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Ist Europa nur noch gut für eine Koch-Show?

Mousonturm

Gob Squad: Der Unfug dieser Zeit

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Vergnüglicher Saisonstart mit Gob Squad und „I Love You, Goodbye“ im Mousonturm Frankfurt.

Wer Grüne Soße mit Buttermilch anrührt, gehört als Häretiker verbrannt. Punkt. Eine Inquisition, die das hinkriegt, fehlte der deutsch-britischen Gruppe Gob Squad in ihrem Stück „I Love You, Goodbye (Unfuck my Brexit Edition)“ allerdings. Somit war man auf jene Staatsform zurückgeworfen, die Churchill die schlechteste außer allen übrigen nannte: die Demokratie. Das Soßen-Attentat fand seinen Richter daher im Parlament: dem britischen Unterhaus als Mutter aller Parlamente. Der als Unterhaus maskierte Saal im Künstler-„House“, bespielt von sieben Darstellern teils in grotesken Protokoll-Kostümen wie Glitzerschärpen oder Perücken (Ausstattung: Glamour Glaneur), schmetterte zuverlässig per Akklamation die vom Mr. Speaker gestellte Frage ab, ob Buttermilch in Grüner Soße zulässig sei. Dass sich der wechselnde Speaker, stets dem Original John Bercow („Order!!“) nachempfunden, das Wort „Mutter“ verbat und von „Muttermilch“ faselte, trug wohl zum guten Ausgang bei, denn wer will schon B/M/uttermilch in der Grünen Soße? Frankfurts Küche: in hoher Not den EU-Zitzen entrissen.

Kontext ist alles, wie Hamlet beinahe sagt. Das sechsteilige, fünfeinhalbstündige Spektakel „I Love You, Goodbye“, dessen Akteure sich à la Shakespeare mit Ortsnamen titulierten (Somerset! Garbenteich! Warrington!), bot sich am Freitag als Kochshow der Identitäten dar. Und es eröffnete das zehntägige Saisonstart-Festival im Mousonturm und im Frankfurt-LAB. Kuratiert wird „Unfuck My Future – How to Live Together in Europe“ von Matthias Pees und Valerie Göhring.

In milder Lesart steht „Unfuck“ für den Unfug einer Zeit und die verpfuschte Zukunft des Kontinents, die aus den Fugen scheinen. „The future will be confusing“, weiß man schon lang an diesem Ort, dessen Festival auf Großbritannien und Polen sowie auf die Jugend als Zukunftsträger blickt. Dass sich unsere Zeit anschickt, eine Insel vom Kontinent zu trennen (der irische Backstop kam nur in Gestalt von Innereien im Stück vor: frei nach „Ulysses“), derweil irrlaufende Führungsschichten die Problemlösung schwänzenden Kindern wie Greta Thunberg überlassen, ist ja „confusing“ genug.

Spiegelt „Unfuck My Future“ somit die Scheidung Europas am Los der Scheidungskinder, nimmt sich „I Love You, Goodbye“ eher wie das Frust-Essen am Glassarg aus. Europa: nur noch gut für eine Koch-Show? Das Menü war vor allem bunt. Hamburgs Hühnerfrikassee folgten proletarische „Beans on toast“, dem aufwendigen „Trifle“ Omas Quarkspeise mit Mandarinen, der tragischen Erleuchtung in opak Grüner Soße der koloniale Tropendrink.

Dramaturgisch (Christina Runge) war all das in sich ein „Trifle“: ein Durcheinander in sechs Lagen mit Effekten, das sich als Nichtigkeit maskierte, doch still und leise zu großer Form auflief. Reihten sich da antithetische Sätze nach Mustern wie „Was ich an euch nicht verstehe...“, so glich die Reihung der Klischees vom andern tragischen Stichomythien. Die Verkleidungen etwa als Kartenhaus, das Königsdramen-Gehabe, die Auflockerung mit „Order!“-Rufen und köstlichen Dialogen, das ironische Ringen um Klarheit, der wilde Musikmix von der Muzak bis zum Zitat aus Harrisons „Something“: vergnüglicher hätte der „Trifle“ kaum sein können. Kürzer freilich schon.

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