Massimo Cacciari

Die Sprache ist kein Katzenstreu

  • schließen

Ein Appell des italienischen Philosophen Massimo Cacciari.

Kunstwerke der italienischen Renaissance in Sonderausstellungen zur Zeit an mehreren Orten. Florenz zu Gast in München, Mantegna und Bellini in Berlin, Tizian in Frankfurt, die Aktmalerei der Epoche in der Londoner Royal Academy, Antonello da Messina in Palermo und im Palazzo Royale in Mailand. So erscheint ein schmaler Band, dem die baldige Übertragung ins Deutsche zu wünschen ist, im richtigen Augenblick: „La mente inquieta“ (Der unruhige Geist, deutsch besser vielleicht: Der Geist der Unruhe).

Verfasser ist der Philosoph Massimo Cacciari, zwischen 1993 und 2010 für zwei Amtsperioden Bürgermeister von Venedig, ein Denker also, zugleich aber auch ein politisch erfahrener Praktiker.

Während der Jahre, in denen er Verantwortung trug für eine der schwierigsten Großstädte Westeuropas, galt er als skeptisch gegenüber den allzu enthusiastischen Befürwortern der Globalisierung – in einer damals viel beachteten Rede vertrat er zum Beispiel die Ansicht, dass bei allen wirtschaftlichen Vorzügen der Internationalisierung von Wirtschaft und Handel, es für den normalen Bürger schließlich doch lebensentscheidend bleibe, wo er täglich seine Milch kaufen könne.

Wenn Cacciari sich nun befasst mit der Kunst und der Gesellschaft im Italien des 15. und 16. Jahrhunderts, so ist das kein Themenwechsel, der gegenwärtige Verhältnisse aus dem Blick verliert. Vielmehr haben wir es zu tun sowohl mit der Korrektur der aktuellen Einschätzung einer historischen Epoche als auch mit einer daraus abgeleiteten Kritik an heutigen Zuständen. Komprimiert gefasst, besteht die Korrektur darin, dass Cacciari die italienische Renaissance nicht verstanden haben will als Goldenes Zeitalter allgemeiner politischer und ästhetischer Übereinstimmung, gleichsam als ein Konsens-Triumph von einiger Dauer. Mit dem Effekt glücklicher Harmonie für (fast) alle am praktischen Leben wie an der Erstellung von Architekturen, Bildern, Skulpturen, an Dichtung und Musik Beteiligten. (Dies eine Vorstellung, welcher auch der deutsche Kunsthistoriker Martin Warnke schon vor Jahren sehr nüchtern begegnet ist.)

Vielmehr sei die Renaissance in Wahrheit eine Zeit schärfster Auseinandersetzungen zwischen durchaus gegensätzlichen Meinungen und Haltungen gewesen, und zwar in den Künsten ebenso wie gesellschaftspolitisch. Jedoch, und damit erreicht Cacciari die Gegenwart, hätte das Gegeneinander von Positionen vor sechshundert Jahren zu Formen der Austragung geführt, die noch aus der Differenz gesellschaftlich produktiv werden konnten. Indem nämlich eine Epoche großer Unruhe für ihr Konflikte, so Cacciari, „eine Sprache gefunden“ habe. Es sei nun aber heute gerade der Verlust von Sprache zu einem kennzeichnenden Merkmal unserer Jahre geworden. Der Verlust von reflektieren Ausdrucksformen für noch die heftigsten Diskrepanzen – weder für unsere Verzweiflung und unsere Trauer, noch für unsere Wut hätten wir Worte und Sätze. So käme es notwendig nur zu ungezügelten Ausbrüchen von Gefühlen, Reaktionen des „Wutbürgers“.

Unauflöslich seien aber Sprache, Gefühle und Ideen miteinander verbunden und aufeinander angewiesen. Mit dem Unvermögen zu sprechen, das heißt: divergierende Meinungen tatsächlich „zur Sprache zu bringen“, ist auch verloren, was für Cacciari die wesentliche Leistung des Humanismus im Denken der italienischen Renaissance ist: Er führt dazu den Begriff der „Amicizia“ ein, Freundschaft, für ihn eine Art von Grundverhalten wechselseitiger Anerkennung und Nähe miteinander streitender Parteien. Weit überlegen dem, was uns als Toleranz gilt, die doch immer eine Überlegenheit dessen einschließt, der sich als tolerant bezeichnet.

Erst diese „Amicizia“ macht uns zu Menschen. Voraussetzung: Wieder eine Sprache zu sprechen, weil jede Idee, jeder Gedanke erst durch die sprachliche Fassung wirksam werden kann – Cacciari in einem Gespräch mit „La Repubblica“: „Aufhören müssen wir, Katzenstreu zu machen aus der Sprache und damit auch aus den Ideen“. Eine Bemerkung, die sich zu Zeiten der italienischen Regierung von Salvini und den Fünf Sternen auf diese bezieht. Aber nicht nur auf jene in dem anderen Land.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion