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Der Staat als Zentralbank des symbolischen Kapitals

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Von: Otfried Höffe

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Schwur des zukünftigen Staatsadels: Schüler der École Polytechnique auf den Champs-Élysées.
Schwur des zukünftigen Staatsadels: Schüler der École Polytechnique auf den Champs-Élysées. © afp

Pierre Bourdieus Staatstheorie: Eine Wiederlektüre von dem emeritierten Philosophieprofessor Otfried Höffe.

Erstaunlicherweise ist für Sozialwissenschaftler eine so überragende Institution wie das zwangsbefugte Gemeinwesen, der Staat, mitsamt seiner Kerngrammatik, dem Recht, kein selbstverständliches Thema mehr. Auch der politisch hochengagierte Soziologe Pierre Bourdieu (1930-2002), ein weltweit beachteter Public Intellectual, hat zwar zur „Soziologie der symbolischen Formen“, zur „Politischen Ontologie Martin Heideggers“ und über „Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft“ Monographien verfasst. Eine eigenständige Buchpublikation zum Staat kommt aber nicht vor.

Dem widerspricht nicht das hier noch einmal zu besprechende Werk „Über den Staat“, das in diesen Tagen im Suhrkamp Verlag auch als  Taschenbuch erscheinen wird. Es handelt sich nämlich nicht schlicht um die am Collège de France gehaltenen Vorlesungen, die anschließend zu einer Monographie ausgearbeitet wurden. Nach Auskunft der französischen Herausgeber haben diese nämlich die frei vorgetragenen Vorlesungen um handschriftliche Notizen, Auszüge aus Vorträgen und Randnotizen zu Büchern zu relativ einheitlichen Texten verarbeitet. 

Die Genese des modernen Staates

Juristische und philosophische Staatstheoretiker erwarten bei Bourdieus Thema Ausführungen über die Demokratie, über Gewaltenteilung, über Grund- und Menschenrechte und über rechtliche Grundinstitutionen wie das Eigentum und das Strafrecht. Diese Erwartungen werden hier kräftig enttäuscht. Andere übliche Aspekte tauchen ebenso wenig auf, weder die den Einzelstaat transzendierenden Phänomene des Völkerrechts und einer Weltrechtsordnung (Weltrepublik) oder auch nur die Europa-Idee noch die politische Gerechtigkeit und deren überragender Theoretiker John Rawls, obwohl dessen bahnbrechende Studie „A Theory of Justice“ damals schon einige Jahre vorher ins Französische übersetzt worden war. Insofern wirkt die Art, wie Bourdieu sein Thema behandelt, bei aller Wertschätzung hoher Gelehrsamkeit ein wenig angestaubt.

Der Soziologe konzentriert sich auf die Genese des modernen Staates, den er als ein rechtlich reguliertes Territorium bestimmt, auf dem Staatsbürger mit Rechten und Pflichten leben. Damit greift er die drei traditionellen Bestimmungselemente von Staatsgewalt, Staatsgebiet und Staatsvolk auf. In lockerer Anlehnung an Montesquieus Hauptwerk „Vom Geist der Gesetze“ befasst er sich vor allem mit zwei Staaten, mit England und mit der eigenen Heimat. Und wie Montesquieu in den Perserbriefen auf eine fremde Kultur schaut, so wirft Bourdieu noch einen Blick auf China und Japan.

Bourdieu will herausfinden, wie der Staat jene „kollektive Konstruktionsarbeit“ zustande bringt, die eine „entprivatisierte, entfeudalisierte, entpersonalisierte Macht“ hervorbringt, die zweierlei schafft: eine öffentliche Realität, „Republik“ genannt – was England bzw. das Vereinte Königreich aber nicht ist! –, und eine Nation mit einer gemeinsamen Sprache, einer Fahne, mit einem – erneuter Unterschied zu England – überwiegend öffentlichen Schul- und Hochschulsystem und einer repräsentativen Spitze, dem politisch übermächtigen Präsidenten der französischen Republik.

Dabei wirft Bourdieu die zweifellos aktuelle Frage auf, die in Dolf Sternbergers und Jürgen Habermas’ Gedanken des Verfassungspatriotismus verdeckt wird: Kann man die „Universalisierungspolitik“ der Republik mit jenen „Universalisierungsverlusten“ vereinen, die mit den fraglos partikularen, nämlich französischen, britischen, deutschen, italienischen usw. Nationenbildungen einhergeht?

Nach Bourdieus Hypothese haben die Träger des Nationalismus, etwa die höhere Beamtenschaft, auch „Kleineigentümer kulturellen Kapitals“ wie Verfasser von Wörterbüchern und Grammatiken, ein privates Interesse an der Aneignung der Öffentlichkeit. Wenn diese plausible Hypothese zutrifft, dann liegt hier einer der Gründe für die alle politischen Festreden diskreditierende Differenz der französischen zur deutschen politischen Kultur. Ob sich die führenden Politiker von Frankreich und Deutschland persönlich und sachlich verstehen, ist gewiss nicht belanglos. Auf den nachgeordneten Ebenen, dort wo politische Absprachen nicht mehr fromme Worte bleiben, sondern mit der einschlägigen Meta-Macht, der Bürokratie, exekutiert, dabei allzu häufig deformiert werden, sind die kulturellen Unterschiede enorm.

Bourdieus Genese richtet sich auf den Übergang vom dynastischen Staat, der um die königliche Familie und erbliche Funktionen organisiert ist, zu jenem modernen Staat, der, wie schon Max Weber weiß, von der Bürokratie beherrscht wird. Angetrieben sei der Übergang von einem dem dynastischen Staat innewohnenden Widerspruch: dass zwei Herrschaftsprinzipien miteinander konkurrieren, die Verwandten des Königs und die Minister, also Fachleute, die sogar von außerhalb des Landes kommen dürfen. 

In dieser Konkurrenz setzt sich auf Dauer – darf man sagen: unvermeidlich? – die Fachkompetenz durch, wodurch dynastische Autorität von innen heraus, also keineswegs durch eine externe Revolution, sondern aufgrund eines mehr oder weniger kontinuierlichen Reformprozesses, zur bürokratischen Autorität sich wandelt. In ihr kommt, wie Bourdieu pointiert erklärt, ein „Staatsadel“ an die Macht, was aber nur für Frankreich und England, für Deutschland aber kaum zutreffen dürfte: An die Stelle des Erbadels treten in Frankreich die Absolventen der Großen Schulen, der École polytechnique und der École d’Administration (ENA), in England sogar nicht erst die Absolventen der drei, vier Spitzenuniversitäten, sondern schon die der kostspieligen Internate, weshalb hier die demokratiefeindliche Devise noch Gewicht hat: „Cherchez la classe!“. 

Für Frankreich, darauf weist der erfahrungsoffene Soziologe Bourdieu hin, geht die Analogie von Erb- und Staatsadel noch weiter, denn in der Meritokratie lebt die Hierarchie innerhalb der Aristokratie fort: Die besten Absolventen der ENA werden in die „Einnahmen beschaffenden Ressorts wie das Wirtschafts- und das Finanzministerium“ berufen und wechseln später gern in Privatbanken, tauschen also politischen Einfluss gegen hohe Gehälter. Die weniger erfolgreichen Absolventen wandern in die „ausgabenfreudigen“ Ministerien, die Ministerien des Sozialstaates bzw. des Vorsorgestaates.

Für Deutschland wäre es interessant zu wissen, ob es hier ein ähnliches Phänomen gibt: Lassen sich die besten Jura-Studenten nicht mehr auf eine riskante Universitätskarriere ein, sondern bewerben sich bei den Großkanzleien, in denen es sowohl bei den Verfahren als auch den Vergütungen um sehr viel Geld geht. Ebenso: Finden sich bei den höchsten Gerichten mehr Spitzenabsolventen in den Senaten des Bundesgerichtshof und im Verfassungsgericht als in den Sozial- und Arbeitsgerichten?

Kernbegriff „Kapital“

Der Kernbegriff von Bourdieus Staatsgenese heißt „Kapital“, das aber keineswegs auf den Begriff des Finanziellen verkürzt wird, vielmehr vier „Kapitalsorten“ umfaßt: ein politisches, ein ökonomisches, ein kulturelles und ein symbolisches Kapital, das seinerseits jenes juridische Kapital umfasst, das den Staat „zur Zentralbank symbolischen Kapitals“ werden lässt. (Ob die „harten Zwangsmittel“ des Staates wie die Polizei, die Strafgerichte und die Armee mit ihrer Nuklearmacht sich unter die symbolische Macht subsumieren lassen, sei hier dahingestellt.) Nicht minder überzeugend ist Bourdieus Rede von einem Kapital zweiter Stufe, einem „Meta-Kapital“, das über die anderen Kapitalsorten Macht ausübt.

Erlaubt diese kursorische Wiederlektüre eine Bilanz? Eine künftige Staatstheorie sollte weder Bourdieus thematische Defizite übernehmen noch die deutlich französische Perspektive für verallgemeinerbar halten. Auf kräftige Anteile der hier nur angedeuteten sozialgeschichtlich und soziologisch gesättigten Erfahrung sollte sie aber nicht verzichten. Dazu rechne ich auch Bourdieus abschließende Frage, denn in ihr klingt eine für den gewiss nicht konservativen Soziologen erstaunlich hohe Wertschätzung des – nationalen – Staates an: „Ist die [neuere] ,Wiederkehr der Religiösen‘ nicht in Wirklichkeit eine Folge des Rückzugs des Staates?“ 

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