vor sowie allzu große Ökonomie-Hörigkeit. In der damaligen und späteren Kritik wurden vor allem drei Defizite beschrieben: 1. Totalverlust des Stadtraums. 2. Verlust der regionalen Vielfalt. 3. Besitzbedingte, funktionswidrige Entmischung.

Tatsächlich hat ja die Architektur-Avantgarde hervorragende Einzelbauten hervorgebracht, mit denen die Städte – wie oben beschrieben – Eigenwerbung betreiben. Aber noch nie in der Geschichte hat es eine derartige Diskrepanz zwischen theoretischem Anspruch und abgeliefertem Durchschnitt gegeben wie in der Moderne. Städtebaulich hat sie Glück gehabt, dass es kaum Bedarf an völlig neuen Städten gab. Aber die wenigen von Grund auf neu geplanten oder gebauten sind alle gründlich danebengegangen, von Le Corbusiers überheblichem Paris-Ersatz bis zu Chandigarh und Brasilia. Früher gab es zwar Städte, die in Jauche versanken. Aber es gab keine geplant schlechte Architektur.

Zum Stadtraum ist zu sagen: Der vormoderne Städtebau wurde nicht von den Gebäuden her entwickelt, sondern vom Stadtraum her. Die Stadt war eine Komposition aus Raumfolgen. Der öffentliche Raum war das „primär Gemeinte“, Schauplatz von Gesellschaft und Gemeinschaft. Die Gebäude waren nur das „sekundär Gemeinte“. Sie waren dazu da, die Stadträume so zu modellieren, dass man jederzeit wusste, wann man einen Stadtraum verließ und den nächsten betrat. 

In sogenannten „Schwarzplänen“ wurden diese primären öffentlichen Raumfolgen schwarz gezeichnet. Die Flächen für die sekundären Gebäude blieben weiß. Das zeigt, dass die Entwicklung der Stadt vom Raum her damals absichtsvoll und bewusst geschah. In modernen Städten interessieren dagegen nur die Gebäude. 

Es entstand ein stumpfsinniger Aufzählungsstädtebau. „Punkt, Zeile, Hügel“ lautete der Titel eines Architekturbuches. Sowohl in den Trabantenstädten und Großsiedlungen als auch in den Citys mit ihren Hochhäusern wurde der Raum zum zufälligen Restbrei, zum bloßen Immobilienabfall. Und die gute alte Blockrandbebauung mit ihren absolut ruhigen Höfen hat man ausgerechnet zu dem Zeitpunkt beseitigt, als erstmals in der Geschichte der Verkehrslärm aufkam. Der berühmte Zeichner Saul Steinberg hat diese schreckliche Banalisierung des Raumes schon in den 50er Jahren in bitterbösen Karikaturen glossiert. Sie gilt auch für die oben bereits genannten Leit-Entwürfe der Avantgardisten. Zugegeben: Seit den 60er Jahren hat sich einiges gebessert. Dennoch kein Grund, auf dem hohen Ross zu sitzen.

2. Ein ähnliches Schicksal wie dem Stadtraum widerfuhr der regionalen Vielfalt. Niemand würde die andalusischen „weißen Dörfer“ in Russland, die roten schwedischen Holzhäuser in Nigeria, die pastellfarbenen italienischen Bergdörfer in Japan oder die Backsteinbauten der deutschen Ostseeküste in Südamerika verorten. In der Moderne stehen dagegen überall auf der Welt die gleichen gesichtslosen, rundum verglasten Bürohochhäuser, in Toronto verschwenderisch beheizt, in Nairobi noch verschwenderischer gekühlt. Ihre Rundumverglasung ignoriert nicht nur das örtliche Klima, sondern auch die Himmelsrichtung und vor allem den Nord-Süd-Gegensatz von Sonneneinstrahlung und Sonnenschutz. Sie ist nichts als irrationaler Glasfetischismus. Statt einfach Vielfalt, vielfach Einfalt. Und was die Trabantenstädte angeht, so kann man nicht ausmachen, ob sie in Warschau, Peking oder Lagos stehen. 

In den USA gibt es heute Leichtbauten aus Holz vor allem in Hurrikan-, Waldbrand- oder Überschwemmungsgebieten, massives, erschütterungsempfindliches Natursteinmauerwerk dagegen in Erdbebengebieten. Unsinnige antiphysikalische und antigeografische Verwechselbarkeit und Vermischung sind geradezu zum Beweis von Modernität geworden. Vielfalt ist eine Frage der geografischen Dimension. Weder das weltweite Einheitsgemisch noch die punktuelle Totalvermischung ergeben Vielfalt.

Im Gegensatz zu dieser visuellen Vermischung herrscht auf dem Gebiet der Funktionen eine gebrauchswidrige Entmischung vor. Obwohl sich die Moderne gern „Funktionalismus“ nennt. Sie wird hier weniger von Planern als vielmehr von Besitzinteressen bestimmt. Supermarktbesitzer wollten sich (zumindest vor der kürzlichen Wohnungsbau-Initiative von Aldi) nicht mit Wohnungen abgeben. Über ihren eingeschossigen Läden werden deshalb vier Wohngeschosse verschenkt, die wir dann im Umland vor der Stadt wiederfinden. Kindergärten stehen eingeschossig mitten auf eigenem Grundstück herum, obwohl sie im Erdgeschoss von Geschossbauten nur die Hälfte an Heizenergie und kaum Fläche verbrauchen würden. Und im Walmdach des Landgerichts lagern Akten in Südlage mit Fernblick, während die in jeder Hinsicht arme Rentnerin nebenan im Erdgeschoss auf der Nordseite an der lauten Straße wohnt.

Wie kommt das alles? Es hat vor allem etwas mit unserer Mainstream-Ökonomie zu tun. Und mit der Unfähigkeit vieler Stadtplaner, ihre eigene Rolle als deren willfähriges Werkzeug zu erkennen. Gebäude, sicherlich schon seit langem Spekulationsobjekt, sind ausschließlich zur Ware geworden, zum bloßen Profit-Instrument. Raum lässt sich dagegen nicht ohne weiteres zur Ware machen. Deshalb entfällt er schlicht in der Moderne. Für Gemeinschaft interessiert sich die Ökonomie ohnehin nicht. Sie denunziert sie als Kollektivismus. 

Das Gestrüpp aus Geldspargeln und Phallus-Symbolen in den Citys ist ohnehin Ökonomie-Ergebnis allzu maskuliner Vorstände. Und der Verlust an regionaler Vielfalt ist natürlich Folge der Globalisierung. Die zerstört per se alle Vielfalt: die Artenvielfalt mit globalisierter Chemie, die Sprachenvielfalt mit Computer-Denglisch und die regionale Vielfalt mit Hilfe ihres sinnlosen und umweltfeindlichen Transportfetischismus. Wo man sich früher zwecks Transport- und Energieeinsparung regionaler Ressourcen bediente, verkleidet (oder kostümiert) man heute das Berliner Bundespräsidialamt mit schwarzem indischen Marmor und Mario Bottas Dortmunder Stadtbibliothek mit rotem schwedischen Sandstein. Rationale Gründe gibt es dafür nicht. Es sei denn, man hält den Arbeitsbeschaffungfetischismus für rational, mit dem Transport- und Energieverschwendung gerechtfertigt werden.

Mainstream-Architektur und Mainstream-Ökonomie ziehen gemeinsam an einem Strang. Beiden gemeinsam sind Selbstgerechtigkeit, Gleichgültigkeit gegenüber sich artikulierenden Bevölkerungsbedürfnissen und lineare gedankliche Vereinseitigung. So wie in der Ökonomie vor allem ökonomieinterne Kriterien interessieren, interessierten im Architektur-Funktionalismus vor allem architekturinterne Kriterien wie Funktion, Konstruktion und Technik. Viele gesellschaftliche und soziale Belange überlässt man anderen Disziplinen. Auch die Ästhetik soll sich aus dieser Reduzierung quasi nebenher von selbst ergeben. Im Alltag endete dieser elitäre Fortschrittsanspruch der Avantgarde dann in Abriss, Autowahn und der Bürokratie von Abstandsflächen, Geschossflächenzahlen und Typenwiederholung. Verödung des Raumes und das schreckliche Gemisch der Architekturzoos haben auch zu tun mit einem Verlust von Übereinkunft und Konvention. Früher konnten sich Neuerungen meist nur durchsetzen, wenn sie Verbesserungen brachten. Heute führen Profilierungswettbewerb und solche Medien, die auf die Sensation erpicht sind, zu dem unsinnigen Planerehrgeiz, immerzu das ganz Neue, noch nie da Gewesene zu wollen. 

Die Logo-Salate von Dubai oder Shanghai erhöhen aber nicht Ensemble-Fähigkeit und globale Unverwechselbarkeit. Sie haben eher mit der Ökonomie des schnellen Geldes zu tun.
Gern wird eingewandt, die Industrialisierung und ihre Materialien Stahl, Glas und Stahlbeton hätten nun einmal keine regional unterschiedlichen Eigenschaften. Nein, die Unterschiede resultieren vielmehr aus Temperatur, Himmelsrichtung, Wind und Landschaft ... Und die führen nun einmal nicht zu den weltweit gleichen Ganzumglasungen, die dann durch noch aufwendigere und profitablere Haustechnik wieder kompensiert werden müssen. Auch nicht zu Verkleidungen mit ortsfremdem Sandstein oder Marmor. Auch nicht zu Glas und Sonnenschutz an Nordseiten oder Massivfassaden an Südseiten.

Also doch Rückkehr zu historischen Bauformen, zur Rekonstruktion? Nein. Denn die lösen kein einziges wirkliches Problem, schon gar nicht das eines bezahlbaren Wohnungsbaus. Das Gegenteil von seelenlos modern ist auch nicht nostalgisch gemütlich. In Wirklichkeit lautet die Frage ganz anders, nämlich „Globalisierung oder Vielfalt?“ Wollen wir auch künftig im weltweiten Städtebau auf größtmögliche Vielfalt und Unverwechselbarkeit setzen? Wollen wir unsere Städte noch gestalten, oder sie willenlos dem Spiel von Globalisierung und Marktkräften überlassen? 

Hier haben Rekonstruktionen wie die Frankfurter Altstadt durchaus einen – wenn auch vorübergehenden – Sinn. Nämlich die Planer daran zu erinnern, dass die Moderne mit ihren Aufbruchsdefiziten erst am Anfang steht. Dass sie ihre Zukunft vor sich hat, eine Zukunft, in der hoffentlich irgendwann die Sehnsucht nach optischer Vielfalt und Unverwechselbarkeit zu ihrem Recht kommt.

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